Markus Draper - Görlitz

Plattenbau Reloaded

Er ist der unterschätze Gigant unter den DDR-Me­mo­ra­bi­li­en – der Plattenbau. Künstler Markus Draper entdeckt ihn als Kulisse für eine subjektive Tiefenbohrung in die sozialistische Vergangenheit.

Die Architektur von Markus Drapers aktueller Ausstellung im Herzen von Görlitz besteht zu großen Teilen aus Spanplatten mit Holzstützen. Wenn der Künstler ausgerechnet hier derlei Kulissen inszeniert, hat er den Finger am Puls seiner Geburtstadt. An – oder besser: auf der polnisch-deutschen Grenze gelegen, hat sich der Ort zu einem beliebten Schauplatz der Filmindustrie gemausert.

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Strecken Teaser

Görlitz selbst ist zur Kulisse geworden. Nicht nur Quentin Tarantino drehte hier seine "Inglorious Bastards", Stephen Daldry seine "Vorleserin" und Wes Anderson das "Grand Budapest Hotel", auch das DDR-Drama nach Uwe Tellkamps Intellektuellenepos "Der Turm" wurde hier verfilmt. Versteht sich, dass die Görlitzer stolz sind auf diesen Bedeutungsgewinn. Doch der cineastische Ruhm ist Teil eines veritablen Dilemmas, das sich aus Randlage, Zeitgeschichte und dem allgegenwärtigen urbanen Museumscharakter speist.

Die Tragödie seines Vaters – Stadtarchitekt in der DDR

Im Jahr 25 der deutschdeutschen Wiedervereinigung setzt Markus Draper dieses Dilemma ins Bild, beziehungsreich gegliedert in vier Szenen – jede einzelne davon wäre filmreif. Der Künstler, der in Dresden studiert hat und schon lange in Berlin lebt, ist hier aufgewachsen. Sein Vater, 1999 verstorben, war Chef des Stadtplanungsamtes und zwar bis in die achtziger Jahre hinein. Mitten in einer einst ehrwürdigen Stadt, die damals – zumindest was ihre alte Bausubstanz betraf – dem Untergang geweiht war. Eine fast endzeitlich anmutende Kulisse von grauen, oft baupolizeilich gesperrten Straßenzügen.

Aus diesen biografischen Elementen nun spinnt Draper ein fesselndes Garn von schicksalhaften Verstrickungen, Sehnsüchten und enttäuschten Hoffnungen. Er arbeitet dafür malerisch, skulptural, installativ und filmisch – trotz aller Konzeptualität stets mit starkem Formbewusstsein. Ausgehend von der persönlichen Tragödie seines Vaters, der als Stadtarchitekt im Grunde nur noch den Abriss wunderbarer Baudenkmäler zu verwalten hatte. Oder aber den rasanten Aufbau von peripheren Plattenbausiedlungen, die zum ästhetischen Zerrbild des DDR-Alltags und früher Bauhaus-Ideen gerieten.

Wie so viele ostdeutsche Baukünstler, beschrieben etwa in Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" oder dem Film "Die Architekten" von Peter Kahane, geriet der oberste Stadtplaner von Görlitz in das Mahlwerk widerstreitender Ideale. Der utopische Wunsch, am Aufbau einer neuen Gesellschaft ganz buchstäblich beteiligt zu sein, kollidierte empfindlich mit der Staatsdoktrin, die die verfallende bürgerliche Bausubstanz vergangener Tage als obsolet ansah. Dass der Stadtkern Görlitz, der heute als das deutschlandweit größte Flächendenkmal für Zeugnisse aus Gotik, Renaissance, Barock und Gründerzeit zugleich gilt, nicht wie geplant abgerissen wurde, ist allein dem Umbruch von 1989 zu danken. Die Abrissbagger und –birnen standen im Grunde schon bereit.

Tagebücher gegen den Verfall

Beziehungsreich beginnt Markus Draper denn auch seine Schau mit drei ohrenbetäubenden Videoaufnahmen von so genannten "Backenbrechern"; Maschinen, die auch härtestes Gestein zu Staub zerkleinern. Dieses Mahlwerk, heute ganz der Technologie des Recycling verpflichtet, funktioniert in der Ausstellung als Metapher für die damalige Bedrohung des Abrisses. Außerdem steht es für die gleichmacherische Wucht des DDR-Systems, die aus Individualität unter Aufbietung aller dogmatischen Kräfte Uniformität zu hämmern suchte. Es mag klischeehaft klingen, doch blickt man auf die exemplarische Lebensgeschichte von Drapers Vater, werden die Mechanismen des Totalitären offenbar.

Behutsam hat Draper in der zweiten Szene die väterlichen Tagebücher in ein serielles Kunstwerk überführt. Im Nachlass fand er rasterartig angelegte Monatstabellen, mit engen Spalten für Lebensereignisse wie "Person, Familie, Beruf, Gesellschaft, Haus & Garten, Besuch, Reisen, Kultur, Sonstiges, Post". Auch der seltsame Ausstellungstitel stammt aus den Aufzeichnungen: "Inge zu Fuß zur Arbeit" heißt es einmal lapidar über das Tun der Ehefrau. Der Sohn kopierte einige dieser Blätter als Gemälde. Vergrößert und zu kalligrafisch anmutenden Skripturen verunklärt, zeugen auch noch die Repliken dieser Chronik vom Wunsch nach Halt und Stabilität. Der Chronist stemmt sich gegen den Zerfall, den äußerlichen wie innerlichen; gegen das Bröckeln der Ideale wie das Bröckeln der geliebten Altstadt. Doch keine Spur Voyeurismus liegt über den unlesbar gekritzelten Leinwänden – trotz der Intimität des Themas.

Ein Terrorist als Biedermann im Plattenbau

Im der nächsten Abteilung nun wird (Architektur-)Geschichte zum dreidimensionalen, begehbaren Erlebnis. Jene gesichtlosen DDR-Satellitenstädte, die dem Vater das Leben vergällten, werden hier als "Grauzone" zu Protagonisten. Draper ließ sie modellhaft aus Zink gießen und auf Beton sockeln. Sie haben Risse, sind skelettartig hohl: eine entkernte Utopie. Doch wer hier die bereits arg strapazierte Diskussion von DDR-Moderne und deren Für und Wider erwartet, wird enttäuscht. Denn Draper, der sich schon früher gründlich mit dem Mythos RAF beschäftigt hat, schwenkt ganz beherzt in die nächste Kurve gesamtdeutscher Geschichte ein.

Denn ab Anfang der achtziger Jahre diente die Anonymität der Plattensiedlungen als Versteck für exilierte Westterroristen. Eingefädelt von der Staatsicherheit der DDR, fanden Susanne Albrecht, Inge Vieth, Ralf B. Friedrich und andere dort Zuflucht. Ihre radikalen linken Ideen konnten die Extremisten nun in der realsozialistischen Praxis überprüfen und sich als unbedeutende Werktätige am Aufbau der damals schon mächtig schwankenden Gesellschaftsvision beteiligen. Der Mauerfall allerdings beendete diese zweifelhafte Idylle jäh. An diesem Punkt setzt Draper manipulierte schwarzweiße Zeitungsartikel der frühen neunziger Jahre ein: "Vor seinem Wohnhaus wurde XX am Montagabend verhaftet" oder "Ostberliner Wohnhaus: Fast perfekte Tarnung". Statt der ursprünglichen Abbildungen von Wohnblöcken in Magdeburg, Berlin oder Schwedt lanciert der Künstler Aufnahmen seiner eigenen Plattenbau-Miniaturen. Sie wirken wahlweise apokalyptisch oder wie Dokumente einer fernen, rätselhaften Zivilisation.

Tabula Rasa

Zum Schluss der Exkursion kehrt die Ausstellungsdramaturgie wieder in die Gegenwart zurück. 2012 diente Görlitz als Schauplatz für die Verfilmung des Romans "Der Turm", der weithin als längst fälliger Einblick in die DDR-Realität gefeiert wurde. Im Dresdner Intellektuellenmilieu und mit entsprechenden Stereotypen spielend, bot er die Vorlage für einen Streifen, nach dessen Genuss sich so mancher Zuschauer einbilden durfte, nun endlich etwas von dem dunklen Teil Deutschlands verstanden zu haben – nach über 20 Jahren. In Görlitz besorgte man sich die passende Patina für den Dreh.

Wieder ganz Maler, operiert Draper in Szene Vier mit Setaufnahmen des "Turms" und interessiert sich für das Motiv der Kulisse selbst, für nichtssagende Requisiten und Lichteffekte. Das vermittelte Geschichtsbild selbst bleibt obskur, die Nahsicht wird gekonnt verweigert. Seine Gemälde hängen auf einer Tapete von Literaturkopien – Auszüge aus dem berühmten Buch "Der Gefühlsstau", dem schonungslosen Psychogramm der kollektiven DDR-Seele. In diesem Licht erscheint auch das Leben von Drapers Vater wie eine universelle Fallstudie.

So schließt sich der Kreis – im Wortsinn. Denn der Ausstellungsraum im Görlitzer Kaisertrutz ist tatsächlich kreisrund. Wie auf einer Drehbühne hat Markus Draper seine vier Szenen arrangiert. Am Anfang und am Ende des Rundgangs stehen die "Backenbrecher", ihr Höllenlärm von zerbrechendem Gestein. Wenn sie zu Beginn der Ausstellung noch als Sinnbild für eine alles nivellierende Ordnungsmacht standen, so hat sich ihre Symbolbedeutung nun gedreht. Das Mahlwerk macht gleichsam Tabula Rasa. Es bietet nach der um sich selbst kreisenden, oft so paranoid wirkenden Beschäftigung mit DDR-Geschichte, mit Ressentiment und Nostalgie auch eine Art Katharsis an. Nach 25 Jahren Wiedervereinigung ein durchaus erfrischendes Angebot.

Markus Draper: Inge zu Fuss zur Arbeit

Termin: bis 31. Januar 2016 im Kulturhistorischen Museum Görlitz – Kaisertrutz

http://inge-zu-fuss-zur-arbeit.de/