Wir nennen es Hamburg
Hamburg
"Wir nennen es Hamburg" – der provokante, betont sperrige, selbstbewusst und unbeholfen zugleich klingende Titel des am Wochenende eröffneten Festivals wirft Fragen auf. Denn: Wer ist hier eigentlich mit "Wir" gemeint?
Sind es die beiden initiierenden Institutionen aus unterschiedlichen Kunstfeldern – Hamburger Kunstverein und Kampnagel Theater – mit ihren sechs verantwortlichen Organisatoren? Oder sind es die bildenden und performativen Künstler, deren Positionen und kulturellen Beiträge im Rahmen des intermedialen Konzepts ihren Ausdruck finden? Aber eine Antwort soll gar nicht klar definiert werden, zumindest keine, die nicht alle möglichen Antworten miteinander verknüpft.
Die Idee, die dem interdisziplinären Festival zugrunde liegt, ist die Zusammenführung verschiedener künstlerischer Positionen und Ausdrucksmöglichkeiten mit dem Ziel, einen Einblick in den Prozess der Kunst- und Kulturproduktion Hamburgs zu vermitteln. Bildende Künstler, Musiker, Choreografen, Regisseure, Theaterschauspieler und Tänzer treten in Interaktion. Während der Hamburger Kunstverein seine Räumlichkeiten für die Ausstellung verschiedener Werke der bildenden Kunst zur Verfügung stellt, finden bis zum 4. Januar auf Kampnagel Konzerte, Filmpremieren, Theateraufführungen und Tanzdarbietungen statt.
"Ich bin doch nicht blöd"
Die etwa 300 teilnehmenden Künstler wurden im Vorfeld aufgefordert, jeweils zwei Originale im DIN-A4-Format anzufertigen und gratis zur Verfügung zu stellen, von denen eine in der Ausstellung präsentiert wird. Die zweite Arbeit kann von den Besuchern zusammen mit dem Katalog für 60 Euro erworben werden, wobei eine Art "Schatzkiste" verhüllt, um welches Werk es sich handelt.
Bereits vor der Ausstellung waren unter Hamburger Künstlern einige kritische Stimmen laut geworden. Manch ein Kunstschaffender fühlte sich übergangen, ausgenutzt und nicht angemessen in das interdisziplinäre, eigentlich als besonders künstlerfreundlich propagierte Kuratorenkonzept integriert. Aufschluss darüber geben die subtilen, teilweise auch subversiven Botschaften, die die DIN-A4-Arbeiten in der Ausstellung im Kunstverein enthalten. Zum Beispiel untermauerte Rolf Bergmeier seinen Standpunkt, indem er ein weißes Blatt abgesehen von Signatur und Datum mit nichts anderem beschriftete als dem Satz: "Mach es dir selbst.". Simon Starke funktionierte ganz nach dem künstlerischen Prinzip des Displacements eine Media-Markt-Plastiktüte zu einer kleinen Wandflagge um, so dass der bekannte Slogan "Ich bin doch nicht blöd." hier eine ebenso klare Botschaft vermittelt – Simplizität, die einer gewissen Sparsamkeit in jeglicher Hinsicht gerecht wurde.
Trotz der vielen DIN-A4-Arbeiten wirkt die Ausstellung im Kunstverein in Anbetracht der wenigen Werke, vorwiegend Installationen, eher minimalistisch. Die Erwartungen, sehr zahlreichen (mitunter weniger bekannten) Hamburger Künstlern zu begegnen, wurden somit eher enttäuscht. Vielleicht hat der große Name Daniel Richters im Erdgeschoss auch zu viel Raum eingenommen, den man mit mehreren unbekannten Positionen hätte füllen können. Nichtsdestotrotz passte die Arbeit sicherlich gut in das interdisziplinäre Konzept; schließlich diente die bunte Hütte, die zusätzlich für die Ausstellung mit ausgestopften Hasen bereichert wurde, ursprünglich als Teil der Kulisse für Johan Simons Inszenierung Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" bei den Salzburger Festspielen.