Taryn Simon - Berlin

Das finstere Gesicht unserer Welt

Die US-Konzeptkünstlerin Taryn Simon besticht einmal mehr durch das Ergebnis ihrer fotografischen Langzeitrecherchen. In der Neuen Nationalgalerie in Berlin stellt sie unter dem Titel "A Living Man Declared Dead" ihren neuesten Fotozyklus vor. Eine Porträterzählung in 18 Kapiteln über das mögliche Verhängnis von ererbten Eigenschaften.

Fallstudie I: Albinos werden in Tansania nach wie vor von Menschenjägern verfolgt, weil der Volksglaube ihnen beziehungsweise ihren einzelnen Körperteilen Zauberkräfte zuspricht. Fallstudie II: Die 1859 zu Jagdzwecken in Australien eingeführten und explosionsartig vermehrten europäischen Kaninchen sollen durch todbringende Viren in dem weiteren Wachstum ihrer Population eingedämmt werden, erweisen sich aber zunehmend als resistent.

Fallstudie III: Ein Mann in Indien stellt bei einer öffentlichen Grundbucheintragung zu seinem Schrecken fest, dass er selbst sowie seine beiden Brüder aus Habgier der Erbverwandten längst für tot erklärt wurden. Dies sind nur drei der insgesamt 18 Kapitel zu den unheilvollen Verstrickungen innerhalb kulturell sehr verschieden ausgeprägter Gesellschaften, wie sie von der US-Künstlerin Taryn Simon über vier Jahre hinweg in fotografischer und nahezu journalistischer Sisyphusarbeit zusammengestellt worden sind. Was in aller Welt sollten aber diese außergewöhnlichen, aber in ihren Wiederholungsgeschichten ritualisierten Begebenheiten miteinander gemein haben?

Es sind jeweils Blutsbande, Stammbäume oder Erbfaktoren, die das von Taryn Simon derart katalogisierte Individuum beziehungsweise Sozialwesen in eine extreme Schieflage, an den sozialen Abgrund oder zum veritablen Ableben bringt. So schweben etwa die aufgrund eines genetischen Defekts in ihrer Pigmentbildung gestörten Albinos auf dem Land in Tansania in permanenter Todesgefahr, weil der Aberglaube ihren kannibalisch ausgeschlachteten Organen Heilwirkung zuschreibt. Oder man betrachte die für den Tempel "auserwählten" jungen Mädchen aus dem Shayaka-Clan der nepalesischen Newari-Gemeinde, die so lange als göttlich gelten, bis ihre Menstruation einsetzt und sie zu ihren Familien zurückgestoßen werden. Letztlich aber katalogisiert Taryn Simon in ihren von Texterklärungen begleiteten und mit Fußnoten untermauerten Porträtreihen eine Kriminologie, die sie in die finsteren Winkel unserer Welt geführt hat. In der Neuen Nationalgalerie sind die 18 Stammbäume mit besonderen dynastischen Vorkommnissen nun in Schaukästen vor chamoisfarbenen Grund angeordnet. Der Fall des erschlichenen Erbes von indischen Blutsverwandten verlieh der Ausstellung in Berlin ihren Titel: "A Living Man Declared Dead and other Chapters I – XVIII".

Frontal gibt Simon die von ihr in 24 Ländern aufgesuchten und mit der Großbildkamera fotografierten Genealogien wieder. Rein formal könnte man die 36-jährige New Yorkerin als streng sachliche Fotografin bezeichnen. Doch anders als der deutsche Fotograf August Sander in den zwanziger Jahren oder zehn Jahre später Walker Evans in Amerika holt Taryn nicht das Sozialtypische zum Vorschein, sondern belegt am Außerordentlichen, am Regelverstoß wider das Humane ein paradoxes Räderwerk innerhalb der globalisierten Welt. Natürlich standen auch die im 19. Jahrhundert unter oft rassistischen Gesichtspunkten betriebenen ethnischen Forschungen Pate. Mit größter Präzision, fast naturwissenschaftlicher Kälte verfolgt Simon die Blutlinien. Der unheimliche Effekt entsteht bei ihr allerdings durch das Nichtsausgesprochene, den Ellipsen zwischen den Porträts. Was nachhaltig bleibt, sind die in unserer Vorstellungskraft sich öffnenden Bilder. Imaganierte Alptraumfragen, die sich dauerhaft in unserem Gehirn einbrennen zu scheinen. Zum Beispiel: Was geschieht wirklich mit den einzelnen Waisenkindern in der Ukraine, die mit 16 Jahren zuhauf in die Kriminalität, Prostitution entlassen oder zum Selbstmord getrieben werden? Anders als so viele politisch motivierte Fotokünstler zeigt Simon nicht das nackte Elend oder will aufschrecken. Simon betreibt vielmehr kühle Aufklärungsarbeit zu den anhaltenden Irrationalismen dieses Lebens. In einem Interview unlängst erklärte sie: "Blutsverwandtschaft ist determiniert und strukturiert. Auf der anderen Seite stehen die teils brutalen Geschichten meiner Protagonisten. Das machte es für mich spannend: der Zusammenprall von externen Kräfte – Regierung, Machtgefüge, Religion, auch Landbesitz – und internen Kräften, ausgelöst durch die Vererbung."

Taryn Simon hat bereits mit ihrem Zyklus "An American Index of the Hidden and Unfamiliar" ("Ein amerikanisches Verzeichnis des Verborgenenen und Unbekannten") vor einigen Jahren die Dunkelkammern der amerikanischen Gesellschaft illuminiert. Nun schließt sich diese fast schon lexikonartige Arbeit über unheilige Blutsverwandte konsequent an ihren bisherigen Feldforschungsansatz an. Der inhumane Schrecken innerhalb verschiedener sozialer Ordnungssysteme bekommt im wahrsten Sinne des Wortes ein individualisiertes Rastergesicht. Und ähnlich wie es Klassiker der Konzeptkunst à la Joseph Kosuth vorgegeben haben, leben auch hier Bild und Text von einem wechselseitigen Spannungsverhältnis. Taryn Simon aber dreht die Schraube weiter, ist nicht zuletzt wegen ihrer subtil austarierten Ästhetik eine der herausragendsten Künstlerinnen der Gegenwart. "Meine Arbeit lebt auch von der Balance zwischen ästhetischer Konstruktion und konzeptuellem Hintergrund", erklärt sie selbst. Mit der Berliner Ausstellung aber hat Taryn Simon einen neuen Maßstab für ihre soziokulturelle Bildstudien gesetzt. Und zugleich einen Imperativ, sich die irrationalen Verhältnisse von blutsverwandten Gemeinschaften wieder und wieder vor Augen zu führen. Denn was Menschen bis heute anderen Menschen aus religiösem, ethnischem, ideologischem, neurotischem oder anderem Kollektivwahn antun, ist wahrhaftig nicht dazu angetan, von einem zivilisatorischen Fortschritt im letzten Jahrhundert zu sprechen.

Taryn Simon: "A Living Man Declared Dead and other Chapters I – XVIII“

Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 1.Januar 2012.
Der Katalog kostet 50 Euro

http://www.neue-nationalgalerie.de

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