Trevor Paglen - Citizenfour

Weisse Flecken und dunkle Orte

Spionagesatelliten, Gefangenenlager, militärische Anlagen – der amerikanische Künstler Trevor Paglen erforscht die geheimen Sphären der Macht. Folgerichtig, dass er auch am Snowdon-Dokumentarfilm "Citizenfour" mitarbeitete. Der gewann am Wochenende überraschend den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Das vorliegende Porträt des Künstlers erschien im Sommer 2011 in der art, lange vor der großen NSA-Affäre. Heute sind die Arbeiten des ausgebildeten Geografen und investigativen Reporters aktueller den je.
Weisse Flecken und dunkle Orte

Trevor Paglen: "National Security Agency, Ft. Meade, Maryland", 2013

Jeder kennt das: Es ist Sommer, die Nacht ist klar, man schaut hinauf zum Firmament. Der Himmel ist übersäht von funkelnden Sternen. Die einen bekommen in solchen Momenten romantische Gefühle, andere werden melancholisch, weil sie sich in der unermesslichen Weite des Kosmos plötzlich verloren fühlen wie ein Sandkorn am Strand. Doch hängt der Himmel tatsächlich nur voller ferner Sterne? Keineswegs! Der US-amerikanische Künstler und Geograf Trevor Paglen beweist es uns. Doch der Reihe nach.

Trevor Paglen verklärt nichts, er schaut besonders genau hin. Skeptisch beobachtet er, was vorgeht – am Himmel und auf der Erde. Er ist einer jener Zeitgenossen, die fortfahren, den Begriff des Künstlers weiter zu dehnen. Ausgebildeter Geograf, Verschwörungstheoretiker vom Instinkt und investigativer Reporter aus Berufung – so hat ihn der Kritiker der "New York Times" genannt, als Paglen 2006 im Rahmen seiner Einzelausstellung sein Buch "Torture Taxi" vorstellte, das er gemeinsam mit A. C. Thompson verfasst hat. Es handelt sich um einen Report über die geheimen Aktivitäten der Central Intelligence Agency, CIA, in dem von geheimen, als Gefängnis genutzten Militärbasen berichtet wird, den "Black Sites" in Afghanistan und an anderen Orten.

Begegnet man ihm, wirkt Trevor Paglen überaus bescheiden. Er ist ein ruhiger Typ, stets nüchtern und präzise in dem, was er sagt, scheinbar ganz Wissenschaftler. Und doch brennt noch ein anderes Feuer in ihm. Geboren 1974 in Maryland, studiert er zunächst Religionswissenschaft und Komposition in Berkeley, dann Kunst und Technologie in Chicago. 2008 promoviert er in Geografie mit dem Schwerpunkt "Neue Medien". Paglen ist in den letzten Jahren zu einem Star der akademischen Geografie geworden. Galt die Kartografie der Erde lange als abgeschlossen, schien jedes noch so kleine Areal vermessen zu sein, so hat Paglen mit dieser Vorstellung gründlich aufgeräumt. Er hat nachgewiesen, dass es sehr wohl "weiße Flecken" auf unseren Karten gibt und dass sie nicht zufällig, sondern mit Absicht erzeugt werden, weil dort etwas geschieht, das aus politischen Gründen geheim bleiben soll. Auf einen einfachen Nenner gebracht besteht seine Arbeit darin, diese "weißen Flecken" aufzuspüren und herauszufinden, was dort geschieht – ganz gleich, ob es sich um geheime militärische Anlagen handelt, die fernab bewohnter Gebiete versteckt sind, um Tarnnamen für teure Rüstungsprojekte, von denen die Öffentlichkeit nichts wissen soll, um kryptische Abzeichen der Mitarbeiter solcher Vorhaben oder um die Erdumlaufbahnen geheimer Überwachungsund Spionagesatelliten.

Paglen fotografiert militärische Testgelände mit 6000-Millimeter-Linse

Paglen ist ein Aufklärer aus Überzeugung. Er konfrontiert uns mit Fotografien der Gebäude sogenannter "NoGoAreas" oder "Black Sites", verfolgt am Himmel Lichtspuren, durch die sich Spionagesatelliten verraten, oder kundschaftet Flüge aus, die in keinem Flugplan verzeichnet sind. Oft sucht er dabei eine Stecknadel im Heuhaufen, schließlich ist es nicht leicht, ein Objekt von der Größe eines Autos aus einer Entfernung von Tausenden von Kilometern zu fotografieren. Bei allem, was er macht, agiert er wie ein politischer Aktivist, der die Gegenmacht der Öffentlichkeit nutzt, um wenig demokratische Aktivitäten aufzudecken. Eine Trennung von Wissenschaft, Kunst und Politik existiert für Paglen nicht. Er räumt nichts weniger beiseite als die Differenz zwischen realen Vorgängen und deren symbolischer Kritik. Kurz: Er erfindet nichts. Alles, was er zeigt, geschieht irgendwo da draußen.

Ob er geheime Basen und Testgelände aufspürt oder die "Code Names" der Aktivitäten recherchiert und auflistet, die dort stattfinden, es geschieht, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Ob die Programme "Olive Tree", "Power Hunter" oder "Pony Express" heißen, wir können nur die Namen lesen, wissen aber nicht, was sich hinter ihnen verbirgt. Mindestens 50 Milliarden Dollar des USMilitärbudgets sollen jährlich in Projekte fließen, die mit solchen oder ähnlichen Tarnnamen versehen sind und deren Zweck in den öffentlich zugänglichen Berichten der Regierung nicht näher ausgeführt werden. Paglen gibt aber nicht nur Namen von Programmen wieder, deren Legitimität fraglich bleibt. Er fotografiert auch aus großer Entfernung und mit erheblichem technischen Aufwand Testgelände wie die Tonopah Test Range (TTR), eine Anlage für Raketen- und Waffentests, auf der beispielsweise der sogenannte Tarnkappenbomber unter strengster Geheimhaltung erprobt wurde. Aus 18 Meilen Entfernung hat er mit Hilfe einer 6000-Millimeter-Linse den Kontrollturm von TTR aufgenommen. Auch wenn die Aufnahmen durch das atmosphärische Flimmern, das sich auf diese Distanz auswirkt, verschwommen wirken, so kann er mittels dieser "Limit Telephotography" doch Dokumente für die Existenz solcher Anlagen vorlegen.

"No One Kicks Ass Without Tanker Gas"

Natürlich stellt Paglen damit auch die Frage nach dem dokumentarischen Wert der Fotografie: Ist solch eine Aufnahme in Zeiten digitaler Bildbearbeitung noch ein Beleg, gar ein Beweis? Taugt die Fotografie zur Herstellung von Wissen? Glauben wir, nur weil wir unscharfe Fotos sehen und uns jemand erzählt, es handle sich um einen geheimen militärischen Komplex, dass es diesen tatsächlich gibt? Paglen weiß, dass die Fotografie auch ein Werkzeug der Macht ist. Deshalb arbeitet er nicht nur mit Fotografien, sondern auch mit Daten. Also müssen wir davon ausgehen, dass es die "Black World" gibt, ja geben muss, die er ausspäht. Dabei haben seine Werke nichts Journalistisches. Sie berichten nicht nur von Dingen, die es angeblich nicht gibt, sie entwickeln auch eine eigene Ästhetik des Verborgenen.

Der Titel seines Buchs über die Embleme geheimer militärischer Sondereinheiten lautet "I Could Tell You but Then You Would Have to Be Destroyed by Me". Die Warnung ist eindeutig: Ich könnte Auskunft geben, aber dann müsste ich Sie vernichten. Trotzdem geben Mitglieder solcher Kommandos mittels kryptischer Aufnäher etwas von dem preis, was sie nicht preisgeben dürfen. Paglen sammelt solche "Patches" seit Jahren oder lässt sie anhand von Fotos oder Kopien, die man ihm zuspielt, nachsticken. Patches gehören zur Kultur des amerikanischen Militärs. Sie zeigen, wer dazugehört, selbst wenn sie auf geheime Programme verweisen und für Außenstehende rätselhaft bleiben. Was sie verraten, zeigt beispielsweise das einer Einheit, die für das Auftanken geheim gehaltener Flugzeuge zuständig ist. Zu sehen ist eine düster dreinblickende Gestalt mit Hut und weitem Mantel, die eine Art Stock – oder einen Tankrüssel? – in der linken Hand hält. Darunter ist zu lesen: NKAWTG ... NOBODY. Die Buchstabenfolge, so erklärt Paglen, bezieht sich auf das inoffizielle Motto der Truppe: "No One Kicks Ass Without Tanker Gas" – keiner tritt jemanden in den Arsch ohne Sprit.

Paglens Aufnahmen lassen den Betrachter erschauern

Selbst wenn er in den Himmel schaut, inszeniert dieser Skeptiker aus Notwendigkeit kein kosmisches Drama. Er zeigt, was ist, und er hält fest, was man nicht sehen soll – weil es uns sieht. Heute nimmt der Blick, den wir auf uns selbst werfen, oft den Umweg über das All, um das irdische Geschehen desto besser auskundschaften zu können. Das reicht vom Wetter übers Klima bis zur Erkundung von Bodenschätzen und der Navigation im Auto. Bei allen positiven Effekten, die das hat: Der Ausbruch aus der terrestrischen Gefangenschaft durch die Raumfahrt hat auch zu neuen Formen der Überwachung geführt. Paglens Werkserie "The Other Night Sky" macht das unmissverständlich deutlich. Zu dem verschärften Blick ins All ist der Blick aus dem All hinzugekommen.
Um seine Himmelsfotografien herstellen zu können, spürt Paglen mit Hilfe offizieller Verzeichnisse und Daten, die von Amateurastronomen gewonnen werden, die Bahnen von Spionagesatelliten auf. Er nutzt die Informationen, um zu berechnen, wann und wo der entsprechende Satellit am Himmel sichtbar sein müsste, um seine Bahn fotografieren zu können. Paglen geht also im Grunde nicht anders vor als Astronomen wie Johannes Kepler oder Galileo Galilei, die im 17. Jahrhundert nach den Monden des Jupiter Ausschau hielten: Er beobachtet, was angeblich nicht existiert. Sichtbar werden die geheimen Satelliten am Himmel als dünne Lichtspuren. Etwa dann, wenn Paglen sie vom Dach seines Hauses in Oakland aus aufnimmt, während der Rauch in der Umgebung tobender Waldbrände und das Licht der untergehenden Sonne den Himmel dramatisch verfärbt wie bei der Aufnahme "Keyhole 12-3 (Improved Crystal) Near Scorpio (USA 129)", die einen Teil der Bahn eines optischen Aufklärungssatelliten zeigt.

So erhaben die Bilder zunächst wirken mögen, Paglens Aufnahmen lassen den Betrachter erschauern. Mit einem Mal hat der Himmel Augen bekommen. Je klarer wir uns darüber werden, desto unbehaglicher wird uns zumute. Weil sich in einer Welt, in der sich die Macht verbirgt und Kontrolle über uns ausübt, jede Art von symbolischer Darstellung verbietet, ist Trevor Paglen gerade kein Science-Fiction-Künstler, der seine Ängste oder Fantasien auf die weißen Stellen unseres Wissens projiziert. Er ist Realist, ein neuer Typus von Künstler, der schonungslos die Konsequenzen der Beobachtung von Tatsachen sichtbar macht. In ihm hat die Welt der Überwachung einen Überwacher gefunden. Politischer kann Kunst heute nicht sein.

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