Shirana Shahbazi - Much like Zero - Winterthur

Am absoluten Nullpunkt

Die Ausstellung "Much like Zero" von Shirana Shahbazi im Fotomuseum Winterthur verbindet abstrakte und figurative Fotografie und zieht damit eine lang bestehende Grenze in Zweifel.

Man denke sich auf dem Bild "Frucht" den roten Apfel weg. Was bleibt dann übrig? Die Illusion einer Raumecke? Ein Vexierspiel? Ein Mosaik aus Flächen? Mit dem Apfel wird man das Bild ohne Zögern als figurativ bezeichnen; ein Stillleben, nahezu klassisch.

Doch das Abstrakte ist darin präsent wie ein zweites, eigenständiges Bild. Vorbei die Zeiten der Lagerkämpfe zwischen bildlicher und abstrakter Fotografie: Die Ausstellung "Much like Zero" der 1974 im Iran geborenen Shahbazi zeigt, wie sehr die Grenzen verschwimmen. Shahbazi studierte in Dortmund und Zürich, wo sie heute auch lebt. Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich als Fotografin mit den Möglichkeiten, reine Form und konkrete Darstel­lung ineinander übergehen zu lassen. Das Fotomuseum in Winterthur zeigt nun eine Auswahl von Arbeiten aus diesem Jahrzehnt.
Mit kleinen Verschiebungen im Detail gelingt es Shahbazi, den Betrachter aufmerken zu lassen. Zwei Fotografien, in diesem Jahr angefertigt, zeigen die Doppelbödigkeit ihrer Kunst: Neben einem aus grellbunten Vielecken mosaikartig zusammengesetzten, abstrakten Bild steht ein zweites, ganz ähnliches. Doch liegen hier, auf dem vielfarbigen Untergrund zwei dreidimensional wirkende Kugeln, die den Betrachter, an die Flachheit des ersten gewöhnt, förmlich anspringen – genau wie auf dem oben gezeigten Bild mit dem Apfelzweig. Hier ist man geneigt, den Apfel oder die Kugel zu fühlen, zu wiegen; dort jedoch meditiert man über die reine Farblichkeit. Ein weiteres Bild, schwarz mit weißen Parallelogrammen, erhält erst durch die darauf liegende Muschel eine plastische Wirkung. Und wie sehr selbst das Monochrome in den Hintergrund treten kann, zeigen die Bilder von 2007, ein Totenschädel auf blauem Grund neben einem gelben, monochromen Bild. Auch hier spielt die Künstlerin mit dem menschlichen Hang zur einseitigen Fokussierung, ja Fixierung.
Bekannt geworden war Shahbazi mit Porträts und Straßenansichten aus ihrem Heimatland. Sie experimentierte in ihren Arbeiten mit allen klassischen Formen: Landschafts- und Stadtbildern, Stillleben, Porträts, Historienmalerei und abstrakten Farbflächen. Ein besonderer Teil dieser Ausstellung wer­den die Wandteppiche sein, Werke, die Shahbazi seit rund zehn Jahren nach ihren Fotografien von iranischen Webern knüpfen lässt. Ähnlich verfuhr sie mit anderen Arbeiten: Sie ließ ihre Fotografien als Poster drucken, in Schwarzweiß kopieren und eben zu Bildteppichen verknüpfen. Indem sie Bilder, iranische Porträts, abmalen ließ, imi­tierte sie die Form der Werbemalerei – ein Kunstberuf, der hierzulande beinahe ausgestorben ist.

Die Ausstellung "Much like Zero" von Shirana Shahbazi ist vom 3. September bis zum 13. November im Kunstmuseum Winterthur statt. Am 4. September um 11.30 Uhr findet ein Künstlergespräch mit Shirana Shahbazi statt.

Zur Ausstellung erscheint ein Buch im Steidl Verlag, zirka 45 Franken