Linda McCartney - Wien

Die schräge Normalität

Paul McCartney eröffnete im Kunsthaus Wien die erste Retrospektive seiner verstorbenen Ehefrau Linda McCartney.

Keine Fragen, keine Fotos, keine Autogramme – das ausgewählte VIP-Vernissagen-Publikum war streng gebrieft worden von Franz Patay, Geschäftsführer des Kunsthaus Wien.

Bevor der Meister erschien. Und Applaus aufbrandetete. Gekreischt wird in der bildenden-Kunst-Szene zwar nicht, wenn Paul McCartney auftaucht. Aber eine gewisse Spannung, selbst unter anwesenden Museumsdirektoren und -rinnen, war an dem Eröffnungsabend der ersten umfassenden Retrospektive auf Linda McCartney nicht zu ignorieren. Der Ex-Beatle war extra für die zwei Stunden des Previews aus London angereist, die Fotokunst seiner 1998 gestorbenen Frau scheint ihm ein echtes Anliegen zu sein.

So emotional wie angekündigt war seine kurze Rede dann aber doch nicht, er strich vor allem die Intimität heraus, die für ihn Lindas Fotos prägen. "Ein Shooting mit ihr war wie ein freundschaftliches Gespräch", erinnert er sich, "die Kamera lag in ihrem Schoß, und dann, wenn man gar nicht daran dachte und sich entspannt hatte, zückte sie sie plötzlich – und klick." Verliebt hatte sich McCartney in die schöne Fotografin aber nicht bei einem Fototermin – obwohl die New Yorkerin sich damals bereits einen Namen als freie Fotografin in der Pop-Szene gemacht hatte. Ganz stilecht mit "Hallo, ich bin Paul" sprach er sie in einem Londoner Club an. Es sollte eine der größten Liebesgeschichten der Pop-Geschichte werden. Drei Kinder bekamen sie gemeinsam, Lindas Tochter aus einer früheren Ehe wurde von Paul adoptiert.

Die Fotos des Familienlebens auf der schottischen Farm sind auch die, die am meisten berühren, die am meisten von der viel gelobten Intimität haben. Paul balanciert im Morgenmantel auf einem Zaun, ein Kind springt währenddessen fast surreal ins Bild hinein. Es sind tolle, immer ein wenig schräge Bilder des ganz normalen Lebens, das Linda ihrem Mann verordnet hatte, als die Beatles in die Krise kamen. Ein Foto von dem anderen Beatles-Paar, von John Lennon und Yoko Ono, illustriert beinahe alle Vorurteile, die Beatles-Fans gegen Yoko haben, und vielleicht auch eine gewisse Konkurrenz zwischen den beiden Künstlerinnen. Wie eine esoterische Furie stiert Yoko hinter dem Rücken Johns hervor bei dieser Studio-Szene. Aber auch Linda wurde später angekreidet, dass sie sich mit der Gründung der gemeinsamen Band Wings zu sehr in die Musik einmischte.

Das war in den siebziger Jahren, als sie ihre eigene Karriere als Fotografin bereits eingeschränkt hatte. Sie engagierte sich leidenschaftlich für den Vegetarismus – bei der Vernissage gab es nur vegane Snacks – und den Tierschutz. Dennoch blieb die Kamera ihre Begleiterin, ihr letztes Selbstporträt vor ihrem Krebstod schoss sie 1997 in Francis Bacons ehemaligem Atelier in London, in einem zerbrochenen Spiegel.

Linda hatte Kunstgeschichte zu studieren begonnen, ihr Vater war ein bei Künstlern und Musikern beliebter Anwalt. Sie hatte einen guten Zugang, porträtiere Willem de Kooning oder Gilbert & George. Doch es sind die frühen Fotos von den Rolling Stones, Jimi Hendrix und eben den Beatles, bei denen der Funken überspringt. Mit den Stones hatte ihre Fotografinnenkarriere auch begonnen. Sie arbeitete gerade als Empfangsdame bei einem biederen Haus-und-Garten-Magazin in New York, als sie im Juni 1966 ihr "Window of Opportunity" nutzte – und sich einfach die Einladung zu einem Pressetermin mit den Stones auf einem Boot am Hudson River schnappte. Und einfach hinging mit ihrer Kamera. Die Fotos der rotzfrechen Jungs, die eindeutig die junge Fotografin anmachten, sind grandios. Und markieren den Scheideweg der Empfangsdame und frisch geschiedenen jungen Mutter Linda Eastman, die sich wenig später den damals begehrtesten Junggesellen der Welt schnappen sollte. Klick.

Linda McCartney

Kunsthaus Wien
bis 6. Oktober
http://www.kunsthauswien.com/de/ausstellungen/aktuell