6. Festival für Fotografie - Leipzig

Die Tyrannei des Glücks

Massenpanik im Elektromarkt, Hoffnungslosigkeit im Großraumbüro und Berge von Selfies: In der heutigen Leistungsgesellschaft hat das Streben nach Glück die vielfältigsten Facetten. 50 Künstler konfrontieren in fünf Ausstellungen die Besucher des bereits zum sechsten Mal stattfindenden Festivals für Fotografie Leipzig f/stop mit ernüchternden Aufnahmen über den chronischen Zwang nach Glück.

In einem Einkaufszentrum tummeln sich die Schnäppchenjäger, gierige Blicke stürzen sich auf die neuerworbene Konsole des Nebenmannes, Rangeleien bei dem Versuch die Rolltreppe als Erster zu passieren: Die Szenarien in den Fotografien der Serie "Available for Sale" (2007) von Julian Röder illustrieren den steinigen Weg, der denen bevorsteht, die ihr Glück in Konsumprodukten suchen.

Die Verheißung von Glück ist eine wirtschaftliche Triebkraft, die für die Konsumenten vor allem eines bedeutet: Stress. Wer kaufen will, muss schließlich auch arbeiten gehen. Dass Arbeit leider zu selten identitätsstiftendes Tun aus Leidenschaft ist, zeigen die tristen Büro-Fotografien aus Florian van Roekels Serie "How Terry likes his Coffee" (2010). Deprimierte, dem Burnout nahe Vertreter der Leistungsgesellschaft, die vor der Suche nach dem individuellen Glück kapitulieren.

Die Idee, das diesjährige Festival unter dem Motto "Get Lucky!" stattfinden zu lassen, kam den beiden Kuratoren Thilo Scheffler und Christin Krause im letzten Sommer: "Als wir über mögliche Fragestellungen nachdachten, waren wir recht schnell bei den aktuellen Bedingungen der Leistungsgesellschaft, bei Fragen nach der Auflösung von Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, dem permanenten Optimierungszwang, der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, dem Mythos vom Glück durch Leistung, letztlich bei einer Art 'Tyrannei des Glücks', wie es Byung-Chul Han beschreibt."

Durch den ständigen Einfluss der Werbe- und Magazinfotografien werden Lebensentwürfe propagiert und Schönheitsideale etabliert, denen man sich nur schwer entziehen kann. Der Schweizer Künstler Beni Bischof führt diese vermeintliche Perfektion ad absurdum, wenn er die makellosen Schönheiten aus den Magazinen mithilfe von Fingern und Würsten entstellt. Auch in der Ausstellung "f/stop Print" widmet sich der renommierte Gestalter und Gastkurator Mario Lombardo der Bildproduktion in Magazinen und zeigt die international erfolgreichen Fotografen Daniel Josefsohn, Hanna Putz, Daniel Sannwald und Jonas Unger. Allesamt Fotografen, die sich eben nicht nach der glattgebügelten Ästhetik des Marktes richten, sondern Grenzen ausloten und Bilder mit Persönlichkeit schaffen wollen.

Mittlerweile ist das Medium Fotografie vollends demokratisiert worden. Täglich werden schätzungsweise 700 Millionen Bilder auf sozialen Plattformen hochgeladen, die die Frage aufwerfen, was das für die Zukunft der Fotografie bedeutet. Eine Antwort sucht im Rahmen von "f/stop Solo" die Installation "My Feet" (2014) des niederländischen Grafikdesigners Erik Kessels, der schon etliche Galerieräume mit tausenden ausgedruckten Fotos aus dem Internet füllte. Fotografie ist Massenware, genau wie einer der größten Glücksversprecher: Schokolade. Beim Betrachten der Reihe "Côte d'Or" (2014) von Stefanie Kiwitt stellt man ernüchtert fest, dass auch dieses Genussmittel lediglich das Ergebnis einer auf Effizienz ausgerichteten Massenproduktion ist.

Get Lucky!

6. Festival für Fotografie Leipzog f/stop, vom 7. Juni bis 15. Juni, Leipziger Baumwollspinnerei

Es erscheint ein Katalog im Lubok Verlag
http://f-stop-leipzig.de

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