Akt Now! - Aktfotografie

Akt Now: Marcel Swann

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder junger Fotografen. Diesmal: Marcel Swann, der die Aktkunst als Mittel gegen Stumpfsinn ansieht und seine Tabus mit Wildschweinkeilern vergleicht, die er kastrieren will.

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Alles. Ich will den Stumpfsinn ficken, ohne mir wehzutun, um zu verhindern, dass er einen weiteren Tag auf der Erde nutzt. Das Nackte ist für mich eine zeitweilige Rettung. Ich vertraue meinen Models, dass sie weitermachen.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

Ich habe gigantische Tabus, verschwommene und eigenbrötlerische Tabus wie Wildschweinkeiler und ich versuche andauernd, sie zu kastrieren. Ich will meiner Fotografie einen unverdorbenen, aber wissenden Blick auf unsere Moral auferlegen. Deshalb muss ich andauernd die Grenzen überschreiten. Ich muss es tun. Aber über welche Grenzen?

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Pillen:

A) Es ist zu lange her, dass das "hic et nunc" (hier und jetzt) der künstlerischen Darstellung tot ist. Und es war nötig, eine neue Sprachlehre zu entwickeln: insbesondere aus dem Blickwinkel des Nutzers. Meine Absichten sterben in dem Moment, in dem sie geboren werden.

B) Ich bin eine sehr meditative Person und komme aus der Straßenkunst – dem klassischen Graffiti-Writing –, wo eine Handlungsstrategie und eine Planung der Arbeit fundamental sind. Wie das Adrenalin.

C) Wir sind überlastet. Zu viele Bilder. Überschüttet. Die Statistiken sagen, dass der Besucher einer Kunstausstellung im Schnitt drei Sekunden mit jedem Bild verbringt. 1907 sagte Alfred Lichtwark, kein Kunstwerk werde so aufmerksam beobachtet wie eine Fotografie von uns, unseren Liebsten oder etwas Bekanntem. Heute haben sich die Dinge nicht geändert. Jeder ist ein oberflächlicher Beobachter, wir sind oberflächliche Beobachter. Eine Banalität, ich weiß.

D) Ich meditierte viel, ehe ich mich entschloss, mich der Fotografie und insbesondere der Aktfotografie zu widmen.

E) Heutzutage kommt jedes Mal Kunst in die Welt, wenn die drei Sekunden, über die wir in C gesprochen haben, überschritten sind. Beim Akt ist das genauso.

Diese Pillen sind Chaos und Provokation, aber sie haben ganz sicher keinen anderen Sinn als aufzudecken/ zu entblößen. Aber sie enthalten gutartige Keime. Dann bin ich ein Nihilist, der Wein liebt. Wir sollten unsere Tage "erotisieren". Fünf Sinne wie ein Oktobersturm.

Gibt es inspirierende Vorbilder?

Vielleicht auf einem unbewussten Level. Ich habe keine Lieblingsfotografen. Ich habe Lieblingsfilmregisseure, etwa Valerio Zurlini oder Werner Herzog. Aber ich glaube nicht, dass sie die Quelle meiner Inspiration sind. Normalerweise beginnt alles mit einem Instinkt, einer Unzufriedenheit, einer Unangemessenheit von mir, die zu den Ideen führt.

Was war der peinlichste Moment?

Nichts Spezielles.

Welche Rolle spielen Inszenierung und Zufall in Ihren Fotografien?

Sie sind gleich wichtig. Ich plane gewöhnlich den Ablauf und zerstöre ihn zugleich wieder, da ich zu Ehren des Zufalls die Abwesenheit eines Plans bevorzuge. Wir brauchen keine geordnete Kunst. Ich mochte es schon immer lieber, wenn die Dinge der Masse chaotisch erschienen.

Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Nur heilige Kunst.

Marcel Swann

Alter: 27

Nächste Ausstellung: Zur Zeit arbeite ich an einem Projekt, das "Tears" (Tränen) heißt. Ich hoffe, dass ich damit nächsten Sommer fertig bin.


http://marcelswann.tumblr.com/
marcelswann@live.it