Arno Fischer - Nachruf

Als Fotograf musste man bei Arno vorbei

Harald Schmitt fotografierte für den "Stern" in der DDR. Nun erinnert er sich für art an den Fotografen Arno Fischer, der letzte Woche starb.
Das Sofa am Schiffbauerdamm:Arno Fischer prägte die deutsche Fotografie

Der Fotograf Arno Fischer erhielt am 14.10.2010 den Hannah-Höch-Preis in der Berlinischen Galerie in Berlin

Von 1977 bis 1983 war ich als Fotoreporeter des "Stern" in der DDR akkreditiert und habe Arno Fischer als Freund meines Vorgängers Thomas Hoepker "übernommen". Er hat ihn mir ans Herz gelegt, und ich lernte Arno auf einem Fest unseres gemeinsamen Bekannten Ludwig Schirmer, dem Vater von Ute Mahler, kennen. Von Anfang an gab er mir das Gefühl, wir würden uns schon lange kennen, was sich im Laufe der Jahre noch verfestigte.

Arno wohnte damals mit seiner Frau Sybille Bergemann am Schiffbauerdamm in Ost-Berlin. Er arbeitete als Fotograf und wurde Inspirator für junge Nachwuchsfotografen in der DDR. Er begegnete seinen Schülern immer auf Augenhöhe. Nicht wie viele andere, die spüren ließen, ich hier oben, ihr da unten. Wer bei den beiden zu Besuch war kam, natürlich, an langen Gesprächen über Fotos, Lebensläufe und Layout nicht vorbei. Die Zeit bei Schnittchen und reichlich Bier verging rasend schnell. Er hatte unglaublich viele Bücher und brachte mir Robert Frank näher, der ihn mit seinem Band "The Americans" so inspirierte. Ich hatte vorher Sport und Politik fotografiert und war mit der Photo-Kunstszene noch nicht so vertraut. Er konnte wunderbar erzählen, kannte die Vita aller Fotografen auswendig. Er vermittelte Begeisterung und konnte mitreißend erzählen.

Auf Arnos Sofa saßen sie alle – alle großen Fotografen dieser Welt. Egal ob Henry Cartier Bresson oder Helmut Newton. You name it. Ein Fotograf, der die DDR besuchte, kam zwangsläufig bei Arno vorbei. Da sitzt nun dieser große, kleine, liebenswerte Mann aus Ostberlin auf dem Sofa in seiner großen Wohnung und neben ihm die großen Fotografen des Jahrhunderts. Sie essen Schnittchen, trinken Bier und diskutieren. Ich glaube, Robert Frank war auch mal da. Arnos Fachkenntnis wusste jeder zu schätzen.

Wichtig war ihm der Kontakt zu jungen Leuten, die immer in seiner Nähe waren, auch Angereiste aus der BRD, ob aus München oder Hamburg. Mit einer Engelsgeduld hat er sich Zeit genommen. Man merkte, dass es ihm Freude bereitete, dass er den Kontakt zu seinen Schülern suchte und auch brauchte. Es war das Geheimnis seiner "Jugend". Jeder konnte bei ihm etwas lernen. Er schaute sich die Mappen der Fotoschüler an, kritisierte, ohne zu verletzen.

In den siebziger, achtziger Jahren hatten Arno und Sibylle im Märkischen einen baufälligen Seitenflügel des von Theodor Fontane detailliert beschriebenen Schlosses Hoppenrade für 35 Mark im Monat, gemietet. Wer sie dort besuchte, konnte mit ihnen die tollsten Kostümfeste feiern. Feste von der besonderen Art des geschlossenen Landes, in dem es wichtig war, von Zeit zu Zeit unter Gleichgesinnten den Dampf der Phantasie abzulassen.

Später zogen sie um in einen bescheidenen Bauernhof bei Gransee. Dort zwitscherten über hundert Vögel, die Arno draußen in Volieren hielt. Der Garten war verwildert, und fünf Hunde bissen einem ins Hosenbein, wenn man aus dem Auto stieg. Sie waren eine "gemeingefährliche" Mischung aus "Rosa", seiner Französischen Bulldogge, und dem Nachbardackel "Herrn Werner". Eines Tages sah Arno, wie ein Metzger eine Kuh an seinem Haus vorbeiführte, er ahnte Böses und kaufte dem Mann die Kuh ab. Sie wohnt seither in Arnos Garten, vermutlich hat sie Arno überlebt.

Später, als er nicht mehr so oft in Berlin war, beschäftigte Arno sich in seinem Garten mit Polaroid-Fotografie. Jetzt fotografierte er schöne und sterbende Blumen. Dabei entstand ein sehr schönes Buch, das es auch im MoMa in New York zu kaufen gab. Worauf er zu Recht stolz war. So können sich die New Yorker Bilder vom Garten seines Margaretenhofs bei Gransee ansehen.

Mitte der siebziger Jahre hatte er die Chance nach, Hamburg zu reisen. Thomas Hoepker stellte ihm den damals legendären Art-Director des "Stern" vor, Rolf Gillhausen, Deutschlands "Oberauge". Nach einem gemeinsamen Besuch beim Nobelitaliener und sicher einigen Flaschen guten Rotweins sind sie bei Gill zu Hause gelandet. Nach einer weiteren Flasche Rotwein hatte "Gill" die Idee, Arno als festen "Stern"-Fotografen anzuheuern. Ein Traum für jeden Fotografen. Der lehnte mit der Begründung ab: "Nee, wat soll det, meine Heimat is Berlin." Am nächsten Tag fuhr er wieder still zurück in seine Zone. Dort fühlte er sich wohl. Er war von seiner Gesinnung her Sozialist und stand der DDR durchaus kritisch gegenüber. Laut zu rebellieren war nicht seine Art. Er ließ sich nicht verbiegen, weder vom Osten noch vom Westen. Er war unkorrumpierbar. Eine Geschichte über ihn bleibt mir im Kopf. Eines abends war er in Westberlin unterwegs und beschloss um kurz vor Mitternacht: "Ick jeh jetzt" – "Wieso bleibst du nicht hier?", wurde er gefragt. "Na, um zwölve macht die Grenze dicht" "Wieso gehst du denn wieder rüber", "Warum denn nicht ?"

Ende der siebziger Jahre bekamen Arno und sein schreibender Freund Peter Vogt den Regierungsauftrag, weltweit nach klassischen Arbeiter-Fotos zu suchen. Diese Bildikonen sollten, in Metall verarbeitet, in Stelen vor dem Palast der Republik, verewigt werden. Sie flogen nach Paris, um im Archiv der berühmten Bildagentur Magnum zu stöbern, dann weiter nach New York. Im Aufzug zum Büro von Magnum gerieten sie vor die Revolver von Räubern, die gerade einen Juwelierladen im Haus überfallen hatten. Sie nahmen Arno die Leica weg und fesselten die beiden mit Plastikstrippen. Arno hatte eine schöne Geschichte mehr und einen handfesten Beweis über die schlimmen Zustände im Kapitalismus.

Als ausgebildeter Bildhauer war Arno natürlich der Kunst zugewandt. Nicht nur der Fotografie, der Malerei, nein auch der modernen Musik. Der Klang seiner Stereoanlage war Arno wichtiger als die neuesten Kameras. Trotz unserer 20 Jahre Altersunterschied und der Tatsache, dass ich aus dem Westen kam, habe ich bei ihm Bands auf CD gehört, die mir bis dahin unbekannt waren.

Die moderne Fototechnik spielte für ihn keine so große Rolle, auch seine Frau Sybille fotografierte mit alten Kameras. Nur das Ergebnis zählt. Niemand hat Hemingway gefragt, auf welcher Schreibmaschine er seinen Text geschrieben hat. Arnos Arbeitsweise hat die Fotografen der DDR geprägt. Ob Ute Mahler, Werner Mahler, Harf Zimmermann, Hunderte andere und natürlich Sybille Bergemann, sie alle sind durch Arno groß geworden.

"Is det kaputt" hat Arno immer gesagt. Alles was ungewöhnlich, gegen den Strich gebürstet und interessant war, eben was nicht der Normalität entsprach, das zog ihn an. Ein Bild, eine Geschichte ungewöhnlich fotografiert, entlockte ihm ein "Is det kaputt". Es war das höchste Kompliment, das man bekommen konnte.

Sybille und Arno verband eine große Liebe. Als junge Frau bei ihrer Arbeit in der Redaktion des "Magazin" verliebte sie sich, wie sie sagte, in den "stillen Mann mit den wachen Augen" und wusste sofort "det is er, den krall ick
mir". Ihre Stadt Berlin mit der Wohnung am Schiffbauerdamm bedeutete ihnen viel. In den hinteren Räumen wurde, bis spät nachts noch Fotos vergrößert.

Als die beiden nach der Wende aus dem Haus ausziehen mussten, begann für sie eine schwierige Zeit, es setzte ihnen sehr zu. Kein Sofa mehr! Bevor Sybille letztes Jahr an Krebs starb, hatte Arno sich lange um sie gekümmert und sie betreut. Obwohl er sich nach ihrem Tod sofort wieder in seine Arbeit als Dozent stürzte, wusste jeder, er würde sie nicht lange überleben.

Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust für alle Freunde und die Fotografenwelt, noch schmerzlicher für seine Schüler.

Arno Fischer

protokolliert von Lea Dlugosch

Arno Fischer erhielt 2010 den Kunstpreis des Landes Berlin für sein Lebenswerk, dazu zeigte die Berlinische Galerie "Arno Fischer. Fotografien 1953-2006"


http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen/rueckblick/2010/arno-fischer.html