Ulrich Seidl - Wien

Die Rückkehr ins Paradies ist unmöglich

Die eine Schwester Sextouristin in Afrika, die andere Missionarin im Rosenkrieg und die Teenie-Tochter im Diät-Drill-Camp: Ulrich Seidls Filme sind schonungslose Beschreibungen menschlicher Obsessionen und Abgründe. Über seine "Paradies"-Trilogie, Schönheitsideale und die Komposition seiner Bilder sprach art mit dem Regisseur bereits 2013, anlässlich einer Ausstellung im C/O Berlin. Seine aktuelle Ausstellung in der Wiener Galerie Ostlicht zeigt bis Februar 2015 auch Bilder aus neueren Werken, wie Seidls neuestem Film "Im Keller".

Herr Seidl, welche Erwartungen sollen die Titel ihrer Triogie "Paradies: Liebe. Glaube. Hoffnung" wecken?

Ulrich Seidl: Wir sind alle ein Leben lang auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort: dem Paradies. Die Bibel lehrt uns, dass wir verstoßen wurden, und seither wollen wir zurück.

Auch wenn der Tourismus uns etwas anderes verkaufen will, ist das unmöglich. Ich widme den drei christlichen Tugenden Liebe, Glaube und Hoffnung, die auch schon der österreichisch-ungarische Bühnenautor Ödön von Horváth behandelt hat, einen Film. Dabei könnten alle drei Begriffe auch für alle drei Teile gelten.

Wieso zeigen Sie Stills aus Ihren Filmen als für sich stehende Kunstwerke?

Als Regisseur will ich Filme visuell erzählen. Dafür habe ich immer eigene Bilder gefunden, die jetzt auch allmählich so etwas wie eine Filmsprache ergeben, die unverwechselbar ist. Ich versuche, eine Szene mit nur einem Bild zu machen. In "Liebe" gibt es ein Bild, das zeigt die ganze Welt: Die Urlauber, die sich in Reih und Glied auf ihren Liegen sonnen, auf der anderen Seite die Beachboys. Daher habe ich mich schon seit längerer Zeit mit der Frage beschäftigt: Ist es möglich, das Bild aus dem Film herauszunehmen und es, ohne die Handlung zu kennen, für sich allein zu betrachten?

Warum unternehmen Sie diesen Versuch nun mit einer Trilogie?

Die Bilder der Trilogie eignen sich hervorragend. Sie zeigen drei unterschiedliche Sujets, Atmosphären und Schauplätze. "Liebe" erzählt vom Sextourismus in Kenia und ist ein starker körperlicher Gegensatz zu dem geistlichen Eheversprechen, das die Protagonistin in "Glaube" mit Jesus Christus eingeht. Im letzten Teil "Hoffnung" erzähle ich von einem 13-jährigen Mädchen in einem Diätcamp. Der Betrachter der Bilder kann, muss aber nicht wissen, worum es in der Narration geht. Das ist der Versuch der Ausstellung.

Ihren Bildern ist eine starke Komposition eigen. Gibt es Maler, an denen Sie sich orientiert haben?

Mich haben Hieronymus Bosch und auch Goya immer wieder interessiert. Das ist mir bei einem langjährigen Projekt, einem historischen Stoff, an dem ich demnächst wieder rangehen werde, bewusst geworden. Ich sehe diese beiden Künstler immer wieder als Vorbild.

Welche der ausgestellten Bilder wären Elemente eines Triptychon?

Bei einem Altarbild gibt es ein Hauptbild und zwei Seitenbilder. So sind meine Bilder nicht. Sie funktionieren noch gut im Duo, mehr gibt es da nicht.

Lassen sich inhaltliche oder formale Zitate in der Ausstellung finden?

Das kann man so direkt nicht sagen. Diese Beschäftigung mit Bildern steht am Anfang einer visuellen Entwicklung. Beeinflusst wird man von so vielen Dingen, die nie in den Filmbildern zu sehen sein werden. Ich sehe zu, wie sich der Mensch im Raum verhält. Aber auch da gibt es keinen klaren Weg.

In klassischer Dreieckskomposition zeigen Sie eine ältere Dame unter einem Moskitonetz. Schützt die künstlerische Form den entblößten Körper?

Welchen Schutz sollte es geben? Das ist in "Paradies" ja die Idee: den Körper zum Thema zu machen. Es geht nicht darum, etwas zu verschleiern. Solche Bilder werden sozusagen eingesetzt, weil es eben Thema des Filmes ist. Natürlich könnte man das alleinstehende Bild interpretieren, dass die Frau geschützt oder gefangen ist.

Gemäß der klassischen Studie der Lebensalter zeigen Sie Nackte: alte, jugendliche, athletische und dicke Körper. Haben Sie ein Schönheitsideal?

Ich versuche, die Schönheit in der vermeintlichen Hässlichkeit zu finden. Die Medienwirklichkeit, in der wir leben, ist geschönt, verstellt und falsch. So schauen wir nicht aus. Was mich interessiert ist, wie unsere Körper wirklich sind. So etwas muss man auch zulassen. Das ist aber auch kulturell bedingt. Ein Körper, den Frau Tiesel hat [die österreichische Schauspielerin Margarethe Tiesel spielt die Hauptrolle in "Liebe", Anm. d. Red.], der ist im arabischen Raum gewollt und schön. Im Westen ist es schön, wenn man ganz schlank ist. In den 20er und in den 50er Jahren waren die Frauen mollig und die Körper weiblich. Das war schön.

Auf einem Bild geht die 50-jährige Sextouristin im Badeanzug auf den Beachboy zu, der im Sand eine "Brücke" turnt. Ist es beabsichtigt, dass sich sein Geschlechtsteil im Goldenen Schnitt befindet?

Nein, das ist nicht gewollt. Das Bild ist ein Ausschnitt aus einer bewegten Szene. Es gibt 24 Bilder in der Sekunde. Man schaut sich die Frames an und entscheidet sich dann. Ich suche nicht nach der Form im Bild.

Wie kommt es dann, dass in vielen Ihrer Bilder eine starre Ordnung herrscht?

Das kommt daher, dass ich mit dem Katholizismus groß geworden bin.

Wie wichtig ist Ihnen Sex als Mittel, besondere Geschichten zu erzählen?

Nicht Sex, sondern die Sexualität der Menschen als Medium ist ein ganz wesentlicher Bestandteil des Lebens und des Schicksals. Sexualität ist prägend. Deswegen spielen in den Beziehungen der Geschlechter die Machtverhältnisse eine bedeutsame Rolle. In den "Liebe"-Bildern wird Sex als Ware gezeigt. Aber ich finde es überhaupt nicht schrecklich, was die Sugermamas dort tun. Der Film wirft einen wieder zurück auf unsere Zeit: Die Liebe ist ein gegenseitiges Geschäft, auch wenn Geld keine Rolle spielt. Die Beziehungen, in denen Geld eine Rolle spielt, sind ebenso funktionierend, oder eben nicht, wie andere.

Die Bilderfolge, auf der ein kenianischer Beachboy für mehrere Frauen strippt, wurde mit einer Handkamera gefilmt. Wie gelingt es Ihnen, die Distanz zu dem Betrachter einzuhalten?

Der Betrachter ist immer die Kamera, je nachdem, welche Distanz sie zu dem Sujet hat. Und die Kamera wiederum ist immer mein Blick auf die Welt. Und ich sehe es so oder so. Ob es wichtig ist, entscheide ich dann.

Sie spielen mit Vertikalen und Horizontalen, etwa beim Bild der übergewichtigen Kinder, die im Diätcamp an der Sprossenwand hängen oder dem der Katholikin, die das Kruzifix unter die Bettdecke verschwinden lässt. Wie wichtig ist Ihnen Humor?

Meine Filme sind ja in vielerlei Hinsicht schwer zu ertragen, wie es auch viele Zuschauer sagen. Insofern ist Humor wichtig und überhaupt gut. Aber ich erzwinge ihn nicht. Ich stehe, wo ich sehe und gestalte etwas. Ich will keine Pointen, bei denen das Publikum zeitgleich lacht. Die übergewichtigen Teenager an der Sprossenwand in "Hoffnung", die sehe und drehe und wende ich, und dann stimmt das Bild. Das hat immer gut funktioniert.

Ulrich Seidl. Stills 1998 – 2014

Termin: bis 14.2.2015, Galerie Ostlicht, Wien
http://www.ostlicht.at/programm/vorschau/ulrich-seidl/

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