Radar

Thomas Girst

Thomas Girst über Shonah Trescott
Shonah Trescott: "Susanna and the Elders", 2008

THOMAS GIRST ÜBER SHONAH TRESCOTT

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Thomas Girst, Leiter der BMW Group Kulturkommunikation, über die australische Künstlerin Shonah Trescott.
// THOMAS GIRST

Leipzig? Figurativ? Weiblich? Australisch? Die vier Begriffe sucht man derzeit vergebens auf der "Buzzword"-Skala der internationalen Kunstszene. Sei’s drum. Shonah Trescott, 1982 zweieinhalb Fahrstunden nordwestlich von Sydney geboren und derzeit Stipendiatin des Leipzig International Artist Program der Baumwollspinnerei malt nun mal figurativ. Zum Beispiel Dutzende Gemälde rund ums Thema "Susanna im Bade".

An der alttestamentarischen Geschichte einer versuchten Vergewaltigung durch zwei alte Richter haben sich die Malerfürsten über Jahrhunderte probiert, als männliche Phantasmagorie entblößter Frauenhaut ist das Sujet ein willkommener Blickfang in beinahe jedem Museum. Trescott dagegen malt das Verbrechen, die Verletzlichkeit Susannas – ohne dabei allerdings ganz auf die Sinnlichkeit zu verzichten.

In ihrer Heimat hat Trescott die beste Ausbildung genossen, wurde mit zahlreichen Preisen versehen. Ein Reisestipendium brachte sie 2005 nach Paris. Hier entstand "Grey Scale – Paris". Eine Installation von 1050 bemalten Metrotickets. "Bonne chance, mademoiselle!", hat ihr ein älterer Herr zugerufen, der sie auf der Suche nach weggeworfenen Fahrkarten auf dem Boden herumkriechen sah. In Leipzig klaubt sie tote Tauben und Eichhörnchen von der Straße und lässt sie auf der Leinwand auferstehen, bevor der Aasgeruch ihrer Trouvaillen sie diese zügig wieder entsorgen lässt. Was ihr nicht gefällt, übermalt sie mit neuen Bilderwelten. Romantische Landschaften auf Postkartenformat. Naturgewalten en miniature. Immer konzentriert. Viel Raum für Himmel, für die ernste Dramatik der Elemente. Sicherer Duktus, Farben satt. Bei Trescott darf Schönheit Schönheit sein.

Ihr Wissen, ihr Interesse, ihre Intelligenz sind beachtlich

Die junge Künstlerin scheint beim Kunstwollen und -schaffen unersättlich. Enthusiastisch erzählt sie von der großen Goya-Schau im Prado. Eine Woche konnte man ihr jede Minute der Öffnungszeiten im Museum begegnen. Derzeit reist sie viel nach Berlin, um Rembrandt zu studieren. Sie berichtet vom Reichtum der Tagebücher Eugène Delacroix’, der erneuten Lektüre der Göttliche Komödie, ihrer Auseinandersezung mit den Aufzeichnungen von Alma Mahler-Werfel und Barbara Bayntons australischen "Bush Studies". Ihr Wissen, ihr Interesse, ja ihre Intelligenz sind beachtlich, enorm die Intensität der Auseinandersetzung mit allem, wofür sie sich begeistern kann.

Bevor sie sich in Berlin ein Atelier suchen will, verbringt Shonah Trescott nächstes Jahr in der australischen Wildnis, später in Neuseeland und schließlich in der Antarktis. "Bonne chance, mademoiselle!" möchte man ihr gleichfalls zurufen, das Allerbeste wünschen – kurz bevor Kunstwelt und Kunstmarkt, bekanntlich kaum noch unterscheidbar, ihrer vollends habhaft werden.

Shonah Trescott, geboren 1982 in Maitland, Australien, lebt und arbeitet derzeit in Leipzig.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo