Akt Now! - Aktfotografie

Akt Now: Zorana Musikic

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder internationaler Fotografen. Diesmal: Zorana Musikic mit ihrer Abschlussarbeit "Subjects of Desire", die derzeit auch in einer Ausstellung an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin zu sehen ist.
Junge Aktfotografie:Die besten Aktbilder internationaler Fotografen

Zorana Musikic, aus der Serie: "Subjects of Desire", 2011

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Nacktheit ist so stark mit gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kodierungen aufgeladen und dann noch überlagert mit geschlechtsidentitären Fremd- und Selbstzuschreibungen. Und das macht das so oft behauptete Klischee des Aktes in der Kunst als etwas Pures, auf sich selbst Zurückgeworfenes eigentlich völlig unmöglich.

Schon die Ausformung des eigenen Körpers reicht ja von der schlaffen, bleichen, den Geist umgebenden Hülle, bis hin zum gehegten, gepflegten, trainierten – oder mit sonstigen Maßnahmen nachgeholfenem – Aushängeschild geschlechtsspezifischer und trendbasierter Körperlichkeit. Die Palette an feinen Zwischentönen, von Ratlosigkeit bis Selbstmanifestation, ist riesig. Damit zu spielen, interessiert mich. Ich habe deshalb begonnen, Männer, die mich in meinem privaten Umfeld umgeben, mit meinem Blick auf sie – also dem weiblichen – und ihrem eigenen Blick auf sich selbst, zu fotografieren. Ich würde sagen, wir haben gemeinsam Männlichkeit als performatives und inszeniertes Rollenspiel betrieben. Dass daraus automatisch, bis auf wenige Ausnahmen, eine Auseinandersetzung mit dem "White-Middleclass-Heterosexual"-Mann wurde, war mir erst gar nicht so klar. Letztendlich ist das aber irgendwo auch logisch und hat mir wiederum gezeigt, in was für sozial-inzestuösen Ghettos wir uns doch mehrheitlich bewegen, obwohl wir glauben, Weltoffenheit und Toleranz stünde uns auf die Stirn tätowiert.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

Tabus finde ich langweilig. Das ist normiertes, bürgerliches Übereinkunftsgefasel. Ich würde aber nie ein Bild veröffentlichen, wenn die Person, die darauf ist abgebildet ist, das nicht möchte. Aber das hat ja eher mit Vertrauen und Respekt zu tun, als mit Tabus.

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Ob jemand nackt oder angezogen ist, macht für mich in dem Zusammenhang keinen Unterschied. Ob ein Bild ein Kunstwerk ist, kann man romantisch, zum Beispiel mit Walter Benjamins Begriff der Aura beantworten oder marktwirtschaftlich mit der Inszenierung von Hype und Preis. Für mich persönlich ist es so, dass ich meine Bilder danach auswähle, ob sich bei mir beim Betrachten eine erstaunte Freude einstellt. So was wie: "Boah!" – das hab ich gemacht? Ich fotografiere analog, und das hat ja noch diesen Zauber, der von der Zwischenwelt des belichteten Negativs ausgeht. Man löst eine Situation aus der Zeit, die erst mal unsichtbar auf dem Film verschwindet, bis man sie durch die Entwicklung wieder zum Vorschein bringt und die, wenn es gut läuft, einem diesen wunderbaren Moment beschert, etwas geschaffen zu haben, das einen selbst total flasht. Und wenn andere es dann auch noch mögen oder wenigstens richtig Scheiße finden, dann geht das so in die Richtung von: Okay Welt. Hier, für dich!

Gibt es inspirierende Vorbilder?

Was Männerakte betriff, ist mir erst mal aufgefallen, dass es erstaunlicherweise kaum bekannte Bilder gibt, die von Frauen fotografiert wurden. Nan Goldin ausgenommen, die eigentlich auch die erste Fotografin war, die ich bewusst wahrgenommen habe. Ansonsten schätze ich Larry Clark, Jack Pierson, Ryan McGinley. Und Antoine d’Agata liebe ich! Außerdem beeinflusst mich die Malerei, oft gar nicht so bewusst aber eigentlich viel mehr als die Fotografie: Caravaggio, Lucian Freud – unglaubliche Maler von Menschen und Körpern.

Was war der peinlichste Moment?

Peinlich war eigentlich nie etwas. Vielleicht auf der Meta-Ebene, als ich, um "Subjects of Desire" zu realisieren, was ja meine Abschlussarbeit in Fotografie war und damit auch eine Deadline hatte, angefangen habe, nicht nur in natürlich gewachsenen Situationen mit mir sehr nahen Menschen zu fotografieren, sondern mich auch mit Freunden von Freunden zu verabreden, die ich dann nicht so gut kannte. Da dachte ich jedes Mal im Vorfeld: Was wenn es blöd wird, was wenn wir keinen Draht zueinander entwickeln? Aber sobald wir einmal angefangen hatten zu arbeiten, war alles einfach. Es ist sogar eher so, dass sich aus einer anfänglichen Barriere oder Hemmung, eine ganz eigene Dynamik extrahieren lässt, die man sich so gar nicht ausdenken kann.

Welche Rolle spielen die Inszenierung und der Zufall in Ihren Fotografien?

Ich liebe Klischees, zerstöre aber ebenso gerne klassische Muster. Dazu bediene ich mich gleichermaßen visueller Codes aus Schmierblatt- und Hochkultur. Inszenierung spielt dabei eine große Rolle. Aber eher im Sinne, dass ich mir das Setting ausdenke oder einen bestimmten Ort oder eine Requisite im Kopf habe, mit der ich etwas machen möchte. Mein Modell ist dann so etwas wie ein Schauspieler, der in eine Rolle schlüpft, die ich mir vorher ausgedacht habe oder die wir gemeinsam entwickelt haben. Innerhalb dieses Rahmen kann dann das Modell aber sehr frei agieren. Das war auch der Grund, meine Serie "Subjects of Desire" zu nennen. Die Modelle sind in meinen Bildern mehr als reine Objekte. Sie erheben sich in unserem Spiel zum Subjekt und erschaffen sich quasi selbst oder neu. Oder, um wieder zum Thema Männlichkeit zurückzukommen, sie rekonstruieren Männlichkeitsidentitäten losgelöst von ihrem realen Sein, da sie sich durch die angenommene Rolle freier und geschützter bewegen können.


Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Da gibt es so einiges. Auf jeden Fall möchte ich mit den Männerbildern weitermachen. Ich freu mich auf den Sommer, weil ich noch einige Bildideen habe, für die es in den letzten Monaten einfach immer zu kalt war. Und dann habe ich schon lange die fixe Idee ein Fotoprojekt in Nordsibirien zu realisieren. Aber das schwurbel eher noch etwas diffus in meinem Kopf herum.

Steckbrief Zorana Musikic

Alter: 36

Nächste Ausstellung: "Subjects of Desire" ist noch bis zum 21. April 2013 im Rahmen der Abschlussausstellung "alongside" der Klasse Eva Bertram an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin zu sehen.

Hochschule/Ausbildung: Magister in Neuerer Deutscher Literatur und Medien, Philosphie und Grafik/Malerei (Uni Marburg/Humboldt Uni Berlin) und Studium der Fotografie an der Neuen Schule für Fotografie Berlin

Preise/Stipendien: Deutscher Preis für Wissenschaftsfotografie 2011
http://www.lovepop.de/
zorana@lovepop.de