Radar

Ingrid Roosen-Trinks

Ingrid Roosen-Trinks über Thorsten Brinkmann
Thorsten Brinkmann: "Venus del Whitespitz", 2008. C-Print, Edition 5 + 2 AP, 125 x 170 cm (Foto: Kunstagenten)

INGRID ROOSEN-TRINKS ÜBER THORSTEN BRINKMANN

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Ingrid Roosen-Trinks, Vorsitzende der Hamburger Montblanc-Kulturstiftung, über den deutschen Künstler Thorsten Brinkmann.
// INGRID ROOSEN-TRINKS

Entdeckt habe ich Thorsten Brinkmanns Arbeiten vor ungefähr einem Jahr in seiner Berliner Galerie Kunstagenten. Als ich die Fotografien aus der Serie "Portraits of a Serialsammler" das erste Mal sah, wusste ich im ersten Moment nicht, wie ich reagieren soll. Eigentlich war mir danach, laut zu lachen.

Wirkt das Porträt "Kennex Pro" mit schwarz-silberner Tennishülle über dem Kopf, nicht wie ein spießiges Foto aus einer Bewerbungsmappe? Und erinnert "Drune Quoll" mit brauner Plastikhandtasche über dem Kopf und dieser erhabenen Pose nicht an die Bilder Piero della Francesca? Und dann "Karl Schrank von Gaul": eine Komposition aus Holzkommode, Sofadecke und Lampenschirm, auf dem Kopf der porträtierten Person ein rotweiß gestreifter Papierkorb. In den Händen ein Flaschenkühler und eine rote Holzgarderobe, erhoben wie nach einem Sieg. Ein wahrhaft heroisches Reiterstandbild, geschaffen aus einer Wohnzimmereinrichtung vom Sperrmüll.

Brinkmann ist ein Sammler

Die dadaistisch anmutenden Bildtitel machten die Verwirrung komplett: Hedder Uhud, Sitting Zick Zack oder Venus del Whitespitz. Ich wollte also mehr wissen über diesen Künstler, der mich mit seiner sonderbaren Ahnengalerie in den Bann gezogen hatte.

Und genau wie ich, ist Brinkmann ein Sammler. Allerdings entdeckt er seine Trophäen nicht in Galerien, sondern auf Schrottplätzen, im Sperrmüll und auf Flohmärkten. Sein Fundus an Lampenschirmen, alten Kleidern, kaputten Möbeln und Kücheneinrichtungen, Tapetenrollen, Fensterläden, Plastikeimern und Gartengeräten ist gigantisch. Aus diesen Müllbergen komponiert der Künstler seine Skulpturen, Ready-Mades und Rauminstallationen, die er dann auch wieder im Video und mittels der Fotografie festhält.

Kunstgeschichte als Warenhaus

In seiner Serie "Portraits of a Serialsammler" kombiniert Thorsten Brinkmann bekannte Alltagsgegenstände und Secondhand-Kleidung völlig von ihrer Funktion losgelöst. Er stülpt sich Lampenschirme über den Kopf, hüllt sich in Sofadecken, versteckt seine Beine in Papierkörben und macht sich völlig unkenntlich. Wie ein Bildhauer schafft er eigenständige neue Skulpturen. In den Fotografien von Brinkmann wiederholt sich niemals etwas. Keine Geste, keine Haltung, kein Eindruck. Dabei nutzt der Künstler die Kunstgeschichte wie ein Warenhaus für seine Inspiration. Durch seine humorvolle und technisch perfekte Inszenierung macht Thorsten Brinkmann jeden, der sich auf seine Arbeit einlässt, ebenfalls zum "Serialsammler".

In der Ausstellung in Den Haag ist noch bis zum 5. Oktober ein umfassender Überblick über Brinkmanns Werk zu sehen. Spätestens dort erkennt man, warum es sich lohnt, den Künstler weiter zu verfolgen. Und im September erschien im Verlag Hatje Cantz ein umfangreiches Buch über Thorsten Brinkmanns Werk.

Thorsten Brinkmann, geboren 1971 in Stuttgart, studierte bei Floris Neusüss in Kassel und bei Bernhard Blume sowie Franz Erhard Walther in Hamburg.

"Thorsten Brinkmann"

Termin: bis 5. Oktober, GEM, Museum for Contemporary Art, Den Haag, Niederlande.

http://www.gem-online.com

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