Akt Now - Aktfotografie

Akt Now: Jenny Bewer

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder internationaler Fotografen. Diesmal: Jenny Bewer, für die Aktfotografie Raum zur Interpretation lassen muss
Junge Aktfotografie:Die besten Aktbilder internationaler Fotografen

Jenny Bewer ist Aktfotografin aus Interesse am menschlichen Körper. Jenny Bewer: Ohne Titel, aus der Serie "Meinwärts", 2013

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Der menschliche Körper. Es gibt wenig, was mich in so einer Art und Weise interessiert und fasziniert.

Das spiegelt sich auch stark in meinen anderen Arbeiten wider, nicht nur in den Aktserien. Wenn ich zum Beispiel Mode fotografiere, versuche ich immer, eine Verbindung zum Körper zu schaffen. Er gibt uns unendlich viele Möglichkeiten, Fragen zu stellen, Formen zu erzeugen und neue Zusammenhänge zu erschließen, die nicht nur etwas mit Fleisch und Hülle zu tun haben. Diese Schnittstelle zwischen dem Selbst und der Körperhülle fasziniert mich besonders. Daran merkt man auch, wie identitätsgebend der Körper ist und was für eine wichtige Rolle er für unser Seelenheil spielt. Es gibt viel mehr als Fleisch, Blut und Knochen, mit dem man ein erotisches Bild gestalten kann.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

Das ist sehr schwer zu sagen und kommt auf die Situation an, denke ich. Bisher musste ich mir diese Frage noch nie stellen, beziehungsweise war ich noch nie in einer solchen Lage. Man kann nicht pauschalisieren, wie weit man gehen würde, da man vorher nie genau weiß, was passieren wird.
Ich denke, wenn sich das Fotografieren falsch anfühlt, dann ist meine persönliche Grenze erreicht. Keine Ahnung, wann und ob dieser Zeitpunkt einmal kommt.

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Wenn es mir mehr zeigt, als einfach einen nackten Körper. Aktbilder brauchen etwas, was die Menschen fasziniert, Nacktheit allein reicht da nicht aus. Ein Bild, das nichts Interpretierbares mehr hat und alles von selbst beantwortet, reicht mir nicht und reizt mich nicht. Man muss immer mehr wollen als nur ein ästhetisches Verlangen zu befriedigen.

Gibt es inspirierende Vorbilder?

Für mich ist der inspirierendste Künstler der Maler Francis Bacon. Ich liebe seine Werke. Sie sind wie eine Kopie zutiefst menschlicher Empfindungen und Erfahrungen. Die Darstellung der Schönheit von Schmerz und der Abgründe, welche sich durch diesen auftun, hat Bacon auf eine ästhetische und inhaltliche Art umgesetzt, die einzigartig ist. Auf eine morbide Art wirken sie sogar anziehend und erotisch. Seine Bilder haben diese Wirkung, diese Mischung aus Faszination und Entsetzen, mit der man sie ansieht, ähnlich wie bei einem Autounfall. Gleichzeitig wirken sie wie ein freigelegter Nerv, absolut verletzlich, aber auch bereit, den Betrachter zu verletzen. Ich liebe sie, weil sie mich sowohl verstören als auch faszinieren.

Was war der peinlichste Moment?

Vielleicht nicht unbedingt peinlich, aber witzig war ein ganz spezielles Paar, das ich für meine Serie "Meinwärts" fotografiert habe. Damals war es April und sehr kalt. Das Set, das ich aufgebaut hatte, stand in einem Keller ohne Heizung, im Raum waren es vielleicht fünf Grad. Das Paar tauchte auf und beide wirkten völlig aufgedreht und aufgekratzt, sie zogen sich sofort nackt aus und fielen übereinander her. Ich fing an, die ersten Bilder zu machen, doch nach kurzer Zeit baten sie mich, den Raum zu verlassen. Ich fragte sie wieso. Sie antworteten, sie würden gern erst etwas Sex haben. Die beiden wollten mich testen, und sie provozierten gerne. Ich war etwas irritiert und meinte, dass wir hier keinen Pornofilm drehen würden und blieb. Am Anfang waren beide etwas peinlich berührt, doch dann fingen wir alle an zu lachen. Sie wollten einfach sehen, wie weit sie gehen konnten und wie weit ich bereit war zu gehen. Doch das war nicht das, was ich zeigen wollte.
Am Ende war es einer der besten Shootingtage überhaupt, und seither sind wir befreundet.

Welche Rolle spielen die Inszenierung und der Zufall in Ihren Fotografien?

Bei meinen Bildern kommt der Betrachter schnell in Versuchung zu denken, dass der Zufall im Gegensatz zur Inszenierung eine untergeordnete Rolle spielt, doch dem ist nicht so. Natürlich schaffe ich durch die Inszenierung eine Rahmensituation, in der ich bestimmte Abläufe kontrolliere. Jedoch ist es genauso wichtig, wie sehr sich die Menschen, die ich fotografiere, auf die Situation einlassen und wie wohl sie sich dabei fühlen. Vor allem wenn ich mit mehreren Personen arbeite, ist es unheimlich wichtig, dass eine Dynamik und Dramaturgie zwischen ihnen entsteht. Diese spezielle Reibung, die zwischen den Menschen herrscht, die intim miteinander agieren, kann ich nicht kontrollieren. Ich bin hier auf den Zufall angewiesen und hoffe, dass es zu diesen Momenten kommt, die sich langsam aufbauen und irgendwann entladen.

Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Ich würde gerne einmal ein interdisziplinäres Projekt realisieren, mit Künstlern aus verschiedenen Bereichen, die sich mit dem Thema "Der Körper als letztes authentisches Refugium" auseinandersetzen. Ich denke, es wäre wirklich interessant, die verschiedenen Ansätze zu sehen, und daraus eine Gruppenausstellung zu konzipieren.

Steckbrief:

Name: Jenny Bewer

Alter: 23

Hochschule/Ausbildung: FH Bielefeld / Fotografie: 2009-2013
http://jennybewer.com/
jennybewer@gmx.de