August Sander - Fotografie

Sehen, Beobachten und Denken

In seinen präzise inszenierten Fotos zeichnete Sander ein unpathetisches Bild der deutschen Gesellschaft vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die NS-Zeit – eine Gegenüberstellung mit Fotografen, die heute in seinem Sinne arbeiten

"Man fragt mich oft, wie ich auf den Gedanken gekommen sei, dieses Werk zu schaffen: Sehen, Beobachten und Denken, und die Frage ist beantwortet." So lakonisch beschrieb der deutsche Fotograf August Sander (1876 bis 1964) sein in der Geschichte der Fotografie einzigartiges Werk mit dem lapidaren Titel "Menschen des 20. Jahrhundert" ein "Kulturwerk in Lichtbildern" wie er es nannte, "eingeteilt in 7 Gruppen, nach Ständen geordnet".

Sanders' Modelle strahlen große Würde und Stolz auf ihren Stand aus

Sander gilt als Wegbereiter einer sachlich-konzeptuellen Dokumentarfotografie, in seinen unglaublich präzise inszenierten Fotos zeichnet er ein unpathetisches Bild der deutschen Gesellschaft vom Beginn des 20. Jahrhunderts über die Zeit der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Obwohl Sander seine Modelle in den verschiedensten Berufen fand – alle Fotografierten, ob Bauern, Hirten, Maurer, Töpfer, Konditor, Sattler, Schuhmacher, Großindustrieller oder Sportflieger, strahlen große Würde und Stolz auf ihren Stand aus.

Bis heute wirkt Sanders Strahlkraft auf nachfolgende Generationen. Fotografen und Künstler orientieren sich an seiner "Inszenierung des Individuums in Bezug zum Gesellschaftlich-Typischen", so heißt es in der Ankündigung einer Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, "an der formalen Strenge seiner oft frontal ausgerichtete Personen und deren Verhältnis zum Umraum".

Im Vergleich mit Aufnahmen des Vorbilds belegt eine erlesene Auswahl Arbeiten von Fotografinnen und Fotografen eindrucksvoll, wie das Prinzip von August Sander auch heute noch Gültigkeit hat. Altmeister Stefan Moses (Jahrgang 1928) hat Bürger der damaligen DDR 1989/90 zur Zeit der Wende porträtiert und schuf damit das Bild einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft. Frank Höhle kleidete 48 Menschen für seine Porträtserie in die gleichen blauen Jeans und weißen Hemden, was die Vermutung nahelegt, sie seien in einer einzigen Session fotografiert worden – die Aufnahmen aber entstanden in den Jahren 2002 bis 2004. Thomas Bachler und Karin Weinert orientierten sich am Sander-Projekt und nannten ihre Momentaufnahmen "Menschen des 21. Jahrhunderts". Die Amerikanerin Fiona Tan beobachtete für ihre "Study for Provenance" (Untersuchung der Herkunft) spielende Kinder.

Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts

Termin: 20. Oktober bis 6. Januar 2013. Der Katalog kostet 16 uro
http://www.bietigheim-bissingen.de/Staedtische_Galerie.270.0.html

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