10 Jahre Newton-Stiftung - Interview

Hommage an die starke Frau

Zum zehnjährigen Jubiläum zeigt die Helmut-Newton-Stiftung eine Doppelausstellung, die bei dem einen oder anderen für ein Déjà-vu sorgen wird: Beide Schauen, "Us and Them" und "Sex and Landscpaes", waren 2004 schon mal zu sehen. art im Gespräch mit dem neuen Direktor der Stiftung, Manfred Heiting, und dem kuratorischen Leiter, Matthias Harder.

art: Herr Heiting, seit Februar 2014 sind Sie der neue Direktor der Stiftung und lösen damit die Witwe Helmut Newtons, June Newton, ab. Seit zehn Jahren besteht die Stiftung und präsentiert das Werk des Fotografen Helmut Newton in Berlin. Sie haben die Arbeit der Stiftung von Beginn an begleitet. Jetzt feiern Sie das zehnjährige Jubiläum mit der Wiederaufnahme der beiden Eröffnungsausstellungen von 2004, "Sex and Landscape" und "Us and Them". Warum?

Manfred Heiting: Zu allererst: Ich löse June Newton nicht ab, sie ist nach wie vor die Präsidentin der Helmut Newton Stiftung und verwaltet den Nachlass.

Bei einem Jubiläum sollte es immer eine Rückschau auf das geben, was erreicht wurde. In der Fotografie entsteht nach zehn Jahren eine neue, kreative Generation, das Publikum ändert sich, wird jünger, und man blickt nun mit anderen Augen auf Newtons Werk. Wir zeigen die gleichen Arbeiten, in der gleichen Hängung wie damals, und trotzdem ist Helmut Newtons Fotografie immer noch sehr zeitgemäß. Es war für uns eine logische Folge, das zu zeigen, womit wir in Berlin angefangen haben.

Matthias Harder: Newton hatte die beiden Ausstellungen selbst als Eröffnungsausstellungen in seiner Stiftung bestimmt. Leider verstarb er vor ihrer Fertigstellung im Januar 2004. Es sind Ikonen seiner Fotografie darunter, und gleichzeitig ist eine Neubegegnung mit der Person Helmut Newton und mit seinem Werk möglich.

Erst nach einer langen Karriere als Werbe- und Modefotograf begann Helmut Newton in den späten Siebzigern seine eigenständige Karriere, die seine Fotografien schließlich auch in Galerien, Museen und Ausstellungshäuser holte. Bei diesen beiden Ausstellungen blicken wir hauptsächlich auf großformatige Fotografien und sie lassen sein früheres Werk zurück. Warum?

Heiting: Jedes Medium vermittelt sein Werk in einer anderen Form, für eine andere Erfahrung. Helmut Newton hatte immer eine klare Vision für seine Arbeit. Er hat immer versucht, sie so zu präsentieren, dass sie den Betrachter überzeugt.
Seine Bilder, sein Blick und seine Vision sind auf allen Formaten gut. Newtons Ausstellungsbilder waren in den 1970er und 1980er Jahren noch kleinformatig. In dieser Ausstellung konzentriert sich alles auf eine großformatige Präsentation, teilweise hat Newton dafür ältere Arbeiten aus den 1970er Jahren ausgewählt, die er im großen Format nochmals zeigen wollte,

Harder: Die beiden Ausstellungen hat Helmut Newton noch selbst legitimiert, auch die Bildformate wurden von ihm genau so bestimmt. Es sind ungewöhnlich große Formate, auch lebensgroße. Mit den "Big Nudes" hat er 1980 als Erster nackte Körper in Lebensgröße abzubilden gewagt. Newton hat den Akt auch durch diese großen Bildformate salonfähig gemacht, denn gleich nach ihrer Entstehung wurden sie in Museen gezeigt. In der Ausstellung "Sex and Landscapes" sehen wir Frauen und Gegenstände in Originalgröße. Newton hat viel experimentiert, bis er auf dieses Format gekommen ist. Für uns sind solche Bildgrößen heute selbstverständlich, damals war die Entscheidung eher ungewöhnlich.

Welchen Helmut Newton wird die Stiftung in Zukunft zeigen?

Heiting: Wir werden alles zeigen, was Newton in seiner beinahe 50-jährigen Karriere publiziert hat. Das ist vor allem seine Mode- und Magazinarbeit, aber auch Werbung – zum Beispiel die Fotos aus seiner Kampagne für den neuen Volkswagen-Beetle aus dem Jahr 1999 – oder seine zahlreichen Bücher, von denen "White Women" von 1976 das erste ist. Alles soll in eine Ausstellung münden. Es gibt noch viel zu sehen. Unser "Backoffice" ist beinah so interessant wie das "Frontoffice" – wir haben ein großes Archiv. Aber es ist unser Prinzip, nur die Arbeiten von ihm zu zeigen, die Newton und seine Frau selbst freigeben haben.

Harder: Wir haben noch einige ungehobene Schätze. Das eigentlich bekannte, weil publizierte, aber letztlich in großen Teilen doch unbekannte Werk werden wir in den nächsten Jahren hervorholen.

Nun ist Newton sehr stark mit dem Image verbunden, der Fotograf für die Frauenakte mit erotischen Anspielungen gewesen zu sein. Seine lebensgroßen "White Nudes" sind weltbekannt. Die aktuelle Ausstellung "Sex and Landscapes", die auch Landschaftsaufnahmen zeigt, vermittelt den Versuch, dieses Image aufzubrechen. Gibt es Bestrebungen der Stiftung, seinen Ruf zu ändern?

Heiting: 1982, als ich Helmut Newtons Farbfotos auf der Photokina zum ersten Mal ausstellte, wurde er auf eine Talkshow eingeladen, und man stellte ihm dort die Frage, was er denn nach den Shootings mit den Modellen anstellen würde. Er ist sofort aufgestanden und hat die Veranstaltung verlassen. Dieses Interesse ausschließlich für den erotischen Aspekt seiner Arbeit ist mittlerweile abgeklungen, zum Glück! Die 1980er Jahre sind schon lange vorbei, und wir müssen da gegen kein Image mehr ankämpfen. Newtons Fotografie ist keine reine Aktfotografie. Er hat immer versucht, das Wesen der Frau, ihre Stärke, die von ihr gewollte Pose und die entsprechende Umgebung in sein Bild einzubeziehen und damit auch ein Wunschbild der Frau zu verwirklichen.

Harder: Newton allein auf die Aktfotografie zu reduzieren, ist ein Fehler. Es ist vielmehr das Zusammenspiel von Mode, Porträt und Akt sowie einer situativen Fotografie, die uns bis heute fasziniert. Dieser Fotograf war viel in der Welt unterwegs und hat dort auch Abseitiges und Überraschendes für abbildungswürdig gehalten.

Die Stiftung ist fest in Berlin verankert. Es war von Beginn an Helmut Newtons Bestrebung, seiner Fotografie hier eine Heimat zu geben, was ihm schließlich 2004 mit der Niederlassung der Stiftung im Museum für Fotografie im alten Landwehrkasino am Bahnhof Zoo gelang. Wird die Stiftungstätigkeit unter Ihrer Federführung weiterhin stark mit der Stadt Berlin verbunden bleiben, Herr Heiting?

Heiting: Wir sind und werden immer ein "good citizen" sein, wir pflegen aktiv unsere nachbarschaftlichen Beziehungen zu anderen Institutionen in Berlin, zunächst zu der fotografischen Sammlung der Kunstbibliothek hier im Hause aber auch zu anderen Institutionen, wie dem C/O Berlin oder der Berlinischen Galerie. In keiner anderen Stadt Deutschlands gibt es so viele kulturelle Institutionen, Museen, Galerien und Programme, die gezielt das Medium Fotografie in den unterschiedlichsten Formen präsentieren, wie in Berlin. Wir sind ein Teil davon. Auch international kooperieren wir mit Institutionen, die am Werk Helmut Newtons interessiert sind, nicht nur in Europa, sondern werden dies verstärkt auch in Asien, Afrika, sowie Nord- und Südamerika anstreben.

Die Ausstellungsräumlichkeiten der Newton Stiftung im alten Landwehrkasino wurden speziell für die Fotografie Newtons gestaltet. Das ist besonders, oder?

Heiting: Eine einmalige Situation sogar: Ein perfektes Gebäude, das nur für die Fotografie zur Verfügung steht. Die Räumlichkeiten und der Auftrag der Stiftung, nämlich immer wieder den Blick auf Newtons Arbeit zu lenken, geben eine gewisse Homogenität. Trotzdem soll jede Ausstellung ein neues Erlebnis sein. Newton hat einen Stil entwickelt, der nicht komponiert ist. Bei ihm erkennt man das gesamte Konzept, das einzelne Bild ist aber jedes Mal anders. Die Architektur dieses Gebäudes ist durchdacht für diese Newton’sche Fotografie. Die verschiedenen Räume erlauben eine gewisse Intimität und ermöglichen den Einblick in den Kopf dieses Fotografen.

Wie kam es zu Ihrer Ernennung als Direktor, Herr Heiting?

Heiting: Das müssen Sie eigentlich June Newton fragen. Helmut Newton habe ich erstmals 1974 bei seiner Arbeit an dem Projekt "White Women" kennen- und seine Arbeit schätzen gelernt. Über die Jahre konnte ich dann mit ihm eine Reihe von Ausstellungen organisieren, z. B. auf der Photokina, Köln, 1982, im Fotografie Forum Frankfurt, 1986, dann hier in Berlin, als ich 2000 die große Retrospektive "Helmut Newton: Work" in der Neuen Nationalgalerie zusammen mit June Newton präsentierte. Zudem hatten wir in seinen späteren Lebensjahren regelmäßig Kontakt in Los Angeles, wo, ich wohne und die Newtons die Wintermonate verbrachten. Nach seinem Tod blieb der Kontakt zu June Newton bestehen. Sie ist gestern 91 Jahre geworden, und sie möchte sich vom Tagesgeschäft zurückziehen. Dass sie mich gefragt hat, ihr dabei zu helfen, ehrt mich sehr.

Helmut Newton / Alice Springs: Us & Them, Helmut Newton: Sex & Landscapes

Helmut-Newton-Stiftung im Museum für Fotografie, Berlin, bis 16. November 2014
http://www.helmut-newton.de/ausstellungen/