100 Jahre Burma/Myanmar - München

Auf den Spuren der Einbeinruderer

Der südostasiatische Staat mit 100 Jahren Abstand fotografiert: spannende Vergleiche – viele alte Traditionen haben sich erhalten, manches hat sich geändert

Zwei Fotografinnen, ein Thema und die Liebe zum selben Land – aber zwei verschiedene Zeitalter. Die eine war Christine Scherman, die 1911 mit ihrem Mann Lucian, Direktor des Münchner Völkerkundemuseums, das von den englischen Kolonialherren Burma genannte Land in Südostasien besuchte. Die andere, die Kunst- und Dokumentarfotografin Birgit Neiser, reiste knapp 100 Jahre später durch das Land, das auf Bestreben der herrschenden Militärs den Kolonialnamen abgelegt hat und nun Myanmar heißt. Beide Frauen haben dort fotografiert. Ihre Eindrücke aus diesem wohl faszinierendsten Land Südostasiens sind nun in einer gemeinsamen Ausstellung im Staatlichen Museum für Völkerkunde in München zu sehen und zu vergleichen – ein spannendes Ausstellungskonzept.

Das Ehepaar Scherman kam am 19. Januar 1911 mit dem Schiff in Rangoon (heute Yangon) an. Auf ihrer insgesamt 18-monatigen Reise, die sie auch nach Ceylon (heute Sri Lanka) und Indien führte, kauften sie rund 4000 Objekte für das Münchner Museum, davon 800 allein aus Burma. Rund 1200 Fotografien sind erhalten. Sie entstanden oft unter schwierigsten Bedinungen: Christine Scherman fotografierte mit der Plattenkamera, die lange Belichtungszeiten erforderlich machte. Die Glasnegative sind im Archiv des Völkerkundemuseums erhalten.

Heilige Stätten, alltägliches Leben

Schermans Fotografien geben sowohl die heiligen Stätten des Buddhismus als auch das alltägliche Leben in Dörfern und Städten wieder: Die Einbeinruderer, die Stelzendörfer und die schwimmenden Gärten auf dem Inle-See, Bambusflöße auf einem Fluss, die weiß gekalkten, goldenen oder aus Ziegelsteinen errichteten Pagoden von Bagan, Elefanten oder Wasserbüffel bei der Arbeit, Mönche und ihre Klöster, Landbewohner in ihren Langhäusern, sportliche Wettkämpfe zu Land und zu Wasser und die giraffenhälsigen Frauen der Padaung.

Alte Traditionen leben fort

Sieht man die Fotografien, die Birgit Neiser 100 Jahre später aufgenommen hat, wird sofort sichtbar, dass sich – trotz über 20 Jahre währender Militärdiktatur – vor allem in den ländlichen Gegenden äußerlich kaum etwas geändert hat: Tomaten, Gurken oder Kürbisse werder immer noch auf den schwimmenden Gärten angebaut, die aus einer homogenen Masse von Wasserhyazinthen und Sumpf entstehen, die Ruderer, damals wie heute, paddeln geschickt mit einem Bein und haben so die Hände frei, um die Reusen zu leeren.

Abriss im Dienste des Tourismus

Ein kleiner Trost, wenn man weiß, dass zum Beispiel in Bagan die Bevölkerung 1990 von der Militärregierung nach Neu-Bagan umgesiedelt wurde – die Besitzer der Privathäuser mussten die Abrisskosten selber tragen – damit Touristenhotels möglichst nahe an der archäologischen Stätte errichtet werden konnten. Und die Pagoden von Bagan, das zeigt der Vergleich von Schermans und Neisers Foto, wurden von der Regierung allesamt restauriert und mit neuen, ziemlich ähnlichen Spitzen ausstaffiert; die sind zwar mustergültig rekonstruiert, aber die Spuren der Jahrhunderte wurden quasi weggeschminkt. Birgit Neiser dokumentiert den Einbruch des 21. Jahrhunderts subtil mit dem Foto einer über die Straße gespannten Werbetafel, die einen "modernen und entwickelten Staat" propagiert.

Goldenes Land – 100 Jahre Burma/Myanmar

Termin: bis 12. Januar 2014; Katalog: 24,80 Euro
http://www.voelkerkundemuseum-muenchen.de/