Abstrakte Fotografie in Würzburg

Nichts ist abstrakter als die Realität

Warum sich junge deutsche Fotokünstler zunehmend der Wirklichkeit verweigern. Überlegungen anlässlich einer Gruppenausstellung in Würzburg.
Die älteste erhaltene Daguerreotypie Daguerres aus dem Jahr 1837

Die älteste erhaltene Daguerreotypie Daguerres aus dem Jahr 1837

Jedem Anfang wohnt ein Ende inne. Das ist in der Fotografie nicht anders als im Leben. Als der Franzose Francois Arago am 19. August 1839 die Erfindung der Daguerreotypie bekannt gab, da war das eigentlich der Schlusspunkt hinter einer alten Idee: Über den Umweg einer Camera obscura ließ sich die Außenwelt auf zweidimensionale Flächen einschreiben. Was danach noch folgte, war allenfalls Detailarbeit: Die Daguerreotypie wurde vom Negativverfahren abgelöst, die Glasplatten wurden durch Rollfilme ersetzt, und auf Dunkelkammern folgten Photoshop und Postproduktion. Doch eigentlich war an diesem Sommertag vor 176 Jahren die Sache im Kasten. Das Sonnenlicht war jetzt in der Lage, Natur darzustellen.

Etwas irritiert mag da sein, wer derzeit im Würzburger Museum im Kulturspeicher vor den Fotografien von Stefan Heyne, Marco Breuer oder Christiane Feser steht. Denn wie man dort sieht, sieht man eigentlich gar nichts: keine Natur, keine Außenwelt, nicht einmal einen Hauch von Mimesis! Heyne etwa, 1965 in Brandenburg geboren, zeigt auf seinen sechs kleinformatigen Arbeiten kaum mehr als die Einschreibungen von Licht. Und der Deutsch-Amerikaner Marco Breuer nutzt das fotografische Papier einzig noch, um es pyrotechnisch zu malträtieren oder mit Rasierklingen und Schleifpapier zu penetrieren. Christiane Feser schließlich, eine 1978 in Frankfurt geborene Künstlerin, schneidet ihre belichteten Fotopapiere auf und faltet sie zu skulpturalen Objekten.

Die Fotografie, wie wir sie kennen, kann man in Würzburg also tatsächlich knicken. Gottfried Jäger, Mitkurator dieser Ausstellung mit dem Titel "Lichtbild und Datenbild", erklärt solche merkwürdigen Aufnahmen so: "Das Medium besinnt sich hier auf sich selbst und die nur ihm zugehörigen Eigenschaften. Im Mittelpunkt stehen Spuren von Licht, feine Farbverläufe oder das glänzende Material des Fotopapiers." In der apparativen Abstraktion ist der 78-jährige Jäger eine anerkannte Koryphäe. Bereits in den sechziger Jahren hatte der Bielefelder mit der sogenannten "Generativen Fotografie" das Bild vom Abbild zu lösen versucht. In Anlehnung an die Bildexperimente der Avantgarden entwarf er damals fotografische Bilder, die kaum mehr zeigten als ein symmetrisches Arrangement von Schwarz und Weiß.

Große Müdigkeit in Bezug auf fotografischen Realismus

Doch die "Generative Fotografie" blieb über Jahrzehnte hinweg ein Randphänomen. Der Fotokunstmarkt setzte lieber auf Typologien im Stile der Bechers oder Inszenierungen à la Jeff Wall oder Cindy Sherman. Kurz: man liebte es, wenn auf Fotos "was drauf" war. So kannte man es ja auch von Zuhause. Ein Foto, das war irgendwas mit Menschen, Landschaften oder gar Tieren. Doch allmählich scheint sich eine Art Müdigkeit in Bezug auf fotografischen Realismus breitgemacht zu haben. Da ist es kein Wunder, dass genau jetzt die Abstrakten wieder ins Bewusstsein dringen.

Im ICP in New York etwa fragte man schon vor über einem Jahr in der viel beachtete Ausstellung "What is a Photograph?" nach den Grundbausteinen des fotografischen Bildes. Und selbst international gefeierte Fotokünstler wie Thomas Ruff oder Wolfgang Tillmans haben in den letzten Jahren das "Bild ohne Bild" wieder auf die Tagesordnung zu setzen versucht. Als Tillmans etwa 2008 seine Serie "Lighter" im Hamburger Bahnhof vorstellte, da staunten die Museumsbesucher über eigentümlich monochrome Abzüge, die der Fotograf lediglich noch gefaltet, geknickt und unter transparente Plexiglashauben gesteckt hatte. Das also sollten Fotografien sein?

Stefan Heyne hegt an einer solchen Behauptung keinerlei Zweifel: "Der fotografische Umgang mit Realität kommt mir bisweilen vor wie ein visuelles Antidepressivum." Diese Realität stelle ruhig; mache glücklich, sei aber letztlich eine Chimäre. "Ich kenne nichts abstrakteres als die Realität." Eine Realität, die doch gerade in der abbildenden Fotografie immer wieder ins Gerede gekommen ist. Hatten nicht jüngst erst die Diskussionen um den italienische Fotografen Giovanni Troilo und die Auszeichnung seiner inszenierten Bilder mit dem World Press Photo Award die ganze Brüchigkeit des fotografischen Wirklichkeitskonzeptes in Frage gestellt?

Während Heyne also genau diese Krise des Realismus ins Visier nimmt, geht es Christiane Feser um die Autonomie des fotografischen Bildes: "Es interessiert mich, Bilder zu erzeugen, die selbst etwas sind, anstatt nur etwas darzustellen", sagt die 38-jährige über ihre oft großformatigen Arbeiten. Denn ein Foto ist für Feser eigentlich schon Bild genug. Da braucht es keine Referenzen im Außen. Und wie die Frankfurterin sehen das viele der jetzt angesagten Abstrakten – darunter erfahrene Realitätsverweigerer wie die 1941 geborene Österreicherin Inge Dick oder der Kölner Farbveteran Hanno Otten, aber auch junge Künstler wie der 1982 geborene Jan Paul Evers oder die Berlinerin Miriam Böhm. Deren aktuelle Arbeiten, die derzeit in der Berliner Wentrup Gallery gezeigt werden, sind Befragungen von Perspektive und Raum, von Tiefe und fotografischer Fläche. Man schaut auf formale Konstruktionen und visuelle Spielereien. Manchmal aber auch verharren Böhms Arbeiten im oberflächlich Dekorativen.

Sind die Abstrakten nur die Anselm Reyles des Lichtbilds?

Und genau hier setzt zuweilen Kritik an den gegenstandslosen Fotofrafien an: Die neuen Abstrakten, so heißt es dann, seien kaum mehr als die Anselm Reyles des Lichtbilds: hübsch und effektverliebt. Stefan Heyne widerspricht vehement: "In der Malerei hat Abstraktion eine ganz andere Tradition und Verankerung. Die Fotografie indes ist derart eng mit der Realität verwoben, dass sie deren Erschütterungen auf eine ganz andere Art reflektieren kann." Alles gehöre jetzt zur Disposition gestellt: Sehen, aufnehmen, begreifen.

Vielleicht liegt im Beginn der Fotografie vor 176 Jahren also doch noch nicht das Ende begraben. Vielleicht muss man nur ganz neu fotografieren lernen, um dem Medium neue Räume zu öffnen. In diesen erübrigen sich Anfang und Ende womöglich von alleine. "Fotografie in der Möbiusschleife" hat der Kunstkritiker Ludwig Seyfarth vor einigen Jahren einen Aufsatz zu Christiane Feser betitelt. Für eine solche Fotografie drehe sich alles im Kreis. Paradoxerweise könnte sich aber gerade diese selbstreflexive Kreisbewegung als Weg aus der bloßen Detailarbeit an Abbildungsparametern erweisen. Ein Anfang im Ende.

Lesen Sie hier auch unseren Bericht zu neuen Tendenzen der Abstraktion in der zeitgenössischen Malerei.

Lichtbild und Datenbild – Spuren Konkreter Fotografie

bis 31. Mai 2015 im Kulturspeicher Würzburg
http://www.kulturspeicher.de/kulturspeicher/index.html

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