David Lynch

Interview



"ICH VERLIEBE MICH IN IDEEN"

Der US-Regisseur David Lynch wurde mit verstörenden Filmen wie "Blue Velvet" und "Eraserhead" berühmt. Seit einigen Jahren wird auch sein umfassendes malerisches und fotografisches Werk entdeckt. Anlässlich einer Ausstellung neuer Fotografien im Düsseldorfer Epson-Kunstbetrieb sprach art mit David Lynch über schlechte Aura, weibliche Schönheit und das Fischen nach Inspiration.
// MICHAEL KOHLER, DÜSSELDORF

Herr Lynch, mir ist aufgefallen, dass Sie für ihre Zeichnungen ganz verschiedene und meistens eher gewöhnliche Papiersorten verwenden. Ist das Zeichnen für Sie eine ständige Begleitung, eine Art "peinture automatique", mit der Sie sich die Zeit vertreiben?

David Lynch: Ja, meistens läuft es in diese Richtung. Es ist wirklich gut, immer Papier und Stift zur Hand zu haben, man ist auf Überraschungen vorbereitet. An manchen Orten gibt es ein bestimmtes Papier, das nutze ich dann, und manchmal führt das zu einer ganzen Serie.

Wenn einem gefällt, was auf dem Papier geschieht, macht man damit weiter. Es gab eine Zeit, da habe ich besonders gerne im kleinen Format gezeichnet, mit einem sehr spitzen Bleistift. Jetzt arbeite ich vor allem mit diesen kleinen Aquarellheften.

Sind solche Ideen aus heiterem Himmel nicht schön und unheimlich zugleich? Man weiß nicht, woher sie kommen, wir gehören ihnen in demselben Maße wie sie uns gehören.

Oh ja, Ideen sind eine wirklich interessante Sache. Ich glaube, Ideen sind wie Gedanken, und ich versuche, sie zu fangen. Man fängt sie, wie man einen Fisch fängt. Häufig reden die Leute von unserer Einbildungskraft, als würden wir etwas erfinden. Doch in Wahrheit erfinden wir überhaupt nichts: Der Fisch ist schon da und wir fangen ihn. Ich liebe es, nach Ideen zu fischen, aber man weiß nie, in welchen Gewässern man sich befindet.

Ich frage, weil Maler wie Wassily Kandinsky versuchten, die geistige Aura von Menschen und Dingen abzubilden. Bei ihnen sehe ich etwas Ahnliches, nur das bei ihnen das Unheimliche über allem schwebt.

(Lacht) Ich weiß nicht. Alles ist irgendwie spirituell.

Auch ihre Filme entstehen aus einzelnen Bildern und kleinen Erzählfragmenten. Wie bringen sie diese zusammen?

Erst kommen die Ideen, und dann kommen andere Ideen, die alles zusammen bringen. Man versucht das eine oder andere, probiert etwas aus, nur um es wieder zu verwerfen, und dann ergibt plötzlich alles einen Sinn. Die Einfälle wollen in eine Abfolge gebracht werden, und diese Abfolge offenbart sich durch einen neuen Einfall.

Aber die Abfolge muss bei Ihnen nicht unbedingt verständlich sein.

Sie muss auch verständlich sein. Das ist nicht alles bloß Zufall. Am Anfang bin ich einfach nur verliebt in einige Ideen, dann entdecke ich eine Bedeutung in ihnen, und so setzt sich das Ganze allmählich zusammen. Die Einfälle sprechen zu mir, je mehr kommen, desto klarer wird das Bild. Ohne Inspiration würde man in einem leeren Teich fischen. Also rudert man woanders hin, einer beißt an, und schon hat man einen ganzen Schwarm.

Manchmal ist es schwierig, den Geschichten in Ihren Filmen zu folgen.

So schwierig ist es gar nicht. Manche Leute halten sich gerne an konkreten Dingen fest und haben deswegen Schwierigkeiten mit den abstrakten Momenten meiner Filme (lacht). Andere Leute lieben es hingegen, sich in den Geschichten zu verlieren. Verständnis ist mehr eine intuitive Sache, wer zu angestrengt nachdenkt, kommt zu den falschen Schlüssen.

In Ihren Filmen gibt es viele Falltüren in eine albtraumhafte Unterwelt ...

Sie führen nicht immer in einen Albtraum, sondern einfach nur an andere Orte.

… und die Verbindungen zwischen den Orten erscheinen nicht unbedingt logisch.

Sie sind immer logisch, überaus logisch sogar. Nur liegt die Logik nicht immer an der Oberfläche. Manchmal werden logische Dinge abstrakt, und dann muss man um die Ecke denken. Im Nachhinein ergeben meine Filme immer einen Sinn. Jedenfalls für mich.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Kamera benutzen, um die Welt weniger realistisch aussehen zu lassen.

Nein, die Kamera stellt die Dinge von sich aus anders dar. Ich versuche einfach, Ideen zu übersetzen, in die ich mich verliebt habe. Das trifft es genau.

In Hollywood waren Sie ein Außenseiter, mit der Kunstszene gibt es hingegen viele Anknüpfungspunkte, etwa bei den Surrealisten.

Sicher, ich liebe die Surrealisten. Doch ich nehme mir nicht vor, etwas Surrealistisches zu machen. Manche Leute haben ein großes Thema, das sie mit ihren Werken erkunden wollen. Bei mir ist es umgekehrt. Ich habe einen Einfall und sage später zu mir: "Oh, da steckt ein Thema drin." Ich weiß nie, was da gerade auf mich zukommt. Viele Ideen blühen niemals auf, aber ich bringe trotzdem alles zu Papier. Später kann immer noch etwas aus ihnen werden. Und wenn man sich verliebt, ist es das Schönste auf der Welt.

Mit den Surrealisten teilen Sie den Sinn für das Schöne im Sonderbaren.

Es gibt nichts, was nicht schön ist. Jedes Mal, wenn man den Blickwinkel leicht verändert, eröffnet sich eine ganz neue Welt. Alles steckt voller Möglichkeiten.

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