Dirk Reinartz / Roman Bezjak - Hamburg

Unaufgeregte Archäologie

Was verbindet den Hamburger Stadtteil St. Georg mit sozialistischer Herrschaftsarchitektur? Zwei ehemalige Fotojournalisten widmen beziehungsweise widmeten sich mit stillem Blick den Veränderungen der Zeit. Die Galerie Robert Morat zeigt in einer Parallelausstellung Fotoarbeiten von Dirk Reinartz und Roman Bezjak. Es ist auf der einen Seite der intime Blick in klassischem Schwarz-Weiß auf St. Georg zu Beginn der achtziger Jahre von Reinartz, auf der anderen Seite die Bestandsaufnahme Bezjaks von Bauten der sozialistischen Moderne, in Großformat und Farbe.
Veränderungen:Reinartz und Bezjak in der Robert Morat Galerie

1981 beauftragte das Reisemagazin "Merian" Dirk Reinartz (1947 bis 2004) eine subjektive, grafische Reportage von St. Georg zu erstellen. Drei Wochen lang streifte der ehemalige Otto-Steinert-Schüler daraufhin durch den Stadtteil und fotografierte Bewohner, Straßenszenen und Details. Die bunte Mischung, die St. Georg heute noch ausmacht, war in den Achtzigern auch schon vorhanden, jedoch setzte sie sich anders zusammen.

Während das heutige, teils stark gentrifizierte St. Georg von der homosexuellen Community und muslimischen Migranten geprägt wird, war es damals ein Viertel der einfachen Leute. Geblieben sind das Rotlichtviertel und die Drogenszene. Die Fotografien Reinartz bestechen durch ihre erzählerische, aber klare Bildsprache. Sie sind eine einfühlsame Milieustudie und noch nicht so reduziert wie spätere Arbeiten. 31 Vintage-Prints zeigt Robert Morat, schlicht gerahmt und klassisch gehängt. Zusätzlich gibt es noch eine Box mit Arbeitsprints, welche die ganze Reportage enthält. An ihnen lässt sich wunderbar ablesen, wie sich Reinartz bestimmten Motiven genähert hat. Einem Mann in einer Bar, der gerade ein Bier trinkt, kommt er langsam immer näher. Auch das Foto des Transvestiten, der für den Fotografen den Rock hebt, ist kein einmaliger Schnappschuss, sondern die akribische Suche nach dem eigenen Standpunkt. "Merian" druckte Reinartz Strecke übrigens nie. Auf Nachfrage des Fotografen hieß es dort, die Serie sei zu "grafisch" ausgefallen…

Keine klassische Architekturfotografie

Im zweiten Ausstellungsraum empfangen den Besucher vier riesige Formate aus Roman Bezjaks Werkgruppe "Sozialistische Moderne". An einer weiteren Wand sind, 18 kleinere Fotografien in einem Raster von drei mal sechs als Block angebracht. Der 1962 in Ptuj/Slowenien geborene Bezjak bereiste für dieses Projekt fünf Jahre lang den ehemaligen Ostblock von Tallin bis Tirana und fotografierte sozialistische Nachkriegsarchitektur. Entstanden ist keine klassische Architekturfotografie. Obwohl alle Bilder mit einer Großformatkamera aufgenommen wurden, strahlen sie eine gewisse Leichtigkeit und Beiläufigkeit aus. Die Gebäude sind in Bezjaks Fotografien nicht zu ewigen Monumenten erstarrt. In manchen Fotos wimmelt es gerade so von konkurrierenden Baustilen, die den Dinosauriern der sozialistischen Moderne gefährlich nahe kommen.

Vollzogene und bevorstehende Veränderungen

Man sieht den einstigen Prachtbauten ihre Verletzlichkeit und Bedrohtheit beinahe an. Das, was sie einst repräsentierten, existiert nicht mehr. Der westliche Kapitalismus frisst sich langsam in sie hinein, und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Fotografien das einzige Überbleibsel dieser ehemaligen Vorzeigeprojekte sind. Der Untertitel der Serie "Archäologie einer Zeit" spielt auf die unausweichliche Vergänglichkeit an, trotzdem schwelgen die Fotografien Bezjaks niemals in Ostalgie. Robert Morat beschreibt den gemeinsamen Nenner der Serien als "Unvoreingenommenheit", mit der sich beide Fotografen ihrem Thema genähert hätten. Doch gibt es diesen Nullpunkt des Mediums? Fotografie als reine Beschreibung? Reinartz und Bezjak würden dies vermutlich verneinen. Was dieser Doppelausstellung aber ihren besonderen Reiz und ihre Dynamik verleiht, sind die verschiedenen zeitlichen Positionen der Arbeiten zur Gegenwart. Dirk Reinartz' St. Georg ist bereits Geschichte und hat sich radikal verändert. Dies steht den Orten und Plätzen, die Roman Bezjak fotografiert hat, größtenteils noch bevor.

Dirk Reinartz / Roman Bezjak

bis 17. März 2012, Robert Morat Galerie, Hamburg
http://www.robertmorat.de/

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