Modefotografie - C/O Berlin

Blinde Flecken

"Zeitlos schön" – einer an sich sehenswerten Ausstellung über 100 Jahre Modefotografie bei C/O Berlin fehlt der Schliff

Man darf von der Mode alle möglichen Dinge erwarten, aber bestimmt nicht, dass sie zeitlos schön und damit monoton das Stilbewusstsein von mehreren Generationen überdauern sollte. Das wäre eine absolut lächerliche Absage an die im Idealfall auf den gerade erst virulenten Zeitgeist und potentielle Lebenshaltungen vorausschauende Ästhetik der Mode.

Insofern scheint auch der Titel "Zeitlos schön" für die nun in Berlin eröffnete Ausstellung über 100 Jahre Modefotografie nicht nur im ersten Moment eher paradox. Denn in der bei C/O Berlin organisierten Schau mit rund 150 Vintage-Bildern von Man Ray bis Mario Testino erweist sich selbst für den Laien schnell, dass das fotografisch inszenierte und stilisierte Bild der Mode und ihrer changierenden Wunschträgerin ebenso stark einem Imperativ der Zeitgebundenheit unterliegt, wie die hohe Couturierkunst auch. Wenn man die in ihrer Gammeligkeit immer trostloser werdenden Räume von C/O im Postfuhramt durchmisst, wird allerdings deutlich, zu welch ikonischer Bildgröße schönheitlich herausragende Modofotografien über die Jahrzehnte gereift sind, allen voran die raffinierten Aufnahmen von Guy Bourdin, Irving Penn, Erwin Blumenfeld, William Klein, Bruce Weber. Schon von weitem besehen sind die an der Wand aufgereihten Modefotos nahezu instinktiv entsprechend ihrer Atmosphärik und Allure in die jeweiligen Dekaden einteilbar.

Zwischen künstlerischer Erfindung und werbeträchtigem Appeal

Aus den überreichen Archiven des seit jeher den schillernden Spielarten des Glamourösen verpflichteten Verlags Condé Nast stammen die Bilder, wobei die amerikanische, britische, italienische und französische "Vogue" den Löwenanteil der Bildquellen ausmachen. Als Condé Montrose Nast 1909 das bis dahin als Gesellschaftsblatt der New Yorker High Society rangierende Magazin erwarb, baute er schnell auf die einschlägige Kraft des Fotomediums als Projektionsfläche für die moderne Frau. Mit dem Piktoralisten Baron Adolphe de Meyer setzte um 1913 die atmosphärisch Robe, Model, Licht und Environement vermählende Modefotografie ein, zuvor waren die Mode-Illustrationen tonangebend. Das noch junge Genre erlebte dann unter dem Patronat des vormaligen Malers und Kunstfotografen Edward Steichen ihre erste goldene Ära: Steichen war glorioserweise 1923 von Condé Nast als Cheffotograf angeheuert worden. Die Kuratoren Nathalie Herschdorfer und Todd Brandow konnten aus den Archiven teils noch nie in einer Ausstellung gezeigte Schätze heben. In Erinnerung gerufen werden auch zeitweilige Modefotografen wie Constantin Joffé, der durch mondän-dynamische Anschnitte des amerikanischen Nachkriegsstyles brillierte – er setzte übrigens auch den Marlboro Man fotografisch in Szene. Nicht zu vergessen, dass geradezu haptisch wirkende Fotografien von etwa Helmut Newton oder auch Albert Watson aus den Eighties heute Höchstpreise auf dem Auktionsmarkt erzielen. Das für eine distinguierte Modefotografie ausschlaggebende Spannungsfeld zwischen künstlerischer Erfindung und werbeträchtigem Appeal machen der grandiose Man Ray oder die durchaus auch in diesem Genre erfolgreich konzeptuell tätige Diane Arbus deutlich.

Mangelndes Charisma

Es fehlen seltsamerweise die vor Energie, Charisma und neuen Modelentdeckungen wie Twiggy sprühenden Bilder von Richard Avedon. Man bezieht sich zwar in den Wandtexten auf den Stilbildner, der – 1966 von "Harper's Bazaar" abgeworben – immerhin über 25 Jahre das Gesicht der amerikanische "Vogue" entscheidend mitprägte. Diese oder andere blinden Flecken wirken sich gravierend nachteilig auf die ohnehin allzu brav chronologisch gehängte Ausstellung aus. Überhaupt hat sie Mängel in einer angemessen ästhetischen Aufbereitung des Materials und auch in der Evidenz der magnetischen Wechselwirkung zu Strömungen in der Kulturgeschichte.
Warum präsentiert man keine Sequenz von Michelangelo Antonionis Film "Blow-Up", um die dort durch David Hemings charakterisierte Londoner Fotografenlegende der Swinging Sixties zu umreißen? Das Finale der Ausstellung bestreiten Corinne Day, die erfolgreich jugendbewegt in den Neunzigern gegen glatte Schönheitsdikate rebellierte, und heutige Top-Fotografen, wie Peter Lindbergh und Mario Testino. Und auch die innovative Kraft der italienischen Chefredakteurin Franca Sozzani wird gewürdigt. Um es mit den Worten ihres früheren Art Directors Fabien Baron auszudrücken: "Wenn Anna Wintour der Steven Spielberg der Modemagazine ist, dann ist Franca deren Pedro Almodóvar."

C/O Berlin

Die Ausstellung "Zeitlos schön. 100 Jahre Modefotografie von Man Ray bis Testino"
ist bis zum 28. Oktober 2012 im C/O Berlin zu sehen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog bei Prestel.
http://www.co-berlin.info/
info@co-berlin.com