Edvard Munch & Vincent van Gogh - Amsterdam

Wenn die Seele brennt

Malen Leidensgenossen eigentlich ähnlich? Das Van-Gogh-Museum in Amsterdam findet erstaunliche Parallelen zwischen Vincent van Gogh und Edvard Munch. Die Zusammenführung der schwermütigen Genies kommt ohne Kopfzerbrechen aus. Die Schnittmengen sind zu gewaltig. Vor allem in der Motivwahl.
Wenn die Seele brennt

"Selbstporträt als Maler", 1887-1888, von Vincent van Gogh

Der Manisch-Depressive aus dem Norden und der nicht weniger Nervenkranke aus den Niederlanden – Edvard Munch und Vincent van Gogh. Ihre Bilder wurden zu Ikonen der Moderne. Getroffen haben sie sich nie. Dabei können sie biographisch einige Gemeinsamkeiten vorweisen: Alkoholexzesse, chronischer Geldmangel, Psychiatrieaufenthalte, Selbstverstümmelung mit Pistole und nicht zuletzt die öffentliche Ablehnung ihrer Kunst.

Selbst ihre Anfänge ähneln sich. Beide wuchsen in einem protestantischen Haus mit dominanten Vater auf. Und beide hatten den Franzosen Jean-François Millet zum Vorbild und begannen mit naturalistischen und sozial engagierten Sujets.

1885 hielten sie sich zeitgleich in Antwerpen auf. Dann gab es in Paris, wo sie die neuesten Kunstentwicklungen aufgesogen haben, nochmal die Gelegenheit zu einem epochalen Stelldichein. Aber die verpassten sich um wenige Wochen. Van Goghs Bruder Theo ist dem zehn Jahre jüngeren Munch wahrscheinlich begegnet. Er lebte in der gleichen Straße. An dem Kunsthändler, der in seiner
Galerie die wichtigsten Impressionisten anbot, führte kein Weg vorbei. Die Impressionisten waren es auch – neben Gauguin, Lautrec und den Pointillisten – die beide zu einem Stilwechsel und längerfristig zu einer eigenen Handschrift inspirierten.

Zwei legendäre Schmerzensmänner Seite an Seite

In der Amsterdamer Doppelschau, die in Zusammenarbeit mit dem Munch Museum in Oslo entstanden ist und dort schon mehr als 170 000 Besucher angezogen hat, begnügt man sich nicht damit, zwei Publikumslieblinge zu einem sicheren Blockbuster zu verknoten. Sechs Jahre Forschung haben durchaus erwähnenswerte Früchte getragen. Etwa dass Munch ein großer Bewunderer des Holländers war und versuchte, seiner Vorgehensweise auf die Spur zu kommen. Inzwischen sind über hundert Werke Van Goghs identifiziert, die Munch, der 54 Jahre länger lebte als sein geistiger Zwilling, in von ihm nachweislich besuchten Ausstellungen gesehen haben muss.

Betrachtet man die legendären Schmerzensmänner Seite an Seite gehängt, staunt man über die thematischen Affinitäten. Unweigerlich vergleicht man ihre Sternennächte, Waldwiesen, Selbstporträts mit Palette oder die auf Feldern arbeitende Bauern bei der Ernte. Stets ist Van Gogh
derjenige, der in seiner Kunst so etwas wie einen Rest an Lebensfreude extrahieren kann, Harmonie sucht und rauschhafte Entrücktheit, wenn auch mit reichlich nervösem Überschwang. Schon die strahlenden Farben und der heftige Pinselstrich sprechen eine andere Sprache als bei Munch,
der in seinem dünnen, schattenhaften Malduktus fast verhuscht wirkt.

Van Gogh versteckte seinen düsteren Gefühle eher

Bei ihm sind die Häuser nicht leuchtend gelb, sondern blutrot vom die Wände gänzlich verschlingenden Efeu. Deprimierte Gestalten, Vampire und perverse Erotomanen schieben sich immer wieder ins Bild. Bei Van Gogh verharrt niemand mit Panikanfall schreiend auf einer Flussbrücke – man flaniert entlang des sommerlich glänzenden Wassers. Das Kind im Vordergrund schlägt sich zwar beide Hände vors Gesicht, aber wohl eher aus Vergnügen. Oder doch aus Angst?

Ähnliche Kompositionen formulieren völlig andere Gefühle. Und natürlich könnten die Lösungen für ihre innovative Bildgrammatik kaum verschiedener sein: Bei Munch sind die Bewegungen fließend, die Welt löst sich auf im beklemmenden Zerfall. Van Gogh platziert seine negativen Befindlichkeiten weniger eindeutig, er versteckt sie regelrecht hinter dem Wunsch nach einem wärmenden Tagtraum. Selbst "Weizenfeld unter Gewitterwolken", wenige Tage vor seinem Selbstmord entstanden, wirkt zwar mit dem düsteren Himmel melancholisch, aber das kräftige Grün der Felder ist zugleich vital genug, um keine bedrohliche Leere aufkommen zu lassen.

Ob hell oder dunkel, hoffnungsvoll oder morbide, magischer Naturgenuss oder existenzieller Horror, Selbstvergessen oder Selbstmitleid – an Intensität der Weltwahrnehmung stehen sich die letztlich doch ungleichen Brüder jedenfalls in Nichts nach.

Zum Thema empfehlen wir auch das animierte Lesestück (englisch) des Van-Gogh-Museums, das die Biografien der beiden Künstler parallelisiert.

Munch – Van Gogh

Termin: bis 17. Januar 2016 im Van Gogh Museum, Amsterdam
http://www.vangoghmuseum.nl

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