David LaChapelle - Wien

Diamanten sind das neue Kokain

Bei nackten Transgender-Modellen und bunten Fantasietürmen geht die prüde Hausfrau schon mal auf die Barrikaden: Mit einer Ausstellung und Plakataktion zeigt die Wiener Galerie OstLicht die erotisch-schrille Welt David LaChapelles

Dass so ein Plakat das Land der Conchita Wurst noch in Aufregung versetzen kann, wundert eigentlich niemanden. In dem Moment, in dem vor allem nackte männliche Geschlechtsteile plakatiert werden, beginnt in Österreich der Pawlowsche Effekt einzusetzen:

Die Stimme des konservativen Volks empört sich, dessen Augen sonst wohlgefällig über halbnackte weibliche Photoshop-Modelkörper gleiten. So war die Erregung absehbar, die David LaChapelles Plakat zum Wiener Aidshilfe-"Life Ball" auslösen würde, aktuelle Gender-Wurst-Euphorie hin oder her: Das paradiesisch inszenierte Transgender-Modell Carmen Carrera mit den prallen Brüsten und dem grazilen Schwänzchen mobilisierte Hausfrauen dazu, mit Spraydosen auszurücken, um angeblich das Kindesheil zu schützen. Übersprüht wurde allerdings ausschließlich das anscheinend so irritierende männliche Geschlecht, die Brüste durften frei über den Baströckchen schwingen. Und auch das immer in der Nähe plakatierte Pendant des so anmutig zusammengeführten Doppel-Geschlechts blieb verschont: Es zeigt das Transgender-Modell per Photoshop zur "echten" Frau gemorpht, mit ebenso haarloser Schlitz- statt Zipferl-Zone.

Das Plakative kann man gerade LaChapelle schwer vorwerfen, das Theatralisch-Üppige ist das Markenzeichen des 1963 geborenen US-Starfotografen, der in den achtziger Jahren für Andy Warhols "Interview"-Magazine fotografierte. "Great", erzählte Lachapelle bei einem Vortrag in Wien, habe Warhol zu seiner Mappe gesagt, als er als blutjunger Bursche endlich zu ihm durchgedrungen war. LaChapelle wähnte sich im siebten Himmel. Bis man ihn in der "Factory" wenig schonend aufklärte, dass Andy grundsätzlich alles "great" fände. Das hat LaChapelle von seinem Stil nicht abgebracht.

In der Wiener Fotogalerie "OstLicht" zeigt er parallel zum Lifeball-Plakat einen Querschnitt durch sein Werk, der sowohl einige Ikonen seiner Magazin-Zeit vor 2006 umfasst, etwa das Diamanten schnupfende blonde Glamour-Modell, als auch seine jüngsten, für den Kunstmarkt produzierten Serien, die fast gänzlich ohne Menschen auskommen. Fast schon klassische Blumenstillleben als Memento Mori finden sich hier. Origineller sind die in seinem Domizil auf Maui/Hawaii gebauten Modelle von Raffinerien und Tankstellen er aus Plastik-Wegwerfprodukten und Karton, Kraftorten beziehungsweise "Tempel" unserer Zeit, wie er meint, die er teils vom Urwald verschlungen zeigt. Ein Versatzstück dieser Bastelei findet sich auch im Lifeball-Plakat wieder:

Hinter Trans-Eva ragt ein rosafarbener Fantasie-Turm auf, ein direktes Zitat aus Hieronymus Boschs "Garten der Lüste", für LaChapelles Setting überlebensgroß in Karton nachgebaut, wie man an den Originalfotos, weniger auf den Plakaten, erkennen kann. Auf Bosch könnte auch die semitransparente Kugel verweisen, die den Kopf von Adam umschließt, der zu Evas Füßen hingegossen liegt. Zwar erinnert er mit seinen Adern erst einmal an eine Fruchtblase. Aber auch an eine Seite des Garten-Triptychons, die man weniger kennt: Schließt man nämlich die Flügel des Bosch-Altars, zeigt sich auf der Außenseite eine durchsichtige Weltkugel, die den dritten Tag der Schöpfung zeigt, als Gott Wasser und Erde trennte. Aber auch im Mittelteil des Triptychons sieht man ein Paar in einer transparenten Kugel sitzend. War es doch ein Ideal der Antike, Platons Kugelmensch, der Mann und Frau vereinte. Die Wiener Aktionisten hat diese Vision und andere schon fasziniert. In LaChapelles Plakat – das übrigens bis Ende der Ausstellung in Wien präsent sein wird – ist sie schrille Wirklichkeit geworden.

Once in the Garden

bis 14. September, Galerie OstLicht, Wien
http://www.ostlicht.at