Elfie Semotan - Krems

Moderne Lucretia

Erst stand sie vor der Kamera, dann wechselte sie dahinter. Die Fotografien der Österreicherin Elfie Semotan, die Inspiration in der klassischen Malerei findet, sind jetzt in der Kunsthalle Krems ausgestellt.

Ein Spiel mit Lichteinfall, Blickwinkel und Persönlichkeit – die Fotografien von Elfie Semotan, 1941 in Österreich geboren, bauen auf das vage Andeuten von Geschichten, die sich hinter dem Bild oder der Person auf dem Bild verbergen könnten.

Im einen Augenblick kommt sich der Betrachter wie in einem klassischen Hitchcock-Film vor, im nächsten wie auf einer buntschillernden Factory-Party von Andy Warhol in den Sechzigern und im übernächsten wie in der romantisierten Grunge- und Gothicszene der Neunziger.

Tatsächlich macht Elfie Semotan, die bis 1969 als Model tätig war und sich anschließend der Fotografie zuwandte, in ihren Werken weniger Anleihen bei Film- und Musikszene als bei der klassischen Kunst, wie ihre Ausstellung in der Kunsthalle Krems zeigt. Ihre Serie "Präraffaeliten" von 2002 etwa ist von der gleichnamigen Malergruppe des 19. Jahrhunderts inspiriert. Ein Bild der Serie zeigt eine blauäugige, sommersprossige Frau mit gelbem, zerzausten Haar und geröteten Lippen. Samtener Stoff liegt auf ihrer Haut, eine taillenhohe Hose und eine geöffnete Jacke, unter der man ihre helle Haut sieht – mit abwesendem Blick hält sie ein Messer an die halbnackte Brust und gibt eine zeitlose Version vom "Tod der Lucretia" ab. Ein anderes wiederum scheint ein düsterromantisches Madonnenabbild zu sein und ein weiteres Lilith, wie sie die verbotene Frucht in der Hand hält.

Mit eindringlichen Aufnahmen von Menschen in der ungarischen Puszta wiederum gelingt es Semotan, Persönlichkeiten, Geschichten und Orte einzufangen, die man auf der Welt nicht mehr vermuten würde. Längst vergessen und doch im tiefen Osten noch zu finden, gebieten sie Stärke, Schmerz und freudige Melancholie. Wie auch bei ihren Porträts von Künstlern in deren Ateliers, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, beweist Semotan, dass sie das, was eine Person im Inneren ausmacht, nach außen zum Vorschein zu bringen vermag. Louise Bourgeois etwa in ihrer Werkstatt in New York mit den großen, alten Fenstern und dem abgenutzten Dielenboden, erscheint zwischen ihren nackten, gesichtslosen Stoffpuppen wie eine Märchengestalt und eröffnet Einblick in ihre eigens geschaffene Welt der Fantasie.

Privat bewegt sich Semotan ebenfalls in der Kunstszene, wo sie ein System ohne Klassen vermutete. Über Helmut Lang, mit dem sie 1986 erstmals zusammenarbeitete, lernte sie ihren zweiten Mann, den deutschen Universalkünstler Martin Kippenberger (gestorben 1997), kennen. Er wie auch ihr erster Mann, der österreichische Maler Kurt Kocherscheidt, der 1992 starb, motivierten sie, ihren Sinn für Kunst weiter zu erschließen. So begann sie, selbst Abfall produkte ihrer Werke zu nutzen: Aussortierte "Wegwerffotos" werden in der Vergrößerung zu abstrakten Gebilden.

Insgesamt fällt es bei Semotans Fotografien, ob Stillleben oder Porträt, schwer, zu bestimmen, in welche Zeit das jeweilige Werk einzuordnen ist. Häufig glaubt man, es sei einige Jahre oder Jahrzehnte früher entstanden und manchmal später als tatsächlich. Ihre Werke ordnen sich nicht der Mode unter, selbst wenn sie Modefotografie für die "Vogue" oder "Harper´s Bazar" sind, sondern kreieren Mode mit, in der die Frau nicht der Mode unterwürfig, sondern deren Herrin ist.

Elfie Semotan

bis 6. Oktober, Kunsthalle Krems,
Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Walther König erschienen und kostet 24,90 Euro
http://www.kunsthalle.at/de/kunsthalle-krems/ausstellungen/elfie-semotan