Radar

Angelique Spaninks

Angelique Spaninks über Christien Meindertsma
Pro Schaf ein Werk: Für ihr Projekt "Echt Schaap" strickte Meindertsma Produkte aus Schafswolle. Einige ihrer Kreationen sind unvollendet – denn die Wolle war aus

ANGELIQUE SPANINKS ÜBER CHRISTIEN MEINDERTSMA

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Angelique Spaninks, Leiterin des MU-Kunstraums in Eindhoven, über die niederländische Künstlerin Christien Meindertsma.
// ANGELIQUE SPANINKS

Jede Spur, der Christien Meindertsma folgt, verwandelt sie mit investigativer und analytischer Attitüde in eine klare und überaus entmythifizierende Tatsache. Die junge niederländische Designerin (Jahrgang 1980) wendet scharfsinnig wissenschaftliche Recherchemethoden an. Und dabei präsentiert sie ihre Ergebnisse visuell auf eine sehr überzeugende Art und Weise, was die Aussagekraft ihres Werkes verstärkt.

Zuletzt untersuchte sie, was aus Schwein Nr. 05049 geworden ist, nachdem es geschlachtet wurde. Alles an diesem Tier wird weiterverarbeitet, und nicht nur zu Fleischprodukten: Von den 103,7 Kilogramm Fleischmasse wurden lediglich 54 Kilo zu Wurst oder Speck verarbeitet. Die anderen 49,3 Kilo Knochen, Blut, Fett, Haut und Organe wurden für die Herstellung von so unterschiedlichen Produkten wie Kaugummi, Shampoo, Autolack, Kartons, grüne Energie, ballistische Gelatine, schwarze Knochenpigmente oder Eiscreme verwendet. Sogar Bier, Brot, Lakritze und Anti-Falten-Creme sind nicht frei von schweinischen Bestandteilen, auch wenn diese Inhaltsstoffe laut Etikett nicht darin enthalten sind.

Mit ihrer Recherche über die komplette Verarbeitung eines Schweins (der Untertitel ihres Buches heißt 1:1) zeigt uns Meindertsma nicht nur die Komplexität der heutigen Bioindustrie auf, sondern konfrontiert uns vielmehr mit unserer eigenen Unwissenheit über das, was wir täglich konsumieren. Schon einmal zuvor hat sie diese Strategie erfolgreich angewandt. Als Abschlussarbeit für die Designakademie strickte sie sich 2003 aus der Wolle eines Schafs einen Pullover, Socken, Handschuhe, Hut und Schal. Für "Echt Schaap" hat sie die Wolle unbehandelt verarbeitet. Schafe produzieren im Allgemeinen nicht gleich viel Wolle, und so kann aus einem Schaf mehr gestrickt werden, als aus anderen. Einige ihrer Kreationen sind unvollendet – denn die Wolle war aus.

Die Angst vor der Angst – und eine Schweinefarm

Mit einem ihrer anderen Abschlussprojekte an der Akademie gelangte sie zu internationaler Bekanntheit. Für ihr Buch "Checked Baggage" kaufte sie auf einer Aktion einen Kubikmeter, gefüllt mit 3264 verschiedenen Sachen, die eine Woche nach dem 11. September am Amsterdamer Schiphol-Flughafen konfisziert wurden. Sie sortierte die Bestandteile und arrangierte die Faltbestecke und Spielzeugpistolen, Korkenzieher, Militärmesser und Nagelknipser so, dass sie die angsterfüllte Atmosphäre dieser Zeit widerspiegelte, bei der möglicherweise die Angst vor der Angst bedrohender war, als ein Passagier mit einer Nagelfeile.

Die Originalität und Spitzfindigkeit von Christien Meindertsmas Arbeiten überzeugen mich mit ihrer starken Aussagekraft und lassen mich gerne mit ihr zusammenarbeiten. Deshalb haben wir sie letztes Jahr eingeladen, an einem Projekt rund um die lokale Landwirtschaft mitzuwirken, wofür sie die Farbskala einer Schweinefarm entwarf. Keine glücklichen Kühe oder Schweine konnten abgebildet werden; vielmehr zeigen die drei Bauern, 5000 Muttersäue und 3000 Ferkel die Unausgewogenheit der täglichen Realität in der Landwirtschaft.

Im Moment bereiten wir mit ihr ein Projekt für 2009 vor, wobei es sich diesmal nicht wieder um Schweine drehen soll. Für ihr neues Projekt wird sie die Augenbewegungen der Menschen in einer Großstadt mit Hilfe von Überwachungskameras untersuchen und wird dabei aufzeigen, welche Rolle die Augen in unserer alltäglichen Sicht auf Dinge spielen.

Angelique Spaninks, geboren 1966, leitet seit 2005 den MU-Kunstraum in Eindhoven, nachdem sie rund 15 Jahre lang als Kunstkritikerin und Journalistin arbeitete. Das MU hat sich auf zeitgenössische Kunst, Design, Popkultur und Neue Medien spezialisiert.

"Neubau Berlin"

Aktuelle Ausstellung im Kunstraum MU in Eindhoven, Niederlande: "Neubau Berlin", bis 5. Oktober.

http://www.mu.nl

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