Photography Calling! - Hannover

Seltsam still und weltverloren

Das Sprengel-Museum zeigt die Entwicklung des dokumentarischen Stils und stellt damit Forderungen an die Sammlungspolitik anderer Institutionen: mehr Fotografie wagen.

Eine Ausstellung als Aufruf: Die Museen sollen die Fotografie endlich ernst nehmen. Also nicht nur gelegentlich ausstellen, sondern auch sammeln. Hannover zeigt, wie das gehen könnte: Grundstock der Schau ist die Sammlung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, die seit der Expo 2000 kontinuierlich ankauft, darunter exzellente Werkblöcke von Bernd und Hilla Becher, Diane Arbus, Lewis Baltz und William Eggleston, die mit anderen Besitzständen fast ein Drittel der Schau stellen.

Dazu kommen geliehene Konvolute von anderen Größen und jungen, auch unbekannten Fotografen. Es geht den Kuratoren Inka Schube und Thomas Weski um die Entwicklung des „dokumentarischen Stils“ seit den sechziger Jahren. Ein großes Thema. Oder, anders gewendet, auch zu eng, um die Welt wirklich zu fassen.

Schließlich meint "dokumentarischer Stil" alle Fotografen, die sich, von einem strengen Konzept geleitet, mit der Wirklichkeit beschäf­tigen. Es geht ihnen nicht um das fotografische Dokument im Reportersinn, gar um den berühmten „entscheidenden Augen­blick“ – sondern um die filternde Leben­sicht des Fotografen, der sich als Künstler versteht. Jedes Bild ein Meisterwerk, auch wenn vorzugsweise seriell gearbeitet wird. Alles Journalistisch-Spektakuläre bleibt des­halb in der Schau ebenso außen vor wie alles Schnelle, Schmutzige, vordergründig Engagierte. Es geht bemerkenswert still und schön im Sprengel-Museum zu – fast romantisch.

Die wertkonservative Haltung der Kuratoren macht die Schau zu einem vorzüglichen Kunsterlebnis, bei dem man viel über Bilder und erstaunlich wenig über die Gesellschaft lernt. Man sieht wunderbare Wald­landschaften von Jitka Hanzlová, betörend malerische Digitalstillleben von Wolfgang Tillmans, dann wieder perfekt komponierte Wälder, Felder und Wege von Elisabeth Neudörfl, grandiose Marslandschaften von Thomas Ruff, berührende Schläfer von Max Baumann – und zum Glück auch Tristes von Tobias Zielony, Witziges von Martin Parr und Böses von Boris Mikhailov. So strebt man hier von Höhepunkt zu Höhepunkt und fragt sich am Ende doch, was hier nicht stimmt: Es liegt wohl an der stramm atlantischen Auswahl, dass die Schau so seltsam weltverloren wirkt.

Photography Calling!

Hannover, Sprengel-Museum
Der exquisit gedruckte Katalog aus dem Steidl Verlag kostet 29 Euro

bis 15.1.12

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