Juergen Teller - London

Nicht der Archetyp des Fotografen

Kate Moss, Lily Cole, Kurt Cobain, Vivienne Westwood, Emma Stone – die Liste der Berühmtheiten, die Juergen Teller bereits (nackt) ablichtete, ist lang. Jetzt zeigt das ICA Institute of Contemporary Arts in London seine Arbeiten von den neunziger Jahren bis heute.

Kunst und Kommerz – nur wenigen gelingt der Spagat. In seiner Fotografie gelingt es Juergen Teller, der zusammen mit Terry Richardson und Wolfgang Tillmans zu der "Heiligen Dreifaltigkeit" der Modefotografen der neunziger Jahre zählt, beide Elemente zu verbinden. Das ICA stellt die Arbeiten des deutschen Fotografen in der Ausstellung "Juergen Teller – Woo!" in London aus.

Die Leute denken oft, er mache bloß blöde Schnappschüsse, sagt Juergen Teller. "Ich gebe nicht den Archetyp des Modefotografen ab, der den großen Macker spielt, mit einer Horde von Assistenten." Tatsächlich wirken seine Bilder, als seien sie aus dem Moment heraus entstanden und die Models auch nur Menschen. Doch die Einfachheit seiner Fotografien ist trügerisch. "Das mit den Schnappschüssen ist natürlich totaler Quatsch", erklärt Teller. "Mode ist ja ein ernstes Business, und es geht um sehr viel Geld. Gleichzeitig ist es aber auch totaler Blödsinn und der größte Spaß." Das sieht man auch in der Ausstellung im ICA, das von den neunziger Jahren einen Querschnitt seiner Arbeiten bis heute zeigt. Darunter Bilder der nackten Vivienne Westwood, für die er mehrere Modekampagnen machte, die Serie "Irene im Wald", die seine Mutter in der bayerischen Heimat abbildet, und Fotos von Kurt Cobain von 1991, als Teller mit Nirvana durch Deutschland tourte.

Ein Höhepunkt sind die Bilder von Kate Moss. Teller und Moss kennen sich schon seit sie 15 war und er die ersten Bilder von ihr machte, seitdem stand sie oft vor seiner Linse. Zuletzt 2010, als sie ihn auf ihren Landsitz einlud. Beim Spaziergang entdeckte er eine schlammverschmutzte Schubkarre. Spontan kam er auf die Idee, das Supermodel in die Schubkarre zu bekommen. Dass es ein wenig Überredungskunst bedurfte, merkt man den Fotos jedoch nicht an. Kate Moss – ungeschminkt, barfuß und in einem leichten Kleid in Naturtönen – sieht aus, als wäre sie, mit dem zerzausten Haar, gerade aus einem Nickerchen erwacht. Als hätte sie sich an diesem Sommertag von der Arbeit in der ländlichen Kommune davongestohlen, hätte vielleicht noch mit den Kindern herumgetobt und sich bei einer leichten Brise die Sonne auf die Haut scheinen lassen. Der blaue Schuppen im Hintergrund ist in der Vorstellung eines der Gebäude, in denen die Genossen der Kommune wohnen und arbeiten, und hinter dem Schuppen befinden sich Gemüsebeete und Leinen, auf denen Wäsche trocknet.

Nichts von der Vorstellung ist real, aber so eine Geschichte denkt sich der Betrachter bei Tellers Bildern automatisch aus. Als wäre das Bild tatsächlich aus einer erlebten Situation heraus entstanden und als wäre der Fotograf nur eben ein Bekannter, der gerade eine Kamera in der Hand hält, und nicht jemand, der mit der Fotografie viel Geld verdient. Dabei hält Teller bei seiner Arbeit genau genommen zwei Kameras in den Händen, mit denen er immer abwechselnd fotografiert, sodass der Blitz der jeweils anderen Kamera laden kann und der Porträtierte nicht genau weiß, welche Kamera gleich als nächstes auslöst. Doch nicht nur dieser kleine Trick verhilft den Fotografien zu so viel Natürlichkeit, zeigt die Porträtierten von einer derart offenen und unverfälschten Seite. "Ich habe die Gabe, dass Leute sich bei mir öffnen und ich ihr Vertrauen gewinne. Ich glaube, sie können meine Verletzlichkeit sehen, weil ich mich nicht davor fürchte zuzugeben, wenn etwas nicht gelingt."

Dass er eines Tages eine Charlotte Rampling nackt im Louvre fotografieren würde, eine Victoria Beckham in einer Einkaufstüte für Marc Jacobs oder eine Gisele Bündchen in sexy Posen fürs "W Magazine", konnte Teller mit Sicherheit nicht ahnen, als er 1986 auf der Flucht vor den Feldjägern aus Franken nach London kam, um dem Wehrdienst zu entgehen. Überhaupt kam er nur über Umwege, und zwar aufgrund seiner Stauballergie zur Fotografie. Gezwungen, seine Bogenmacherlehre abzubrechen, fand er durch seinen Cousin, der Fotograf war, bald Interesse an der Arbeit mit der Kamera. Darauf folgte ein Studium an der Fachakademie für Fotodesign in München und anschließend seine "Flucht" nach London. Dass er zu dem Zeitpunkt noch kein Wort Englisch sprach, hinderte ihn nicht daran, Musiker für Zeitschriften und Plattencover zu fotografieren, um finanziell gerade so über die Runden zu kommen. Die Coverfotos zu Sinéad O´Connors "Nothing Compares 2 You" änderten seinen Status schlagartig. Fortan war er mit seinen Fotografien in sämtlichen namhaften Magazinen wie "Vogue", "Index" und "W Magazine" vertreten.

Juergen Teller: Woo!

ICA Institute of Contemporary Arts,
London,
bis 17. März
http://www.ica.org.uk/?lid=34587