Helmut Newton - Berlin

Der Charme des Beiläufigen

Tausende von Polaroids hat Helmut Newton von den 1970er Jahren bis zu seinem Tod 2004 gemacht. Die Newton Stiftung in Berlin stellt nun eine Auswahl der eindrücklichsten Sofortbilder aus. Zu entdecken ist ein anderer, weniger streng inszenierender Newton. Ein Fotograf, der so für die Spontaneität der Polaroids brannte, dass er damit teils kistenweise seine Shootings begleitete.

"Die Beleuchtung ist noch etwas zu hell", registriert Helmut Newton mit Blick auf ein Polaroid. "That's it: Sehr schön!" "Kannst Du dich noch noch etwas weiter nach vorne beugen?" "Ich mag die andere Profilansicht von dir lieber!"

O-Töne wie diese sind in Filmaufnahmen von Helmut Newtons Arbeitsprozessen überliefert. Er bestellte das Set für seine Mode- und Magazinaufnahmen vorab auf das i-Tüpfelchen genau. Der Starfotograf war bekanntlich detailverschossen und kontrollierte jeden Augenaufschlag bis zur absoluten Perfektion. Ganz am Ende erst kam zum Arrangement des Orts das oft in hautenge Haute Couture verpackte Model hinzu. Und bevor Newton seine Spiegelreflexkamera in die Hand nahm, wurde jede Etappe des Aufbaus und der strengen Regie via Polaroids dokumentiert. Manchmal suchte er auch die Interaktion mit Menschen, die zufällig die Location bevölkerten. So etwa 1978 am Strand von St. Tropez, wo er für den Stern das Mondäne eines mit Turban, Schlauchrock, Bustier und langen Handschuhen in Schwarz versehenenen Models in erotischen Kontrast zu der Gewöhnlichkeit der südfranzösischen Sonnenanbeter brachte.

Newton und die Magie der fotografischen Intuition

Eine Ausstellung in der Newton Foundation im Berliner Museum für Fotografie versammelt nun rund 300 Exemplare aus dem Tausende von Test-Polaroids umfassenden Newton'schen Schatz an Sofortbildfotografie. Der große Reiz dieser Ausstellung ist, dass sie Newtons Arbeitsmodus aus einer relativ unbekannten Perspektive zeigt. Zu verfolgen ist weniger der mit fast schon bildhauerischer Striktheit agierende Fotograf, sondern vielmehr ein von blitzartigen Eingebungen geleiteter Inszenator. Als Newtons Polaroids 1992 erstmals in der Publikation „Pola Woman“ im Schirmer/Mosel Verlag vorgestellt wurden, reagierte die Presse verhalten bis ablehnend. Bemängelt wurde seinerzeit die fehlende Schärfe respektive Perfektion der Aufnahmen. Der Fotograf war überrascht und erwiderte, dass ihm gerade dieses Buch sehr am Herzen gelegen habe: "Das war ja gerade das Spannende – die Spontaneität, das Schnelle." Heute ist im Zuge des Erfolgskurses von Fotografen wie Wolfgangs Tillmans und Juergen Teller in der Modefotografie eine von charmanter Beiläufigkeit durchsetzte Ästhetik durchaus gefragt. Insofern sehen wir auch Newtons Polaroids mit anderen Augen. Die Bilder demonstrieren, wie der Maestro bei aller kompositorischen Überzeugungskraft auch mit einer großen Lässigkeit, mit Sensibilität für die jeweilige Situation zu agieren wusste.

Seit den 1970er-Jahren brannte Helmut Newton (1920–2004) für die schnell verfügbare Ansichten liefernde Polaroid-Technik. Er testete damit das Licht und die Bildwirkung. Fotografische Kampagnen für Yves Saint Laurent, Thierry Mugler, Alberta Ferretti und legendäre Modestrecken in der französischen, italienischen und nicht zuletzt deutschen Vogue wurden von unzähligen seiner Sofortbilder begleitet. In dieser Ausstellung sind sie gleich Polacolor Prints großformatig aufgezogen, lassen sich wie ein Storyboard des Shootings lesen. An den Rändern hat sich Newton oft Notizen gemacht: "For Fr. Vogue in my apartment Paris 1978" ist etwa auf einem der Polaroids zu lesen. Gelegentlich auftretende Risse, Brüche, Schadstellen, Emulsionsflecken sorgen für eine schöne Patina. Wobei man sich vielleicht die Reihe monströs vergrößerter Bilder in dem zentralen Saal hätte sparen können. Die Witwe June Newton wollte unbedingt ein paar Polaroids annähernd zu der Monumentalität von Newtons berühmten "Big Nudes" aufgebläht wissen. Was natürlich nicht funktioniert, hier verkommt der Charme des Lässigen zu purer bildnerischer Schwiemeligkeit.

Am frischesten wirken tatsächlich die zuhauf in Vitrinen ausgelegten Originalpolaroids im kleinen Format. Der Kunstmarkt hat diese Unikate längst für sich entdeckt – bis zu 20 000 USD zahlt man für eines der begehrteren Motive Newtons. Sie erscheinen um so wertvoller, da die Polaroid-Technik heute von der Digitalfotografie überholt ist. Dennoch, bei allem Respekt vor dieser eher unmittelbaren Seite Newtons, mehr als Nebenprodukte, Vorstudien, Skizzen zu der die Frauen heroisierenden Fashion- und Aktfotografie waren die Polaroids für den legendären Fotografen nie. Newton ging übrigens relativ generös mit den Sofortbildern um. Bei Dinnerpartys benutzte er sie sogar als Platzkarten am Tisch. Glücklich, wer unter Newtons näheren Freunden noch eine mit persönlicher Widmung besitzt.

Helmut Newton: Polaroids

Bis zum 20. November 2011 im Berliner Museum für Fotografie zu sehen.
Der Katalog erscheint im Taschen Verlag und kostet 39,99 Euro.
http://www.helmut-newton.de