Sandro Botticelli

Italiens Topmodel

Vor über 500 Jahren schuf Sandro Botticelli einen Frauentyp, der bis heute unser Schönheitsideal prägt. Sein Werk beeinflusste Künstler verschiedenster Epochen und ist über sämtliche Moden erhaben. Doch warum ausgerechnet Botticelli?
Italiens Topmodel

Eines der meist zitierten Motive der letzten 500 Jahre: Sandro Botticellis "Geburt der Venus", um 1485

Stellen Sie sich bitte die legendäre Szene aus "James Bond jagt Dr. No" vor: Ein paradiesischer Palmenstrand, blauer Himmel, weiter Horizont, Ursula Andress – groß, schlank, blond, halb nackt – entsteigt klitschnass dem Meer. Selbstversunken singt sie einen Calypso-Lovesong und betrachtet die Muscheln, die sie gerade aus dem Wasser geholt hat.

Oder denken Sie an eine beliebige Shampoo-Werbung, in der das lange Haar des lasziv blickenden Models im Strand-, Stadt- oder Studiowind weht. Oder denken Sie an die frühen Fotos von Kate Moss, auf denen sie ungeschminkt, ungekämmt und unbekleidet das Schönheitsideal der neunziger Jahre verkörpert. Was das miteinander zu tun hat? Es handelt sich um Szenen und Bilder, die in Konzeption und Schlüsselreizen direkt auf Sandro Botticellis "Geburt der Venus" von 1485 zurückführbar sind.

"Kein anderer Künstler wurde zu so unterschiedlichen Zeiten auf so unterschiedliche Weise neu entdeckt", erklärt Ruben Rebmann, Kurator der Ausstellung "Boticelli Renaissance" in der Berliner Gemäldegalerie im September 2015, die dem Phänomen nachspürt. "Und immer waren es andere Aspekte, die den Betrachter begeisterten. Es ist nur die Frage, ob Botticellis Werk so universal durchdringbar ist, dass irgendein Aspekt immer dem gerade herrschenden Zeitgeist entspricht, oder ob Botticelli der Urschöpfer all dessen ist, was der Mensch als schön empfindet."

Renaissance-Schönheit als Prestige Adaption

Es sei vorweggenommen, dass es auf diese Frage keine Entweder-oder-Antwort gibt, denn beide Aspekte haben ihre Gültigkeit. Selbst heute zitieren Künstler, Modemacher, Popstars, Filmregisseure, TV-, Cartoon-Serien und sogar Sportveranstaltungen seine Bilder – allen voran natürlich sein "Signature Piece", "Die Geburt der Venus": 2013 trat Lady Gaga in einem 1993 von Dolce & Gabbana designten Botticelli-Kleid auf, 2013 erschien auch ihr Album "Artpop", auf dessen von Jeff Koons gestaltetem Cover sie nackt und blond vor dem zersplitterten Venus-Bild sitzt. 2009 fotografierte David LaChapelle eine extrem grelle Version der Venus und übertrumpfte damit sogar Andy Warhols bunte Venus-Siebdruckserie von 1984. 1988 ließ Monty-Python-Mitbegründer Terry Gilliam in seinem Film "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" eine noch unbekannte Uma Thurman aus einer glitzernden Riesenmuschel steigen, und 2006 eröffneten die Olympischen Winterspiele in Turin mit dem Supermodel Eva Herzigová in zirkusreifer Venus-Pose. Selbst US-amerikanische Serien wie "The Simpsons", "SpongeBob" oder "Golden Girls" inszenieren groteske Versionen von Botticellis gemaltem Urbild mit ihren eigenen Protagonisten.

Warum muss ausgerechnet Botticellis Venus immer wieder als Motiv herhalten? Ruben Rebmann: "Es handelt sich um Prestige-Adaptionen, die da intellektuelle Tiefe verleihen sollen, wo eigentlich keine ist. Mit dem Zitat eines über alle Zweifel erhabenen Renaissancemeisters profiliert sich der Zitierende mit kunsthistorisch geschultem Auge, Allgemeinbildung und der Fähigkeit zu Kreuz- und Querverweisen aus Kunst- und Kulturgeschichte. Gleichzeitig schwingt alles mit, wofür die Venus steht: die Ideale von Schönheit, Weiblichkeit und Liebe."

Im Schatten Leonardos

Tatsache ist, dass in den 300 Jahren davor Botticellis Bilder keine große Rolle in der Kunstgeschichte spielten. Nachdem der 1445 in Florenz unter dem Namen Alessandro di Mariano Filipepi als Sohn eines Gerbers geborene Botticelli als Maler extrem erfolgreich gewesen war, wurde er noch zu Lebzeiten von der harten Konkurrenz in seiner Heimatstadt ins Abseits gedrängt. Gleich drei Meistermaler lebten als Zeitgenossen von Botticelli (1445 bis 1510) im Renaissance-Kunstzentrum Florenz: Leonardo da Vinci (1452 bis 1519), Michelangelo (1475 bis 1564) und Raffael (1483 bis 1520). Im Gegensatz zu Botticelli, dessen Bilder eher zweidimensional und ohne Tiefenwirkung sind, waren die drei anderen in ihrer Licht- und Schattensetzung um Perspektive bemüht. Auch die scharfen, dunklen Linien, mit denen Botticelli seine Figuren zu umreißen pflegte, ersetzten besonders Raffael und Leonardo da Vinci durch gekonntes Sfumato, also das Verrauchen der Konturen. So wirkten ihre Figuren wahrhaftiger in den Bildraum gebettet als Botticellis, die eher den Eindruck von Abziehfolien vermitteln, die man vom Hintergrund lösen kann. Seine Konkurrenten brachen die streng symmetrische Bildkonstruktion durch eine bewusste Verschiebung der wichtigen und unwichtigen Elemente, was ihre Werke abwechslungsreicher erscheinen ließ. Botticellis Bilder wurden plötzlich als simpler und plumper wahrgenommen und verloren die Gunst des wohlhabenden Publikums, etwa des einflussreichen Clans der Medici. Dass die Bilder in den rund 300 Jahren ihrer Vergessenheit nicht verloren gingen, ist der Tatsache zu verdanken, dass Botticelli ein sehr lokaler Maler war. Fast alle Bilder überlebten in Florenz in Privathäusern und Kirchen. Aufgrund der massenhaften Auflösung von Klöstern und Kirchen in Italien um 1800, die sich im Zuge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege ereignete, kamen viele der Kirchenkunstwerke auf den Markt und wurden von Museen in ganz Europa angekauft. Rebmann bedauert, dass "kaum Buch geführt wurde über die Verkäufe. Es fehlen Rechnungen und Lieferbelege, so dass die Provenienz der meisten Botticellis mehr als lückenhaft ist".

Als die ersten Bilder Mitte des 19. Jahrhunderts nach England kamen, reagierten Maler wie Dante Gabriel Rossetti oder Edward Burne-Jones mit euphorischer Besessenheit auf den Stil des Renaissancemalers. Rossetti ersteigerte 1867 bei einer Christie’s-Auktion ein Frauenbildnis für 20 Pfund. Er identi­fizierte sich so sehr mit dem Porträt einer Dame (Smeralda Bandinelli), dass er das Bild womöglich eigenhändig retuschierte an Stellen, die er für noch nicht von Botticelli vollendet hielt. Plötzlich wurde das, was Botticelli im Vergleich mit Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael als Nachteil ausgelegt wurde, zum Beweis seines Könnens: die fehlende Tiefenwirkung, die Unreife der Figuren, der simplere Bildaufbau. Gerade diese "primitivere" Malweise verehrten die Präraffaeliten als die wahrhaftigere, innigere, emotionalere Kunst, weil sie nicht auf sterile, handwerkliche Perfektion abzielte, sondern zarte, feinfühlige Figuren darstellte. Die Idealisierung Botticellis kam damals fast einer rebellischen Geste gleich, hatte sich doch die akademische Kunst der Zeit vollkommen auf Raffael kapriziert. "Präraffaeliten" war nicht nur der originelle Name für eine Künstlergruppe, sondern kam einem Glaubensbekenntnis gleich.

Der Hype greift um sich

Nach einer Ausstellung von Botticelli-Fresken im Louvre 1882 wurden auch französische Maler vom großen Hype ergriffen wurden. Jean-Auguste-Dominique Ingres begeisterte sich ebenso wie Edgar Degas, der seinem Freund Gustave Moreau in einem Brief von Botticellis Bild Primavera (Der Frühling, 1477/82) vorschwärmte, aber nicht zu viel erzählen wollte, um ihm "das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen". Den Anhängern des französischen Botticelli-Kults gefiel die Mischung aus Scham und Wollust der Figuren. Sie benutzten in ihrem täglichen Vokabular Modeworte wie "primaveresk" oder "botticellesk" und die Frauen bezeichneten sich als "Seelen". Das Botticelli-Fieber der künstlerischen Avantgarde beeinflusste auch die Mode des Viktorianischen Zeitalters: Die Krinoline – der an einen Vogelbauer erinnernde Reifunterrock – wich einer körpernäheren Silhouette. Frauen mit blassem Teint und vollem, gelocktem Haar trugen nun lange, fließende, mit Häkelspitze verzierte Samtkleider mit flatternden Pagodenärmeln, aufwendigen Glasperlenschmuck.

Das It-Girl der Jahrhundertwende, Lady Hazel Lavery (1880 bis 1935), inszenierte sich um 1913 sogar ganz direkt wie die Flora aus Botticellis Frühling mit durch­sichtigem, wehendem Kleid und Blumen im Haar. In Sachen Mode könnte die Ausstellung allerdings noch einen entscheidenden Schritt weiter gehen – ausgehend von der viktorianischen Mode kann man Botticellis Einfluss auf die unmittelbare Gegenwart ganz direkt belegen. Denn kaum etwas ist momentan angesagter als das Revival des Hippie-Styles der sechziger und siebziger Jahre. Nahezu alle Luxus-Modelabels, darunter Valentino, Gucci, Etro, Yves Saint Laurent und Prada, setzten in ihren Frühling-/Sommer-Kollektionen 2015 auf lange, fließende, transparente Chiffonkleider, aufwendige Stickereien und Spitzenverzierungen, komplizierte Flechtfrisuren und Blumen in langem, wehendem Haar. Und woher hatten die Ikonen der Hippie-Ära wie Anita Pallenberg, Marianne Faithfull, Stevie Nicks, Pattie Boyd oder Heather Taylor ihre Outfits? Direkt aus den Londoner Secondhandshops, die damals die von den Präraffaeliten inspirierten Originalkleider und -accessoires des Viktorianischen Zeitalters verkauften. Catherine James, befreundet mit Heather Taylor, der Ehefrau von "The Who"-Sänger Roger Daltrey, beschreibt in ihren Memoiren eine Begegnung im Jahr 1967 mit ihr: "Als sie in den Raum glitt, trug sie alle Insignien der Edwardian Fashion. Ihr bodenlanger, orangefarbener Samtumhang schillerte und wogte in ihrem eleganten Gang. Sie trug ein antikes, edelsteinbesetztes Haarband in ihrem fließenden, prächtigen, roten Haar. Viktorianische Spitze und winzige rote Stickrosen blitzen durch den gerafften Kragen ihres Capes. Heather sah immer aus wie eine von John Waterhouse gemalte präraffaelitische Prinzessin." Schlagen Sie nun ein be­lie­biges Modemagazin von heute auf. Sie werden sich wundern, wie angesagt der Look ist, dessen eigentliche Erfindung mehr als fünf Jahrhunderte zurückliegt.

Dieser Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 10/2015

The Botticelli Renaissance

Die Ausstellung zum Einfluss Botticellis findet bis 24. Januar 2016 in der Berliner Gemäldegalerie statt. Der Katalog im Hirmer Verlag kostet zirka 45 Euro.

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