Gotthard Graubner - Filmporträt

Sehen ist heute eine Seltenheit

Immer wenn Joachim Gauck im Schloss Bellevue vor die Presse tritt, ist eines seiner Bilder im Hintergrund zu sehen. Mit seinen großflächigen "Farbraumkörpern" stand Gotthard Graubner (1930 bis 2013) für ein ungebrochenes Pathos der Malerei. Anders sein Schüler Gunter Reski (Jahrgang 1963). Der Berliner Maler hat sich für art einen neuen Dokumentarfilm über seinen einstigen Lehrer angesehen.
Sehen ist heute eine Seltenheit

Tilmann Urbachs Film "Gotthard Graubner: Farb-Raum-Körper" läuft aktuell in verschiedenen Programmkinos

Als ein "wunderbar augenöffnendes Künstlerporträt" lobte die Süddeutsche Zeitung den Film in einer Kurzkritik. Aber ist "Gotthard Graubner: Farb-Raum-Körper", das neue Maler-Biopic, das derzeit durch deutsche Programmkinos tourt, wirklich so empfehlenswert? Wenn man sich in filmischer Entschleunigung üben will, dann ja. Noch im Vorspann hört man leise Graubners Stimme: "Bei mir lassen Sie am besten alles weg, was ich gesagt habe." So selbstkritisch hab ich ihn nicht kennengelernt, als ich beim ihm in Hamburg studiert habe.

Es gibt mittlerweile eine Art Tradition des Staatsmalerfilms, siehe Gerhard Richter und Jörg Immendorff, die es zuletzt ebenfalls in Arthouse-Kinos schafften. Gotthard Graubner ist bei allem Respekt weniger bekannt als genannte Künstler. Das kann sich natürlich ändern. Am ehesten kennt man eines seiner Bilder aus der Tagesschau, wenn der aktuelle Bundespräsident im Schloss Bellevue auf Sendung geht. Genau, dieses sehr große, gelbflirrende Farbquadrat im Hintergrund stammt von ihm.

Gotthard Graubner, der 2013 gestorben ist, hat sich in seinem Lebenswerk gut fünfzig Jahre in einer Art künstlerischen Grundlagenmission ausschließlich der befreiten Farbe gewidmet: also Malerei nur aus Farbe, frei von jeder Form. Wo will und soll die Farbe hin? Natürlich in ganz andere Bedeutungs- und Wahrnehmungsuniversen, so war mal die Hoffnung, es war fast ein Versprechen. In der Malerei hatten sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts bahnbrechende Bildfindungen ereignet, aber auf weitere überraschende Entwicklungsschübe wartet man seitdem. Graubners Beitrag bestand nun in der maximal präzisen nachbarschaftlichen Farbnuance.

Unweigerlich schwirrt Paul McCarthys ultimative Malerveralberung durchs Bild

Der Film versucht dem "Farbraumkörper" sehr andächtig und behutsam auf den Grund zu gehen. Die Bezeichnung "Farbraumkörper" verwendete Graubner ab 1970 für seine mit synthetischer Watte ausgepolsterten Leinwände, in denen die Farbe zwangsläufig versackte, was eine subtile Tiefenwirkung ermöglichte. Er stieß auf dieses Phänomen, als er sich mangels gefülltem Portemonnaie große Pinsel aus Schaumstoff produzierte. Man erfährt im Film, dass – entgegen allgemeiner Einschätzung – meist unzählig viele dünnste Farbschichten, beziehungsweise Lasuren für Graubners typischen Malprozess unerlässlich waren.

Filmszenen, die ihn bei der Arbeit zeigen, kommen nicht zu knapp. Das sieht in der Regel recht entspannt aus für einen Achtzigjährigen, auch wenn von höchster Konzentration die Rede ist. Sehr imposant dabei sind auch die anderthalb Meter langen Pinsel, mit denen Graubner die mehrere Quadratmeter großen Bildflächen bearbeitet. Hier schwirrt unweigerlich Paul McCarthys ultimative Malerveralberung ("Painter", 1995) wie eine verirrte Rückkoppelung durchs Bild. Die Malbewegungen erinnern zugleich an Gärtnertätigkeiten. Oder daran, wie man beherzt einen Fleck wegschrubbt, nur quasi invers. Obwohl, so energetisch geht es dabei selten zur Sache.

Warum haben Künstlerfilme immer so einen huldigenden Widmungstouch ihren Sujets gegenüber, wie man ihn sonst nur von der Berichterstattung über europäische Königshäuser kennt? Insbesondere bei Malerporträts wird das gerne noch salbungsvoller. Gedruckte Biographien erscheinen hingegen oft ohne Einverständnis des Objekts ihres Interesses. So ist eine distanzierte Bestandsaufnahme zumindest möglich. Eine Kamera schafft es aber anscheinend nur mit einem Riesenhaufen Komplimente in die Ateliers, was wiederum an den monomanischen und egofixierten Künstlerrollen der Moderne liegen mag, beziehungsweise daran, dass diese noch so ernst genommen werden.

Warum haben Künstlerfilme immer so einen huldigenden Widmungstouch?

Auf einen bestimmten Künstlernamen wartet man den ganzen Film vergeblich. Und vielleicht ist dieses Warten noch der subtilste Spannungsmoment des Films. Denn eigentlich kann es nicht sein, dass Graubners amerikanischer Kollege Mark Rothko hier komplett unerwähnt bleibt. Wenn jemand essentiell den Farbraum per se in der Moderne durchgesetzt hat, dann er, und das bereits in den vierziger Jahren. Es kann nicht sein, dass er das Werk von Graubner nicht beeinflusst hat, in welcher Form auch immer. Auch Ad Reinhardts Farbvaleurs wären für eine vergleichende Zwiesprache bestens geeignet gewesen.
Stattdessen tauchen im Sinne zeitgeschichtlich künstlerischer Einflüsse nur Konsensklassiker wie Monet, Slevogt, Corinth und van Dyck auf. Ganz zu schweigen vom möglichen Einfluss Graubners auf nachfolgende Malergenerationen.

Ein Grundübel in Graubners Welt zeigt die Kamera, wenn sie eine Busch-und Baumlandschaft abfährt. Es geht um diese Unmenge an unterschiedlichsten Grüntönen und dass heute niemand mehr dieses "Konzert oder Streichquartett der Farben" gebührend wahrnehmen kann. Man möchte meinen, wenn diese "Verarmung des Sehens" tatsächlich das Hauptproblem der Welt wäre, könnten wir eigentlich alle selig über die Wiesen kullern. Aber man kann eben auch nicht jedem Protonenforscher vorhalten, mit seinem Forschungsgebiet ließe sich der Nahverkehr nicht optimieren.

Zum Ende des Films wieder eine Atelierszene: Graubner hält beim Malen inne, meint auf die Frage, ob er jetzt über das Bild nachdenke: "Das Bild fragt auch, nicht nur Sie. Und diese Fragen sind mir noch wichtiger, Entschuldigung."

Gotthard Graubner: Farb-Raum-Körper

Buch und Regie: Tilman Urbach
Kamera: Marcus Schwemin
http://gotthard-graubner-derfilm.de/