Seiichi Furuya - Heidelberg

Ein stilles Tagebuch des Abschieds

Das dokumentarische Werk des aus Japan stammenden Fotografen Seiichi Furuya erzählt nicht nur von den letzten Atemzügen der DDR – wer genau hinsieht, erkennt darin auch sein ganz persönliches Tagebuch des Abschieds.

Eine Straße: Menschen stehen zaghaft zusammen, andere bleiben allein und tun unbeteiligt. Im Hintergrund das Brandenburger Tor, vom Osten aus betrachtet. Achtziger Jahre – ein banales Foto, scheinbar.

Tatsächlich zeigt es eine Rückseite der Weltpolitik. Denn zur gleichen Zeit, am 12. Juni 1987, hielt US-Präsident Ronald Reagan unweit eine Rede. Auf der Westseite des Berliner Wahrzeichens fordert er Michail Gorbatschow auf, die Berliner Mauer einzureißen.

Seiichi Furuyas stand damals historisch betrachtet auf der falschen Seite. Oder er stand genau richtig, wie man es nimmt. Denn seine Fotos folgen statt dem Offensichtlichen einem Widerhall. Jetzt jedenfalls ist Furuyas Bild aus dem noch getrennten Deutschland als Wandplakat vor dem Heidelberger Kunstverein aufgestellt. Mit gut lesbarer Erklärung am unteren Bildrand. Im Haus selbst läuft gerade eine Einzelausstellung des auf den Izu-Inseln geboren japanischen Fotografen, der mittlerweile wieder in Graz zuhause ist.

"Wo die Wahrheit liegt", heißt die Schau des ewigen Grenzgängers und obsessiven Erinnerungsarbeiters, in dessen Werk Privates und Politisches einander eigenwillig überlagern und Vergangenes gespenstisch gegenwärtig ist. So wie der letzte DDR-Staatschef Erich Honecker, dessen Foto, von Furuya vom Fernsehbildschirm weg fotografiert, wie eine Ikone über den Hauptraum des Heidelberger Kunstvereins wacht.

Seiichi Furuya studierte Architektur und Fotografie in Tokio. 1973 kehrte er seiner Heimat aus politischen Gründen den Rücken. In Graz klinkte er sich in die Kunstszene ein. Vor allem traf er dort seine große Liebe und begann sie hemmungslos zu fotografieren. 1978 heirateten er und Christine, 1981 kam der gemeinsame Sohn zur Welt. Seiichi Furuya musste arbeiten, um seine Familie ernähren zu können. Er ging weg aus Österreich, jobbte als Übersetzer bei einer japanischen Baufirma. Erst kurz in Dresden, dann bis 1987 in Ostberlin. In dieser Zeit entstanden wesentliche Teile der Fotokonvolute, die Seiichi Furuya nun schon seit Jahrzehnten immer neu sichtet und sortiert.

Hinter dem Vorhang in Heidelberg klackt es unablässig. Vor allem in der mit vier unterschiedlich getakteten Projektoren arbeitenden Diashow kommen die Bilder zur Geltung. Porträtfotos seiner zerbrechlich schönen und schwer psychisch kranken Frau, deren Selbstmord 1985 sich leise ankündigt. Aufnahmen, die ihre Verletzlichkeit umkreisen. Selten wirkt sie selbstsicher. Sie lacht nie. Immer häufiger gibt sie sich in sich gekehrt. Kummer in den Gesichtszügen. Um den Mund herum wie eingefroren die Lippen zusammengepresst. Kauernd. Einmal steht sie bei ihrem Sohn, schaut zu ihm. Sie scheint zu weinen. 

Diesem stillen Tagebuch eines Abschieds, in das sich der Fotograf als anwesender Abwesender einschreibt, sind Alltagsbilder aus der moribunden DDR hinzugefügt, mit denen Furuya nach dem Tod seiner Frau beginnt. Es sind Fotos, wie aus der Distanz aufgenommen, aber nicht ohne Sympathie und subtilem Humor. Fernsehbilder, Straßenszenen, Fotos, die Bodybuilder zeigen, Artisten, Volksfeste, kleinbürgerliche Interieurs, den Checkpoint Charlie. Tristesse. Oft steht die Mauer im Bild. Auf einem läuft ein Junge mit einem Blumenstrauß in der Hand auf eine Wand aus Plattenbauten zu. Auf einem anderen sieht man auf einem Hochhaus den beinahe höhnischen Schriftzug eines Reisebüros.

Im Nachhinein wirken die Bilder vom Soll und Sein des vergangenen sozialistischen Staates natürlich noch einmal anders. Als ob sie mit einer Ahnung gemacht worden sind. In Wahrheit zeigen sie vor allem, wie sein persönliches Drama Seiichi Furuyas Blick auf die Welt infiziert hat. Wer genauer hinschaut, sieht wie hier jemand verzweifelt versucht, etwas festzuhalten, um sich später zu erinnern. Man bemerkt die Leere in den Gesichtern der Fotografierten, den Verlust des Fotografen. Es ist paradox, aber auf Seiichi Furuyas Fotos scheint immer etwas zu fehlen und doch da zu sein.

Seiichi Furuya – "Wo die Wahrheit liegt"

Heidelberger Kunstverein, bis 2. November 2014
http://www.hdkv.de/html_docs/ausstellungen.htm

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