Lewis Hine - Winterthur

Der Mahner

Das Werk des amerikanischen Fotografen und Soziologen Lewis Hine sollte für eine bessere Welt einstehen. Er wünschte sich enthusiastisch, dass sich die Amerikaner der Ungerechtigkeiten im amerikanischen Recht bewusst werden. Gleichzeitig stand er für die Überzeugung ein, dass jeder Mensch, jedes Individuum den vollen Respekt der anderen verdient.

Er war so etwas wie das Gewissen Amerikas in den ersten vier Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts. Um auf die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft aufmerksam zu machen, bediente sich Lewis Hine der Kamera.

Er fotografierte Menschen bei schwerer Arbeit, die katastrophalen Folgen der Masseneinwanderung und ausgemergelte Kinder, die zu Arbeiten herangezogen wurden, für die sie viel zu klein waren. Dazu reiste er durch die USA und besuchte Fabriken, Minen und Farmen. Seine Bilder sind längst Ikonen: der Mann, der seinen Körper in die Rundung eines Kessels spannt, um eine Schraube anzuziehen, die Arbeiter, die beim Bau des Empire State Buildings hoch oben ihr Leben aufs Spiel setzen, die großen Augen einer Mutter bei der Einwanderung. Sie wirken auch heute noch unmittelbar und intensiv. 1874 geboren, wuchs Hine in der amerikanischen Provinz von Wisconsin auf.

Die Eltern hielten sich mit einem kleinen Restaurant über Wasser. Als der Vater 1890
bei einem Unfall starb, musste Hine direkt von der High School in die Fabrik wechseln. Zehn Jahre später konnte er seine Erfahrungen in einem Soziologiestudium an der University of Chicago einordnen lernen. Das Fotografieren brachte er sich bei, als er als Lehrer die Wirklichkeit ins Schulzimmer bringen wollte. Die Kamera war eine Waffe im Kampf um eine bessere Welt, den er zumindest für sich selbst verlor: Er starb 1940 völlig verarmt an den Folgen einer Operation. Sein Werk war bereits damals ein Klassiker der engagierten Fotografie.

Das Fotomuseum Winterthur erinnert zusammen mit der Fondation Henri Cartier-Bresson in Paris und der Fundación Mapfre in Madrid mit einer Retrospektive an diesen Mahner mit der Kamera. Unter den 170 Abzügen aus den Beständen des George Eastman House International Museum of Photography and Film im amerikanischen Rochester befinden sich ikonische Werke neben solchen, die den Blick auf die unspektakulären Seiten der Gesellschaft lenken. Sie werden durch viele Werkdokumente unterstützt. Eine stille Hommage von großer Kraft.

Lewis Hine

Winterthur, Fotomuseum, 8.Juni bis 25. August 2013 , Katalog: 59 Franken, im Buchhandel 69 Franken

http://www.fotomuseum.ch/