Radar

Barbara Hein

Barbara Hein über Ken
Ken'Ichiro Taniguchi: "Plastic", 2008 (Courtesy Mikiko Sato Gallery, Hamburg)

BARBARA HEIN ÜBER KEN'ICHIRO TANIGUCHI

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: art-Redakteurin Barbara Hein über den japanischen Künstler Ken'Ichiro Taniguchi.
// BARBARA HEIN

Als ich Ken'Ichiro Taniguchis Arbeiten zum ersten Mal sah, dachte ich: Jungs-Kunst! Fein ausgesägter Stahl, Scharniere zum Auf- und Zuklappen und eine Formensprache, die an Kontinentumrisse oder Expeditionslandkarten erinnert. Auf der Ausstellung in der Mikiko-Sato-Gallery vor ein paar Jahren in Hamburg sahen diese Objekte aus wie kleine Maschinen oder merkwürdige Taschenmesser.

Die Mutigen unter den Besuchern nahmen sie vorsichtig in die Hände, untersuchten sie, falteten sie auseinander. Hinter den Objekten hingen Fotos von aufgeplatztem Asphalt und eingerissenem Hauswandputz. In diesen Löchern und Lücken steckten passgenau die ausgeklappten Objekte. Zu jeder "Großstadtnarbe" gehörte ein "Hecomi", was auf deutsch so viel heißt wie Kerbe oder Vertiefung.

Ken'Ichiro Taniguchi ist ein stiller, zurückhaltender Typ. Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass der 32-jährige Japaner von der nördlichsten japanischen Insel Hokkaido nach Berlin gezogen ist. Auf diversen Reisen quer durch Asien und Europa hat er mittlerweile eine "Illustrated He-comi Map of the World" entwickelt – seine ganz persönliche Topografie der Welt. In seiner Sammlung sind unter anderem Risse aus Japan, Russland, Litauen, Holland, Deutschland, Portugal und Thailand.

Taniguchis Arbeit hat etwas rührend Schönes

Konzentriert und geduldig überträgt er auf seinen Touren die Umrisse der "Hecomi" auf Papier, meist auf mehrere Blätter, die er je nach Verlauf des Risses aneinanderlegt. Diese Schablonen nimmt er mit ins Atelier und fertigt nach ihnen in geduldiger Feinarbeit die filigranen Pflaster aus Kunststoff oder Edelstahl. Es sei ihm wichtig eine Ganzheit wieder herzustellen, sagt er in leisem ausgewählten Englisch. Ihm gefällt die Idee, mit einem "Hecomi" an seinen Ursprungsort zurückzugehen und zu sehen, ob es passt. Und wenn das nicht sofort der Fall ist, arbeitet er weiter, bis alles auf den Millimeter sitzt.

Die "Hecomi", die so entstehen, geben ihren Sinn nicht sofort preis. Erst mit den Fotos der Risse kann man verstehen, wie sie entstanden sind und welchen Zweck sie haben. Taniguchis Arbeit hat etwas rührend Schönes. Die Idee, sich alten Mauer- und Straßenrissen zu widmen, sie wieder zu schließen und damit eine verlorene Ganzheit herzustellen, gefällt mir. Auf den ersten Blick scheint die ganze Aktion sinnlos, überflüssig und vergeblich, da sie niemals vollendet werden kann. In dem Moment, in dem Ken'Ichiro Taniguchi einen Riss schließt, sind irgendwo anders schon wieder hundert neue entstanden. Dass er es trotzdem tut, zeigt eine Unbeirrbarkeit, die vielleicht nur ein Künstler aufbringen kann, der in einem Land wie Japan aufgewachsen ist – wo der Geist des Zen die Welt durchdringt.

"Ken’Ichiro Taniguchi – Hecomi Study # 14"

Termin: bis 31. Oktober, Mikiko Sato Gallery, Hamburg.

http://www.mikikosatogallery.com

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