August Sander - Köln/München

Die Wahrheit vertragen

Vom Haldenjungen zum Meisterfotografen – 
zwei Kunstinstitute feiern den Neusachlichen August Sander. Mit seinen nüchternen Porträts dokumentierte er die Besonderheiten einzelner Berufsgruppen auf erzählerische Weise.

Wie sieht ein Handlanger aus? Wie unterscheidet er sich vom Architekten oder vom Schriftsteller? Diese Fragen drängen sich bei der Betrachtung von August Sanders (1876 bis 1964) legendärer Porträtserie Menschen des 20. Jahrhunderts auf.

Mit nüchternem Realismus erfasst er die Besonderheiten der einzelnen Berufsgruppen, ohne die Menschen ihrer Individualität zu berauben. "Die Wahrheit zu sehen, müssen wir vertragen können", erklärte Sander: "Vor allem aber sollen wir sie unseren Mitmenschen und der Nachwelt überliefern, sei es günstig oder ungünstig für uns."

Für die Fotografie begeisterte er sich, seit er als Haldenjunge auf dem Gelände einer Erzgrube einen Siegener Berufsfotografen kennengelernt hatte. Nach der Ausbildung machte sich Sander bald selbstständig und bot in seinem Atelier fotografische Arbeiten jeder Art an. Die ganze Bandbreite dokumentiert die Ausstellung in der SK Stiftung Kultur in Köln, die über den weltweit größten Sammlungsbestand von Fotografien und Archivalien Sanders verfügt.

Welchen Einfluss sein fotografisches Werk auf die nachfolgende Künstlergeneration hatte, zeigt die Ausstellung "Menschen vor Flusslandschaft" in der Pinakothek der Moderne in München, die Inka Graeve Ingelmann aus der Sammlung Lothar Schirmer zusammengestellt hat. Sie setzt die Fotografien von Sander mit Werken von Künstlern wie Thomas Ruff, Andreas Gursky, Thomas Struth, Jeff Wall oder Bernd und Hilla Becher in einen Dialog. Der Münchner Verleger Lothar Schirmer hatte seine Kunstsammlung bereits in den siebziger Jahren durch fotografische Positionen erweitert. Über Bernd und Hilla Becher lernte er den Sohn August Sanders kennen, der auch den Nachlass verwaltete. Bei ihm erwarb er Porträts, aber auch die weniger bekannten Landschaftsaufnahmen und Stadtansichten. "Sander hat die Fotografie als erzählerisches Medium gepflegt und darin eine andere Form der ästhetischen Wahrheit gesucht", erklärt Schirmer seine Faszination. Seinen Fotobuchverlag Schirmer/Mosel startete er vor 40 Jahren mit einem Bildband von August Sanders Rheinlandschaften.

August Sander

Köln, SK Stiftung Kultur, bis 3. August

Menschen vor Flusslandschaft, 
München, Pinakothek der Moderne, bis 24. August

Pinakothek der Moderne
http://photographie-sk-kultur.de/august-sander/august-sander/