Christopher Williams - New York

Schöner, falscher Schein

Er untergräbt die klassischen Lesarten der Fotografie – jetzt hat der Amerikaner seine erste große Retrospektive

Eines der berühmtesten Bücher der Fotografiegeschichte zeigt nichts als Pflanzen in schwarzweißen Nahaufnahmen.

In Karl Blossfeldts Urformen der Kunst gleichen die Stängel und Blüten steinernen Skulpturen, was den US-amerikanischen Konzeptkünstler Christopher Williams, Jahrgang 1956, in den achtziger Jahren auf die Idee brachte, Glasmodelle aus dem botanischen museum der Harvard University in demselben Stil zu fotografieren. Allerdings ging es ihm nicht nur um den Witz, Blossfeldts Versteinerungen der Natur mit den Aufnahmen von Modellen zu überbieten, sondern auch um eine politische Botschaft: Für seine 27-teilige Arbeit Angola to Vietnam lichtete Williams ausschließlich Pflanzen aus Ländern ab, in denen Ende der achtziger Jahre politische Morde an der Tagesordnung waren – und unterwanderte so die klassische Lesart der Naturfotografie.

Es gibt kaum ein Werk, in dem Christopher Williams, der seit 2008 an der Kunstakademie Düsseldorf lehrt, nicht das Künstliche der scheinbar realistischen Fotografie herausstreicht – und einen Klassiker der Fotografie- oder Filmgeschichte zitiert. Auch der Ausstellungstitel seiner Re-trospektive im New Yorker Museum of Modern Art, "The Production Line of Happiness", ist einem Film von Jean-Luc Godard entlehnt. Mit ihm spielt Williams darauf an, dass Film und Werbefotografie Glücksbilder am laufenden Band liefern, während er diesen in seinen Lektionen über die Industriegesellschaft eine eigene Serienproduktion aus falschem Schein entgegenstellt. Statt selbst zu fotografieren, lässt er professionelle Fotostudios Motive im aufpolierten Stil der Werbeindustrie, aber mit kleinen Fehlern aufnehmen. So wirkt ein Zweig mit saftigen Äpfeln gerade deswegen steril, weil die Darstellung der unvollkommenen Natur den entscheidenden Tick zu perfekt geraten ist.

Die MoMA-Ausstellung, die zuvor schon in Chicago zu sehen war, ist Williams’ erste Retrospektive und zeigt neben den frühen, kaum bekannten Super-8-Kurzfilmen seine wichtigsten Serien: etwa Source über die Auswahlkriterien, mit denen wir unerschöpfliche Bildarchive durchsuchen, oder Die Welt ist schön nach Albert Renger-Patzschs gleichnamigem Bildband, in der Williams die zum Scheitern verurteilte Sehnsucht nach einer objektiven Weltsicht karikiert.

Christopher Williams: The Production Line of Happiness

New York, Museum of Modern Art,
bis 02.11.2014

http://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/1411

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