Robert Capa - Leipzig

Ein Bildnis für die Ewigkeit

Die neueste Ausgabe der stern-Fotografiereihe zeigt die zum Teil legendären Kriegsaufnahmen des Ungarn Robert Capa. Dazu gehört das Bild eines erschossenen amerikanischen Soldaten auf einem Leipziger Balkon – ein trauriges Denkmal für den abgebildeten Korporal Raymond J. Bowman und für die Gräuel eines Krieges. Das "Capa-Haus" genannte Gebäude, zu dem der Balkon gehörte, steht unter Denkmalschutz. Doch in der Silvesternacht wurde das ohnehin marode Bauwerk durch einen Brand beschädigt, nun soll es am 10. Februar zwangsversteigert werden. Ob dies vor dem endgültigen Abriss bewahrt, ist fraglich.

"If your pictures are not good enough, you are not close enough" – "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran." Dieses Zitat des berühmten US-Kriegsfotografen Robert Capa (1913 bis 1954) kann als dessen Lebensmotto gelten – und als Motto seines Sterbens. 1954 trat er im damaligen Französisch-Indochina versehentlich auf eine Landmine und wurde davon getötet. Zeitlebens hat er immer wieder Tote und Sterbende fotografiert. Besonders im Zweiten Weltkrieg gelangen ihm bedrückende Dokumente sinnloser Gewalttaten. Eines seiner bekanntesten Fotos löste nun in Leipzig eine Debatte aus. Es entstand genau dort am 18. April 1945.

Damals begleitete er die US-Armee bei ihrer Einnahme der Stadt. Vom Balkon eines Mietshauses auf der Jahnallee 61 aus sicherten Maschinengewehrschützen den Einzug der Infanterie über eine Brücke. Capa war nah dran, so nah, dass er den Tod eines der beiden Schützen auf dem Balkon direkt aufnahm – von der Wohnzimmertür aus: "Als das Maschinengewehr in Stellung gebracht worden war, ging der Sergeant zurück. Der junge Korporal zog ab und begann zu feuern. Der letzte Mann, der den letzten Schuss abfeuerte, unterschied sich nicht sonderlich vom ersten Mann. … damals auf dem Balkon fiel mir auf, dass der Korporal ein sauberes, offenes, sehr junges Gesicht hatte. Ich drückte den Auslöser. Es war seit Wochen mein erstes Bild – und das letzte, das ihn noch am Leben zeigte. Lautlos entspannte sich der Körper des Schützen und fiel zurück ins Zimmer. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert – zwischen den Augen war nur ein winziges Loch … Ich besaß das Bild des letzten Mannes, der getötet wurde. Am letzten Tag sterben einige der Besten. Doch die Lebenden vergessen schnell."

Initiative wider das Vergessen

Die Lebenden vergaßen in der Tat schnell, für über sechs Jahrzehnte. Doch anlässlich der großen Fotoschau "Leipzig. Fotografie seit 1839" im Frühjahr 2011 begann sich die Stadt wieder zu erinnern: an Robert Capa, dessen Bild in der Ausstellung im Stadtmuseum gezeigt wurde, an den unbekannten Soldaten und an das Haus, das Schauplatz dieser Tragödie war. Erst kürzlich gelang es dem Militärhistoriker Jürgen Möller, die Identität des jungen Korporals zu klären. Capas "Letzter Toter des Krieges" hieß Raymond J. Bowman. Er starb nur zwei Wochen nach seinem 21. Geburtstag in Leipzig. Sein Grab befindet sich auf einem Friedhof seiner Heimatstadt Rochester im US-Bundesstaat New York. Auch ein noch lebender Kriegskamerad Bowmans wurde aufgespürt. Der heute über 90-jährige Lehman Riggs erinnert sich noch lebhaft an die Vorgänge auf der Jahnallee 61: "Wir wechselten die Plätze, um zu verhindern, dass die Schützen länger der Gefahr ausgesetzt waren … Ich war gerade zurückgetreten und blickte auf die großväterliche Standuhr in dem Wohnzimmer … Er (Bowman, d.V.) hatte das Gewehr übernommen. Als ich wieder zurückschaute, sah ich das Blut seitlich an seiner Nase herunterlaufen." Bowman hatte die Position von Riggs eingenommen und wurde erschossen; Riggs überlebte. Eine Angelegenheit von Sekunden, die Capa in einer so fesselnden wie schrecklichen Bildfolge einfing.

Der Zeitzeuge mit der Standuhr

Nicht nur für die Leipziger ist das imposante Eckhaus ein geschichtsträchtiger Ort. Im Herbst 2011 sickerte durch, dass das um 1910 errichtete Gründerzeitgebäude abgerissen werden soll. Der Besitzer, ein fast bankrotter Investor, erhielt die Abrissgenehmigung für das einsturzgefährdete Haus. Widerstand regte sich, eine deutsch-amerikanische Bürgerinitiative wurde gegründet. Die Akteure wünschen sich ein Leipziger "Mahnmal gegen den Krieg" auf der Jahnallee. In einer Petition, zu deren Unterzeichnern neben Lehman Riggs auch eine in den USA lebende Nichte Bowmans gehört, heißt es: " … it is a unique opportunity and a responsibility we have for the future generations to preserve the truth of history especially how it can benefit our children and their children." (" … es ist eine einzigartige Gelegenheit und eine Verantwortung die wir gegenüber künftigen Generationen haben, indem wir die historische Wahrheit zum Nutzen unserer Kinder und deren Kindern bewahren.") Sogar ein 79-jähriger Zeitzeuge wurde gefunden. Robert Petzold lebte damals in der Wohnung, einige Möbelstücke von damals, wie etwa die bewusste Standuhr, existieren noch in seinem Besitz. Auch Petzold wünscht sich, dass das Haus erhalten bleibt, wenn auch der legendäre Balkon bereits zu DDR-Zeiten abgerissen worden war. Inzwischen erklärte Leipzigs Baubürgermeister Martin zur Nedden die Erhaltung des "Capa-Hauses" zur Chefsache: "Es handelt sich nicht nur aufgrund der Fotoserie, sondern auch aus stadträumlichen Gründen um ein wichtiges Gebäude. Wir werden den Erhalt und eine Neunutzung aus Kräften unterstützen." Das waren deutliche Signale aus der Leipziger Verwaltung.

Es herrscht akute Einsturzgefahr

Mittlerweile wird die Erhaltung des Jahrhundertwende-Bauwerks jedoch immer schwieriger, denn in der Silvesternacht brannte der Dachstuhl des Nebenhauses ab, wodurch auch die Jahnallee 61 in Mitleidenschaft gezogen wurde. Weil die Schuldenlast des nunmehr insolventen Voreigentümers von der Landesbank Hessen-Thüringen übernommen wurde, bietet diese das gebeutelte "Capa-Haus" am 10. Februar zur Zwangsversteigerung an, für einen Euro. Was der neue Besitzer mit der Immobilie plant, ist fraglich. Wird es überhaupt ernsthafte Interessenten für eine Sanierung geben? Für ein Wohnhaus ist die Lage an einer Hauptverkehrsstraße jedenfalls problematisch. Dass das Bauwerk unter Denkmalschutz steht, hat bei der Erteilung der letzten Abrissgenehmigung nicht geholfen. Zum Glück wurde der Abriss nicht vollstreckt. Doch damals habe die Bauaufsichtsbehörde unter Handlungsdruck gestanden, so Andreas Wolf, persönlicher Referent des Leipziger Baubürgermeister Martin zur Nedden. Einsturzgefahr drohte, und der Besitzer konnte nachweisen, dass ein Erhalt des Hauses für ihn wirtschaftlich unzumutbar war.

Kann der Abriss verhindert werden?

Daraufhin mussten auch die Denkmalpfleger ihre Zustimmung geben. Heute, nachdem das Objekt derart im Focus der Öffentlichkeit stehe, wäre das wohl nicht mehr der Fall, erklärt Wolf. Baubürgermeister zur Nedden selbst initiierte Gespräche mit potenziellen Käufern. Er hofft, dass "das bundesweite Echo zu einem Neueigentümer führt", und dass die Stadt in Konsens mit jenem "nach Möglichkeiten suchen werde, Fördergelder bereitzustellen." Die städtischen Erhaltungswünsche sind kein Geheimnis, wenn es auch "keinen letzten rechtlichen Riegel gibt, mit dem die Stadt den Abriss zu hundert Prozent verhindern kann." (Wolf). Einsturzgefahr droht noch immer, dringend nötige Sicherheitsmaßnahmen unterblieben bislang. Wer immer das "Capa-Haus" erwirbt, wird sich diesen Schritt gut überlegen. Er kauft ein historisches Gelände, von Robert Capas Fotografie und durch die aktuellen Recherchen zum zeitgeschichtlichen Denkmal geadelt. Vor kurzem erschien in der Reihe "stern Fotografie" (Heft 66/2011) ein Bildband des Magnum-Mitbegründers Capa. Selbstverständlich darin enthalten: das ergreifende Todesporträt des jungen Schützen. Als Fotografie eingefroren und für immer jung, hat Robert Capa dem US-Korporal Raymond Bowman ein Denkmal gesetzt. Ein Antikriegsmahnmal auch ohne dazugehöriges Gebäude.