Geburtsstunde der Fotografie - Mannheim

Belichtungszeit: Acht Stunden

Die Sammlung Helmut Gernsheim ist voller Kostbarkeiten aus den Anfängen der Fotografie. In den sechziger Jahren wurde sie nach Texas verkauft, jetzt sind die älteste Aufnahme der Welt und andere Raritäten aus 200 Jahren Fotografie zum ersten Mal wieder in Europa zu sehen – in Mannheim.
Endlich wieder in Europa:Die Sammlung Gernsheim über die Anfänge der Fotografie

Die erste Fotografie der Welt stammt aus dem Jahre 1826, Joseph Nicéphore Niépce fertigte sie an, acht Stunden dauerte es, bis sich das Sonnenlicht in die mit Pech bestrichene Zinnplatte fraß: "Blick aus dem Fenster in Le Gras", (Reproduktion Helmut Gernsheim)

Der Mann hatte Weitblick. Ihn interessierte, was andere für banal hielten. Nach dem Zweiten Weltkrieg fing Helmut Gernsheim (1913 bis 1995) an, Fotografien zu sammeln.

Er stieß auf eine besondere Kostbarkeit: die erste Fotografie der Welt. Die Heliografie "Blick aus dem Fenster in Le Gras" hat der Franzose Joseph Nicéphore Niépce im Jahre 1826 angefertigt. Acht Stunden dauerte es, bis sich das Sonnenlicht in die mit Pech bestrichene Zinnplatte fraß. "Das ist das erste flüchtige Bild, das dauerhaft fixiert wurde", sagt Claude W. Sui. Dem Leiter des Forum Internationale Photographie in Mannheim ist es gelungen, die Gernsheim-Collection nach Deutschland zu holen für die Ausstellung "Die Geburtsstunde der Fotografie" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Als Gernsheim seine Sammlung in den sechziger Jahren verkaufen wollte, habe er seine Schätze "wie sauer Bier angeboten", erzählt Sui, schließlich ging sie nach Austin an die Universität von Texas – und wurde seither nicht mehr in Europa ausgestellt.

"Es ist eine einmalige Angelegenheit, dass solche Kostbarkeiten zu sehen sind", sagt Sui. Denn alle Anfragen von Museen wurden bisher abgelehnt. Mannheim hat nur deshalb den Zuschlag bekommen, weil sich hier seit 2002 Gernsheims Archiv und seine Bibliothek befinden sowie seine zeitgenössische Fotosammlung, die er nach dem Verkauf der historischen Bestände aufbaute. Rund 250 Fotografien sind nun in Mannheim zu sehen und spannen einen Bogen von den Anfängen des Mediums bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung geht thematisch vor und zeigt Porträts, Akte und Landschaften, aber auch Fotojournalismus und experimentelle Fotografie. Es sind viele bekannte Fotografien darunter, so die von Alfred Eisenstaedt, der am Time Square 1945 einen Matrosen fotografierte, der nach Kriegsende spontan eine Krankenschwester küsste. "Aber es ist kein Abklappern von Ikonen", sagt Sui, sondern die Ausstellung bietet auch Abseitiges.

So ist der US-Fotograf Ansel Adams mit seinen mythischen Landschaftsräumen
aus den vierziger Jahren bekannt, in Mannheim kann man seine fast konstruktivistischen Aufnahmen entdecken. Auch Gernsheim wird in der Ausstellung vertreten sein. Er war selbst Fotograf. Wegen seiner jüdi­schen Herkunft musste er 1937 Deutsch­land verlassen. Er ließ sich in London nieder und dokumentierte zunächst Kirchen und Monumente, damit sie nach einem Bombenangriff wieder hätten rekonstruiert werden können.

"Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte, Zeitgeschichte und technisches Vermögen", sagt Sui. So wurde auch Niépce nicht immer die erste Fotografie der Welt zugeschrieben, sondern zunächst seinem Gegenspieler Louis Jacques Mandé Daguerre. "Es ist das große Verdienst von Gernsheim, dass er das Bild in London aufgespürt hat", sagt Sui. Durch diesen Fund musste die Geschichte umgeschrieben und die Geburtsstunde der Fotografie um 13 Jahre vorverlegt werden.

Die Geburtsstunde der Fotografie

Mannheim, Reiss-Engelhorn-Museen
9.9.–6.1.13

Der deutsch-englische Katalog erscheint im Kehrer Verlag und kostet 29,90 Euro, im Buchhandel 48 Euro
http://www.rem-mannheim.de/ausstellungen/die-geburtsstunde-der-fotografie.html