Vera Mercer - Interview

Andy Warhol hatte gleich drei Persönlichkeiten für mich

Vera Mercer hat von Samuel Beckett bis Andy Warhol die ganze Kunstwelt fotografiert – im Gespräch mit art verrät sie, wie die Egos großer Künstler ticken.
Egos im Bild:Vera Mercer hat von Beckett bis Warhol fotografiert

Drei verschiedene Persönlichkeiten und Sex im Nebenzimmer – so empfinge Andy Warhol die Fotografin Vera Mercer: "Andy Warhol, Factory, New York" 1968

Andy Warhols Voraussage, jeder würde in der Zukunft für 15 Minuten ein Star sein, hat sich dank Youtube erfüllt – Sie hingegen haben schon fotografiert, als es noch wirklich herausgehobene Persönlichkeiten gab. Über die würden wir gerne einiges erfahren – wie war es denn beispielsweise mit Samuel Beckett?

Vera Mercer: Er war einer der interessantesten Menschen. Ich habe ihn in seiner Pariser Wohnung fotografiert, die so neutral war – ohne jeden Schmuck.

Auf eine gewisse Weise erschien er mir nackt. Da ich zum ersten Mal ohne einen Reporter unterwegs war, erzählte er eine ganze Menge. Gar nicht so einfach, gleichzeitig Fragen zu stellen und zu fotografieren. Er erzählte, dass er davon träumte, eines besseren Tages in einem komplett von Mauern umgebenen Haus zu leben, damit ihn niemand besuchen könnte. So erschien er mir auch in seinem Schreiben. Wir hatten es damals als Journalisten und Fotografen besser als heute. Damals haben wir entschieden, wen wir überhaupt fotografieren. Das haben wir den Redaktionen mitgeteilt und das war's. Beckett hatte ich sowieso gelesen, der war mir sehr wichtig. Ein schöner Kopf! Und seine Wohnung – geräumig und leer, bis auf seine Schreibutensilien und einige Bücher. Wobei es einen schwierigen Moment gab: Ich hatte meine Leica und ein 90-Millimeter-Objektiv mitgenommen, und mittendrin gab es ein Problem mit der Linse. So entstand auch eine leicht unscharfe Aufnahme – die ich sehr mag. Aber wenn einem bei so einer wichtigen Geschichte so etwas passiert, ist es nicht einfach, entspannt zu bleiben. 

Und mit Alexander Calder?

Den kannte mein Ex-Mann Daniel Spoerri sehr gut, das war nicht schwierig. Ich machte sehr viel mehr Aufnahmen und hielt das nicht für wichtig. Deswegen habe ich auch nicht groß aufgepasst und am Ende auch viel verloren. Calder muss damals schon ziemlich alt gewesen sein, während des Dinners ist er einfach eingeschlafen. Aber eine sehr nette Person, ein tolles Atelier – das absolute Chaos!

Marcel Duchamp?

Sein Gesicht veränderte sich während des Fotografierens ständing, sehr interessant. Und auch in seinen späteren Jahren war unschwer zu erkennen, warum er als junger Mann ziemlichen Erfolg bei den Frauen hatte. Großartiges Gesicht!

Ionescu?

Den habe ich mal in Darmstadt getroffen – großartiger typ: sehr jovial und extrem betrunken. Na ja, nett betrunken.

Norman Mailer? 

Der charmanteste von allen, wie der einem die Tür geöffnet hat. Ich war eine junge Frau, damals ... Ohne Worte. Tolle Aura.

Jonas Mekas?

Nun ja, ich bin damals nach New York gegangen, ohne Englisch zu sprechen. Also haben die Leute vor meiner Nase kleine Theaterstücke vorgeführt, um mich zu unterhalten. Mekas hat dann mit seiner Kamera und seinen Requisiten herumgespielt, das war ziemlich lustig. Er lebte damals im Chelsea Hotel, in nur einem Zimmer. Ziemlich eng, mit all seinen Sachen ... mit Andy Warhol war es dann später ähnlich, der hat gleich drei verschiedene Persönlichkeiten für mich inszeniert.

Meret Oppenheim?

Die Pelztasse – das ist, wer sie wirklich ist.

Niki de St. Phalle? 

Die kenne ich von den Künstlerinnen mit am besten. Und Eva Aeppli. Haben Sie die eigentlich auch auf der Liste? Die ist in vielen Museen, Jean Tinguelys erste Frau. Nette Anekdote: Als sie sich von Jean trennen wollte, hat Eva ihn quasi mit Niki verkuppelt. Die wiederum hat Eva mit ihrem Anwalt Samuel Mercer zusammengebracht, das hat alles ganz wundervoll funktioniert.

Und Jean Tinguely selbst?

Mein Mann hatte mir damals in Paris meine erste Kamera geschenkt. Eine billige 6x4-Yashica, falls Sie sich für die technischen Details interessieren – ein wichtiges Detail, übrigens. Schließlich muss man das ja auch lernen. Und obwohl Tinguely eigentlich eigene Fotografen hatte, brauche er ständig Fotos, so hatte ich ihn eines Tages vor der Linse. Tinguely war eine starke Persönlichkeit, vielleicht manchmal ein wenig zu stark. Immer darum bemüht, seine Ideen durchzusetzen, was ihm ja auch gelang. Ähnelte er seinen Arbeiten? Eher nicht: Er war stabiler als seine Maschinen.

Andy Warhol? 

Wie ich schon sagte, kam ich da quasi sprachlos an – nicht, dass da ein Problem gewesen wäre. Damit habe ich nie Probleme gehabt, obwohl mir das Reden nicht leicht fällt. Mir liegt nichts daran, große Ideen zu kommunizieren – ich betrachte lieber. Eines Tages habe ich trotzdem – und das ohne Auftrag – einen Termin gemacht und bin in der Factory aufgetaucht. Da hat er für mich ein Interview mit Brigid Berlin sozusagen inszeniert. Es war dabei so dunkel, dass ich mit 6400 ASA gearbeitet habe, weswegen die Aufnahmen auch grobkörnig wurden. Im Raum nebenan – der nur unzureichend abgetrennt war – waren währenddessen vier Beine zu sehen, offensichtlich von Leuten, die gerade leidenschaftlichen Sex hatten. Wahrscheinlich extra, um mich zu schockieren. Ich habe einfach so getan, als bekäme ich es nicht mit. Was übrigens seine "Superstars" angeht – viele sind dann ja später doch nicht so berühmt geworden. 

Vera Mercer. Particular Portraits

Matthias Harder (Hrsg.): . Texte in Deutsch und Englisch. Distanz Verlag, 152 Seiten, 22 SW- und 39 farbige Abb., 39,90 Euro

Am 15. September um 18.30 Uhr präsentiert die Fotografin ihr Buch in der Berliner Bar Babette, Karl-Marx-Allee 36,
http://www.veramercer.com/about.html