Akt Now - Aktfotografie

Akt Now: Esteban Abdala Torres Campo

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder junger Fotografen. Diesmal: die unverstellten Aufnahmen von Esteban Abdala Torres Campo, der mit seiner Fotografie das menschliche Wesen erforschen will und an die Ehrlichkeit von Aktbildern glaubt.
Junge Aktfotografie:Die besten Aktbilder junger Fotografen

Esteban Abdala Torres Campo: "Playa Valeria Estrada" für C-Heads-Magazine

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Ich denke, dass Nacktheit einer der ehrlichsten Zustände des menschlichen Wesens ist. Wir kommen nackt zur Welt. Wenn du nackt bist, zeigst du alles. Ich glaube, der Körper enthüllt die Seele.

In der Form des Körpers und der Haltung kannst du die wahre Natur einer Person erkennen, sogar dann wenn sie posiert, denn die Weise, in der sie es macht, erzählt wahrheitsgemäß, was für eine Art von Person sie ist. Nacktheit ist der okkulte Teil der Kultur, denn unsere Zivilisation existiert, haben wir unsere Körper verhüllt. Gegenteilig haben wir die Nacktheit, die wir mit Kleidung und Masken verbergen, neu erschaffen. Ich bin ein Liebhaber der wahren Seite des menschlichen Wesens.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

Ich denke, wenn es um den Körper geht, braucht es keine Tabus zu geben. Es ist ein Hippie-Klischee-Satz, aber es ist wahr. Nacktheit ist etwas ganz Natürliches, sogar dann wenn die Person Cyborg-Teile oder synthetische Ergänzungen am Körper hat. Wenn du nackt bist, bist du nackt. Du verhüllst dich nur, wenn du dich schämst oder wenn du von den Leuten um dich herum attackiert wirst.

In Kolumbien – ein sehr konservatives und restriktives Land mit einer starken Doppelmoral – bat mich ein Homosexueller mal, Fotos von ihm als Junge und als Mädchen zu machen. Das machte ich, und er liebte die Fotos. Anschließend fragte er mich, ob ich Aktbilder von ihm machen könnte. Ich sagte zu und er versicherte mir, dass ich keine Angst vor ihm zu haben brauche, da er keiner von den Typen sei, die diese Art von Situation ausnutzen, um Sex zu haben.

Ich machte die Fotos, er/sie war in Highheels und einem kleinen Stringtanga, und ich sagte ihm, wie er posieren sollte, um sexy Bilder hinzubekommen. Er fand, dass es schwer sei zu modeln, da man gut in Form sein muss, um schwierige Posen hinzubekommen. Gegen Ende ging er kurz ins Badezimmer, wechselte die wenige Kleidung, die er anhatte, und als er herauskam, war er dabei zu masturbieren. Ich dachte an garnichts, nahm bloß die Kamera und machte Fotos, wobei ich ihn auch dirigierte, damit er/sie auf den Fotos das zeigte, was er zeigen wollte: seine Erektion, seinen Körper in Ekstase. Dann sagte er mir, dass er dabei sei zu kommen, und dadurch gelang es mir, eine Nahaufnahme davon zu machen. Dann ging er ins Badezimmer, zog sich an und bedankte sich. Auf dem Nachhauseweg dachte ich über das Geschehene nach, da es das erste Mal war, dass ich solche Fotos aufgenommen hatte und ich das Model auch nicht weiter kannte. Als ich ihm die Fotos schickte, war er glücklich, da es weder Angst noch Scham von meiner Seite aus gegeben hatte und er sich wohlfühlte und wunderschön auf den Bildern aussah. Ich fühlte mich wie ein Mediziner, ich sah nur die Person, das menschliche Wesen, nicht die Moral und ließ mich von der Sexualität auch nicht negativ beeinflussen. Ich wollte wunderschöne, ehrliche Bilder, das kommunizierte ich auch mit ihm, und er hielt sich daran, indem er sich frei fühlte und dieses Gefühl ohne Ängste vor der Linse vermittelte. Ich bin froh, dass das passiert ist, denn an diesem Tag habe ich etwas Wichtiges über die Fotografie, die Kommunikation und ihre Ebenen gelernt und ganz sicher auch über das menschliche Wesen.

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Ich denke, dass jede Person auf der Welt darauf ihre eigene Antwort hat abhängig vom Geschmack, dem Wesen oder der Bildung. Mein inneres Gefühl sagt mir, dass ein Aktbild Kunst ist, wenn es den menschlichen Körper so zeigt, wie er ist und wie er sich ausdrückt oder wie er vom menschlichen Wesen neu erdacht wird. Die Erotik, das Sexuelle, die Beziehungen des Körpers mit der Umgebung und dem Raum sind weitere Teile der ästhetischen Botschaft, die du mit der Nacktheit übermittelst, aber sie sind nur der Subkontext des Bildes. Eine andere wichtige Sache – wobei ich mir darüber nicht sicher bin – ist die Technik oder die Sprache, denn es macht einen Unterschied, ob man Film benutzt, verschiedene Kameraarten, Formate oder Farben, und lässt andere Interpretationsweisen des menschlichen Körpers und seiner Ausdrucksweise zu. Es ist nicht das gleiche, wie wenn jemand ein Selfie von sich nackt am Fenster macht. Wobei ein Künstler vielleicht etwas Interessantes und sehr Ehrliches oder Ironisches daraus machen könnte, um das menschliche Wesen innerhalb dieses kulturellen Phänomens darzustellen.

Was inspiriert Sie? Gibt es inspirierende Vorbilder?

Die Gefühle, die mir das tägliche Leben mitgibt, inspirieren und motivieren mich am meisten zu neuen Arbeiten. Es kann die kleinste Sache sein, wie wenn das Wetter sich mit den Jahreszeiten ändert, von kalten, gefrorenen Landschaften bis zu in warmes Licht getauchten Sommernächten. Oder wenn sich der Regen plötzlich nach einem brütend heißen Sommertag ergießt. Es können auch wichtige Ereignisse in meinem Leben sein, die mich extrem glücklich oder extrem traurig machen. Es gibt viele Fotografen, die mich inspirieren. Ich liebe die Arbeit von Helmut Newton, Lina Scheynius, Ren Hang, Henrik Purienne, Larry Clark, Tamara Lichtenstein und vielen, vielen anderen!

Was ist Ihre Arbeitsweise?

Den Großteil meiner Arbeit habe ich mit einer Pentax K1000 35 mm-Filmkamera gemacht. Ich entwickle bloß das Negativ, danach scanne ich es ein, mache ein paar Farbkorrekturen und das ist alles. Das Foto, dass du siehst, erscheint beinahe genauso, wie ich es eingefangen habe. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, exakte Darstellungen dadurch zu machen, dass ich das Licht beobachtet habe und wusste, welchen Film ich nutzen muss.

Ich habe aber auch eine Serie von Fotos, die ich von den Kindern hier in den Straßen in Kolumbien gemacht habe. Über den Film kratze ich mit Spielzeug und Pistolen, als sei ich ein Kind. Ich arbeite bevorzugt mit Film, da du dabei wirklich das Licht und deine Kamera kennen musst. Jeder Rahmen ist wichtig, und es ist nicht sofortig wie bei der digitalen Fotografie. Ich nehme mir Zeit für eine Unterhaltung mit dem Model oder der Landschaft – manchmal ohne Worte. Außerdem liebe ich die Beschaffenheit von Film, er ist nicht so formbar, er ist roher.

Welche Rolle spielen die Inszenierung und der Zufall in Ihrer Fotografie?

Der Zufall ist sehr wichtig für mich, die meisten meiner Bilder sind nicht inszeniert. Ich gehe mit meiner Kamera umher und sehe Dinge oder Menschen, ich gehe zu ihnen, fokussiere und mache das Foto. Manche Leute rennen weg, und ich spreche mit ihnen, andere bleiben und posieren. Wenn ich Fotos von Freunden oder Mädchen mache, begleite ich sie auf einen kleinen Ausflug. Ich beginne Fotos von ihnen zu machen, und sie vergessen langsam, dass ich da bin. Manchmal bitte ich sie, bestimmte Dinge zu tun, solange ich merke, dass sie sich dabei wohlfühlen. Wie ich schon sagte, das Davor ist ein Akt der Kommunikation, und du musst ehrlich sein, wenn du ehrliche Gesten von der Person, die du fotografierst, haben willst. Es ist eine Kombination aus Inszenierung und Zufall, abhängig von der Situation und der Person, der Sprache, die du für das Foto nutzen willlst. Am wichtigsten ist es, ehrlich mit deinen inneren Sehnsüchten zu sein, nicht zu versuchen jemand anders zu sein oder aus deinem Model jemand anderen zu machen, als er oder sie ist.

Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Ich lerne gerade mit Schwarzweißfilm zu arbeiten und entwickle ihn selbst. Ich mache Fotos, seit ich 17 war, und würde meine Arbeit gerne außerhalb von Kolumbien ausstellen. Ich reise gerne durch Kolumbien und mache Fotos von den Menschen dort und würde gerne Porträts von nackten Frauen und Männern an so vielen Orten machen. Ich würde gerne mit meiner eigenen Bildsprache in der Modefotografie arbeiten und auch Modefilme machen. An einem Lowbudget-Modefilm habe ich mal als Kameramann gearbeitet: https://www.youtube.com/watch?v=YsmU6DRdcGU . Und ich würde gerne die Drehbücher, die ich geschrieben habe, als Regisseur verwirklichen. Es gibt so viele Dinge, die ich tun will, und ich habe das Gefühl, dass ich mein ganzes Leben dafür habe, um sie zu realisieren – und das mache ich Schritt für Schritt.

Esteban Abdala Torres Campo

Alter: 27

Universität/Ausbildung: Film an der Universität von Magdalena, Kolumbien

Nächste Ausstellung: Alles in Santa Marta, Magdalena, Kolumbien: Im Museum Quinta de San Pedro Alejandrino; im Kunstprogramm der Imagen Regional 8 in El Banco de la República in Santa Marta; in der Medellín Bibliothek, "From the sea to the mountain, from the mountain to the sea."
https://www.flickr.com/photos/estebanabdala/
dimeallest@gmail.com

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