Bill Cunningham - New York

Bill Cunninghams New York

Er ist der Pionier der Streetstyle-Fotografie – jetzt widmet ihm die New York Historical Society eine große Ausstellung.

Der freundliche, ältere Herr in der blauen Windjacke, der noch im hohen Alter mit dem Fahrrad von Termin zu Termin durch Manhattan kurvt, fehlt auf keiner Mode-Veranstaltung und auf keinem wichtigen Societyevent.

Das Herz von Bill Cunningham schlägt jedoch für die Straße. Die eigentliche Modenschau hätte schon immer auf der Straße stattgefunden, hat der inzwischen 85-jährige Fotograf einmal gesagt.

Der Urgroßvater der Streetstyle-Fotografie kam 1948 im Alter von 19 Jahren nach New York, nachdem er ein Semester in Harvard studiert und sein Studium hingeschmissen hatte. Er designte Hüte für Society-Damen, verdiente sich sein Geld mit Nebenjobs, unter anderem als Lieferboy für Sandwiches, diente im Korea-Krieg und fing bereits in den vierziger Jahren an, Fotos auf der Straße zu schießen. ''Das Problem ist, dass ich überhaupt kein guter Fotograf bin. Um ganz ehrlich zu sein, bin ich zu schüchtern. Nicht aggressiv genug. Gar nicht aggressiv. Ich liebte es einfach, wundervoll gekleidete Frauen zu sehen und das tue ich immer noch'', so Cunningham.

Seit Ende der siebziger Jahre arbeitet der Fotograf für die "New York Times" und füllt die Wochenendausgabe für seine beliebte Kolumne mit Aufnahmen von Frauen, ihren Looks und ihren Accessoires, die er auf der Straße findet. Einer seiner bevorzugten Ecken auf der Jagd nach der Mode ist Fifth Avenue und 57th Street, wo er all die vielen Upper-East-Side-Ladies mit seiner Kamera einfängt, die jeden Tag neue, sündhaft teure Designer-Outfits zur Schau tragen. Noch bevor er als knipsender Trendscout für die "New York Times" unterwegs war, arbeitete Cunnignham mit ''Facades'' seit 1968 über acht Jahre an einem Projekt, bei dem der Mode und Architektur vereinte. Er fotografierte vor allem Editta Sherman, seine Freundin und Nachbarin aus den Carnegie Hall Studios. Hier hatte Cunningham die größte Zeit seines Lebens unter den bescheidensten Umständen gelebt. Er fotografierte Shermann am Wochenende in historischen Kostümen und Vintage-Klamotten vom Trödelmarkt vor ikonenhaften Bauwerken von New York oder an für die Stadt typischen Plätzen. Die Kleidung der Duchess of Carnegie Hall, wie Sherman, die im vergangenen Jahr im Alter von 101 Jahren starb, genannt wurde, betonen die jeweilige Epoche, aus der ein Bauwerk stammt. Die beiden deckten mit ihrem exzentrischen Projekt die Zeit von Ende des 18. Jahlrhunderts bis in die fünfziger Jahre ab.

So steht die Duchess, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einer Kopfbedeckung, die an die Rundung des Museums erinnert, vor der Guggenheim-Rotunde. Sie post mit einem üppigen, mit Federn und Blumen geschmückten Hut vor dem Grand Central Terminal, führt keck einen Mini vorm GM Building vor, besucht mit Pelz geschmückt den Club 21 Uptown, der zur Prohibitionszeit ein Speakeasy war, oder sitzt in der mit Graffiti beschmierten Subway.

88 Prints aus der Serie, die Ende der siebziger Jahre in dem Bildband ''Facades'' erschienen, werden in der New-York Historical Society ausgestellt, um Bill Cunninghams 85. Geburtstag zu feiern. Der Fotograf hat die Fotos dem Verein und Museum vor vielen Jahren vermacht. Die Kompositionen zeigen, dass in ihm immer schon mehr gesteckt hat als der Streetstyle- und Event-Fotograf, der einfach nur die Kamera draufhält. ''Ich gehe jeden Tag raus. Wenn ich mich im Büro deprimiert fühle, gehe ich raus. Sobald ich auf der Straße bin und die Leute sehe, fühle ich mich besser'', hat Cunningham gesagt. ''Aber ich gehe niemals mit einer vorgefassten Idee raus. Ich lasse die Straße sprechen.''

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