Bettina WitteVeen - New York

Blutroter Mohn

Die Deutsche Fotografin Bettina WitteVeen will ein Bild des unaufhörlichen Krieges und der Unmenschlichkeit zeichnen. Sie will anprangern, ohne zu schockieren und kombiniert dafür historische Aufnahmen mit eigenen Bildern. Jetzt stellt sie in New York aus.

Bettina WitteVeen ist eine Überzeugungstäterin. Die Menschen seien nicht auf Krieg programmiert, meint die deutsche Künstlerin. Sieben Jahre hat sie dafür gekämpft, ein ehemaliges Krankenhaus auf dem Gelände der Brooklyn Navy Yards, eine seit den sechziger Jahren stillgelegte Schiffswerft am East River, für ihr Projekt übernehmen zu können.

Wie schon bei Ausstellungen in Berlin und Toulouse sind die von WitteVeen ausgewählten Räume mit all den Erinnerungen, die ihnen anhaften, nämlich wesentlicher Teil ihrer Arbeit. Wo bis Mitte der siebziger Jahre Kranke gepflegt und die Soldaten des Amerikanischen Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkrieges versorgt wurden, zeigt WitteVeen für "When We Were Soldiers … once and young" (in Anlehnung an den Titel eines Buches über den Vietnam-Krieg) historische Fotos von dahin geschlachteten Soldaten, von Verletzten, die Arme oder Beine im Gefecht verloren haben, Bilder von Feldlazaretten und Krankenschwestern, von Robotern und High-Tech-Kampfmaschinen für die Kriege der Zukunft.

Im Gang des feuchten Kellers, wo während des amerikanischen Bürgerkrieges die feindlichen Opfer aus den Südstaaten eingesperrt und später psychisch Kranke versorgt wurden, installierte WitteVeen schwarze Kreuze vor den Eingängen der Zellen. Die Ausstellung endet in einer Kapelle mit Bildern aus der Berliner Gedächtniskirche, die nach dem Krieg aus den Ruinen auferstanden ist. Denn der Mensch lebt auch nach dem zerstörerischen Wahnsinn, den er sich gegenseitig antut, weiter. Er beseitigt die Trümmer, er baut wieder auf und versucht, zu vergessen.

Bettina WitteVeen will anprangern, ohne zu schockieren

Genau das will WitteVeen, die mit ihren Assistenten die schaurigen Kriegsarchive dieser Welt auf der Suche nach Material durchkämmt, nicht. Sie will anprangern, ohne zu schockieren. Sie will ein Bild des unaufhörlichen Krieges und der Unmenschlichkeit zeichnen – und lässt im Anschluss an ihre Ausstellung, damit das alles überhaupt Sinn macht, Informationen über Hilfsorganisationen für Kriegsopfer verteilen.

Die gefundenen Bilder stammen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, aus den Kriegen in Korea, Vietnam, Afghanistan und dem Irak. Bettina WitteVeen bearbeitet die Bilder, fotografiert sie analog ab und paart sie mit eigenen, unschuldigen Naturaufnahmen und historischen Porträts der Rote-Kreuz-Gründerin Clara Barton oder dem Dichter Walt Whitman, der im Amerikanischen Bürgerkrieg als Sanitäter diente. Das stärkste Bild der Ausstellung steht jedoch für sich allein: Es handelt sich um ein Feld voller blutroter Mohnblumen. Mohn als das Symbol für Opium und die Drogen, um die so viele Kriege geführt wurden und die so oft unfassbare Gewalt begleiten, wie im Vietnamkrieg, als viele US-Soldaten Zuflucht beim Heroin fanden. WitteVeens Mohnblumen wachsen auf dem ehemaligen Schlachtfeld an der Alma, wo 1854 während des Krimkrieges Russen gegen Franzosen und Engländer kämpften.

Die ehemaligen Patientenräume des Krankenhauses mit den rohen, durchlöcherten Wänden, von denen der Putz blättert, wirken wie von allen Sünden weiß gewaschen. Die in New York lebende WitteVeen entschied sich für den verfallenen Rahmen, um die zerstörten Körper und Seelen von Kriegsopfern und -tätern mit ihrer Installation einzufangen. Doch die Räume im ersten Geschoss haben eine morbide Schönheit, die das Thema weich zeichnet. Anders fühlt sich die Ausstellung im Untergeschoss an, wo das Foto einer jungen Frau in einer der Zellen hängt. Unter dem Porträt befindet sich eine Krankenakte. Es ist der Fall der Kanzlergattin Hannelore Kohl, die damals schon ihr Lächeln aufgelegt hatte, hinter dem sie ihre Geschichte verbarg. Auch sie war ein Opfer des Krieges, der seinen langen Schatten auf ein tragisches Leben warf.

Bettina WitteVeen: "When We Were Soldiers … once and young"

Termin: bis 24. Oktober, The Brooklyn Navy Yard Hospital Building, New York
http://www.bettinawitteveen.com/WWWSOY_install_01.html