Radar

Peter Lodermeyer

Peter Lodermeyer über Nelleke Beltjens
Nelleke Beltjens: "*", 2005/ 2006, Stahl (Courtesy Hosfelt Gallery, San Francisco / New York)

PETER LODERMEYER ÜBER NELLEKE BELTJENS

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Peter Lodermeyer, Kunsthistoriker und freier Autor, über die niederländische Künstlerin Nelleke Beltjens.
// PETER LODERMEYER, BONN

Die Zeichnungen der Niederländerin Nelleke Beltjens (Jahrgang 1974) gehören zum Spannendsten, was in diesem Medium zurzeit zu sehen ist. In ihnen finden Gegensätze wie Präzision und Verträumtheit, Reduktion und Überfülle, Schlichtheit und Sinnlichkeit zwanglos zusammen. Diese Arbeiten überfordern den Betrachter aufs Anregendste.

Die dramatischen, fast barocken Strichballungen der "Complex"-Serie von 2006 und die in monatelanger Geduldsarbeit entstandenen Werke der aktuellen Reihe "Incomplete Completion", die aus Zigtausenden millimeterkurzen Strichen bestehen, sind nicht für den schnellen Blick gedacht. Sie wollen lange und aus wechselnden Abständen betrachtet werden. Angemessen fotografieren lassen sie sich ohnehin nicht. Das nicht Sichtbare ist Teil dieser Arbeiten, denn die Linien von "Incomplete Completion" bestehen immer auch aus unzähligen Leerstellen.

Diese Zeichnungen erzeugen mit eher einfachen Mitteln ein solches Übermaß an Information, dass der Betrachter es nur durch immer neue Assoziationen bewältigen kann. Was immer wir in ihnen zu sehen glauben – es ist unvermeidlich unsere eigene Vorstellungskraft, die hier mitarbeitet. Ob man an Wolken denkt, an Kosmisches, an geografische Karten, an Spinnennetze oder was auch immer: Jede begriffliche Bestimmung tut für die Anschauung stets zu viel und zugleich zu wenig.

Beltjens transferiert Musik in grafische Strukturen

Wer ganz genau hinsieht, wird vor allem spüren, dass die Zeichnungen voller Musik sind. Ihre Rhythmik und ihre Komposition sind intuitive Übersetzungen von musikalischen in grafische Strukturen; sie ergeben sich aus der Musik, die Nelleke Beltjens während der Arbeit im Atelier hört. Ihre Zeichnungen sind bisher nur in Amsterdam, San Francisco und New York ausgestellt worden. 2009 wird die Kölner Galerie Christian Lethert sie zum ersten Mal in Deutschland präsentieren.

Auch Beltjens' Skulpturen, vor allem ihre großflächig ausgebreiteten Bodeninstallationen, spielen mit den Gegensätzen von Einfachheit und assoziationsreicher Komplexität. Nach vielen Materialexperimenten hat sie in den letzten Jahren ausschließlich in Stahl oder Holz gearbeitet. Die neueren Skulpturen stehen meist auf abgerundeten Flächen, suggerieren Bewegung und kommen mit einem Minimum an Bodenhaftung aus. Sie spielen plastische Basisthemen wie Gewicht, Masse, Körperlichkeit und Raumbezug auf eine Weise durch, die alles Monumentale, aber auch alles Beliebige vermeidet.

Installationen ihrer Stahlskulpturen mit dem ungewöhnlichen Titel "*" haben die selbstverständliche Prägnanz von Sternbildern. Die Naturerlebnisse in den grandiosen US-amerikanischen Landschaften sind Beltjens' wichtigste Inspirationsquelle. Nicht zufällig hat sie sich derzeit in die Einsamkeit Montanas zurückgezogen. Ihre eher kleinformatigen Skulpturen beweisen Eleganz und Sensibilität für die Feinheiten des Materials; sie präsentieren sich klar, kraftvoll und auf subtile Weise feminin.

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