Der Stachel des Skorpions - Interview

Der Stachel des Skorpions

Die Villa Stuck in München eröffnet heute die Gruppen-Ausstellung "Der Stachel des Skorpions". Im art-Interview spricht Tobias Zielony über die Hintergründe seines Filmbeitrags.

Elisa Makowski: Herr Zielony, Sie waren jetzt eine Weile in Ramallah. Wie kam es dazu?

Tobias Zielony: Eigentlich hatte ich mich über das Goethe-Institut für die Künstlerresidenz Villa Aurora in Los Angeles beworben. Als das allerdings nicht geklappt hat, hat mir das Goethe-Institut angeboten, nach Ramallah zu gehen.

Ich wusste bis dato nicht viel über die Westbank und habe spontan zugesagt. Eigentlich war es eher ein Zufall, dass ich hierhergekommen bin.

Welche Projekte haben Sie hier verfolgt und realisiert?

Ich habe zwei Videos gemacht. Das eine ist für das Projekt "Der Stachel des Skorpions" in der Villa Stuck in München und dem Institut Mathildenhöhe in Darmstadt. Für ein Remake des Filmes "L’Âge d’or" von Luis Buñuel hat man mich und fünf weitere Künstler(gruppen) gebeten, jeweils eine Episode des Films neu zu realisieren. Die sechs Sequenzen werden dann hintereinander gezeigt, als eine Art surrealistisches Experiment. Das Projekt in der Westbank anzugehen und zu verwirklichen, bietet sich an, denn hier gibt es ja Skorpione – im Gegensatz zu Deutschland. Zusätzlich gibt es vor Ort das Projekt Animating Palestine. Dabei lernen Jugendliche mit Stop Motion Animationen zu produzieren. Ich habe mit einigen Schülerinnen und ihrer Biologielehrerin zwei tote und einen lebenden Skorpion animiert. Daraus ist das Video für die geplante Ausstellung in München entstanden. Über den Inhalt des zweiten Videos möchte ich noch nichts verraten. Nur so viel: Erstmals habe ich mit einem Kameramann gearbeitet. Vielleicht ist es Zufall, aber ich musste wohl erst nach Ramallah kommen, um zum ersten Mal als Regisseur aufzutreten. Seltsamerweise habe ich hier gar nicht so viel fotografiert. Vielleicht, weil meine Arbeitsweise nicht so einfach auf diesen Ort übertragbar ist.

Was meinen Sie damit?

In Europa oder Nordamerika, wo ich bis jetzt als Fotograf gearbeitet habe, habe ich immer ähnliche Personen oder Schauplätze gefunden. An allen Orten, an denen ich war, gab es irgendwo Plätze, da standen Jugendliche in ihren Jogginganzügen rum und fuhren mit ihren Autos Rennen. Die gibt es in Ramallah natürlich auch. Obwohl ich also Anknüpfungspunkte zu meinen vorherigen Arbeiten hätte, fällt es mir schwer, einfach so weiter zu machen. Zum einen bewege ich mich ja immer weiter von diesem Thema weg, wie meine Serie "Jenny Jenny" zeigt. Zum anderen ist in der Westbank eine scheinbar unpolitische Arbeit über Popkultur trotzdem politisch. Es ist schwer, dem Konflikt zu entkommen.

In ihren Arbeiten versuchen sie, auf die Welt zu schauen, ohne klassische politische oder dokumentarische Interpretationen zu verwenden, die den Bildern einen Sinn geben. Fotos aus Israel und der Westbank stehen jedoch immer im Kontext des Nahostkonfliktes. Wie war es für Sie, hier als Künstler zu arbeiten?

Ramallah ist großartig, die Menschen sind unglaublich offen und herzlich. Aber für mich als Fotograf ist es ein schwieriger Ort. Für die meisten Fotografen ist es wahrscheinlich genau anders herum, weil der Konflikt so stark ist, dass er jedes Bild auflädt. Aber das versuche ich ja gerade normalerweise zu vermeiden: an Orte zu gehen, die ein hohes Medieninteresse auf sich ziehen. Und ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt Fotos machen kann, die nicht politisch sind. Ich glaube, das ist kaum möglich. Deshalb mache ich hier vielleicht zum ersten Mal eine Arbeit, die eine klarere politische Aussage hat.

Das heißt, Sie haben bereits an einem neuen Projekt gearbeitet?

Ich habe die ganze Zeit nebenbei fotografiert und eine große Sammlung von Fotos angelegt, aber ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Weil ich so überraschend hier her gereist bin, habe ich mir zugestanden, nicht unbedingt mit einer fertigen Arbeit zurückkommen zu müssen. Stattdessen habe ich viel recherchiert und versucht zu verstehen, wie die Menschen hier leben. Ich fände es anmaßend, zum ersten Mal in der Region zu sein und zu behaupten, ich wüsste, was in der Westbank los ist. Es gibt wenige Orte auf der Welt, die interessanter sind als Ramallah, aber es ist auch nicht leicht zu verstehen. Dafür habe ich Zeit gebraucht. Ich möchte sehr gerne noch einmal für ein größeres Projekt wieder kommen. Vielleicht schon bald, im nächsten Frühjahr.

Der Stachel des Skorpions

Die Ausstellung mit Tobias Zielony wird vom 28. März bis 9. Juni 2014 in der Villa Stuck in München zu sehen sein. Vom 22. Juni bis 5. Oktober 2014 wird sie in der Mathildenhöhe Darmstadt gezeigt.

Die weiteren teilnehmenden Künstler sind John Bock, Chicks on Speed, Keren Cytter, M+M und Julian Rosefeldt
http://www.villastuck.de/ausstellungen/2014/stachel/index.htm

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