Aktfotografien - Berlin

Malerisch, pathetisch, komisch

Das Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin hat die Aktfotografie um 1900 zum Thema der Ausstellung "Die nackte Wahrheit und anderes" gemacht

Von den bizarren Fantasien des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki, der das Bondage nackter Frauen zur Kunstform erhoben hat, oder von den unterkühlten, langbeinigen Models eines Helmut Newton sind die Aktfotografen vom Beginn des 20. Jahrhunderts Lichtjahre entfernt.

Die Aktfotografie zu dieser Zeit erscheint aus heutiger Sicht ein kleines bisschen altmodisch, aber dabei keineswegs angestaubt oder antiquiert. Das Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin hat der frühen Fotografie nun eine Ausstellung ausgerichtet, die diese These: "In der Aktfotografie fand um 1900 Seite ein medialer Umbruch statt, der wesentliche Charakteristika der Verfügbarkeit und Form dieses Sujets für das 20. Jahrhundert prägte", belegen soll. "Der Akt wurde öffentlich und trat damit in eine neue Phase der kulturellen Wahrnehmung ein."

Ein Akt steht Kopf und Charcot spielt Fußball

Die Bandbreite der Themen ist weit gefasst. Zwischen expressionistischer Fotografie und Surrealismus angesiedelt ist die Aufnahme eines Unbekannten, die einen männlichen "Akt beim Kopfstand" zeigt. Geradezu malerische Qualität besitzen die elegant ausgeleuchtete Szene "Adam und Eva" von Frank Eugene (Smith) (1865 bis 1936), der "Weibliche Akt" von Heinrich Kühn (1866 bis 1944) oder "Transparenz" des Fotografen-Duos Rudolf Lehner (1878 bis 1948) und Ernst Landrock (1878 bis 1966). Von wissenschaftlichem Interesse zeugt die Bewegungsstudie "Charcot spielt Fußball" von Albert Londe (1858 bis 1917).

Wilhem von Gloeden: Antike mit homoerotischen Zügen

Fotografen des beginnenden 20. Jahrhunderts hatten auch ein Herz für Kitsch und Pathos, das wird etwa mit der Fotografie eines Unbekannten (möglicherweise Max Lorenz Nielsen), "Männlichen Akt im Baum", der mit entrücktem Blick in ferne Welten schaut, demonstriert. Vor allem aber mit den perfekt arrangierten Aufnahmen an der Schnittstelle von Malerei und Fotografie des Deutschen Wilhelm von Gloeden (1856 bis 1931). Der ließ in der historischen Kulisse des römischen Amphitheaters in Taormina, Sizilien, die Antike wieder aufleben mit schönen, lorbeerbekränzten, mehr oder weniger nackten Knaben, die, mal zu opulenten Gruppenbildnissen arrangiert, mal solo mit oder ohne Tunika, Zeugnisse seiner homoerotischen Neigungen waren.

Aktofotgrafie mit Humor: "Zwei Frauen auf einem Karussellschwein"

Dass Aktfotografie nicht unbedingt bierernst sein musste, zeigt ein unbekannter Fotograf mit der neckischen Aufnahme "Zwei Frauen auf einem Karussellschwein". Schon am Jahrhundertbeginn war offensichtlich die Parole "Sex Sells" bekannt – Akte erschienen vor allem als reproduzierbares Werbemedium auf Postkarten (die zum Teil nur als "Bückware" unter dem Ladentisch gehandelt wurden), auf Zigarettenkarten, Plakaten oder in Zeitschriften.

"Die nackte Wahrheit und anderes" Aktfotografie um 1900

Termin: bis 25. August 2013, Museum für Fotografie, Berlin
http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=25123

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