Fotobiennale Houston - Texas

Speeddating in Texas

Unter dem Motto "Views from Inside" widmet sich die Fotobiennale in Houston dieses Jahr der Fotokunst des Orients. Mit 30 Ausstellungen sollen die schlechten Vibes zwischen Amerika und der arabischen Welt ausgetrieben werden.

Die Erde hat einen Namen. Wann immer die menschliche Zivilisation aus dem Weltall angesprochen wird, ertönt der Name einer amerikanischen Stadt – so wie damals, beim größten Pannenruf der Geschichte: "Houston, wir haben ein Problem!"

Houston, Hauptstadt von Texas, ist nach wie vor Sitz der NASA und von Mission Control. Doch das ist längst nicht alles in einer Metropole, die als kulturlos, öde und hässlich verschrien ist, eine Stadt zwischen betonierten Brachen, Autobahnüberführungen und Ölförderanlagen.

Alle zwei Jahre wird Houston zum Mittelpunkt der Fotowelt. Dann findet die Fotobiennale von Houston statt, das wichtigste Event dieser Art in Amerika. "Es gibt inzwischen eine Menge Festivals auf der Welt, doch wir sind immer noch das Original", knurrt Fred Baldwin, der Vater des Fotofests, abends beim Bier im Hotel. Ein mittlerweile 83-Jähriger, groß und gradlinig, aus einer Zeit, als Fotojournalismus noch mit humanitärem Engagement verbunden war. "Politisch korrekt geht es aber bei uns nicht zu", sagt Baldwin. "Wir sind keine Ausstellung. Wir sind eine subversive Organisation."

Um das zu überprüfen, reisen alle zwei Jahre Mitte März Hunderte von Fotokünstlern aus der ganzen Welt an. Manche hoffen, dass sich dadurch ihr Leben verändert.

Jay Sullivan, zum Beispiel. Als er fünf Jahre alt war, erkrankte sein Vater an einer depressiven Schizophrenie. Sie katapultierte den super-erfolgreichen IBM-Verkäufer von einem Tag auf den anderen in den Abgrund. Am Ende starb er als Obdachloser auf der Straße. Der Sohn, Jay Sullivan, 55, macht nun Fotos von den wenigen Besitztümern seines Vaters: ein Rasierapparat, ein Baseballhandschuh, eine Zahnpastatube – alles, was was geblieben ist, manches kauft er sich auch dazu. Eine Beschwörungskunst, die fast magisch ist, mit beinahe hyperrealistischen Bildern aus seiner digitalen Hasselblatt. So ruft er den den abwesenden Vater wieder herbei: "Ich versuche, über die Fotografie einen Menschen zu lieben, den ich nie hatte."

Der Künstler Jay Sullivan ist schon am frühen Morgen mit feuchten Haaren im Frühstücksraum unterwegs, nervös und auch ein wenig freudig sieht er den Disputationen entgegen, die jetzt über sein Werk und das seiner Kollegen gehalten werden. Sullivan hat im letzten Jahr seine Firma verkauft, er will nun den Durchbruch und die Anerkennung als Künstler. "Die Atmosphäre während des Fotofests ist wie nirgendwo sonst", sagen Teilnehmer beim Kaffee. Da hagelt es Kritik, werden Werkmappen auf lange Tische gehievt und Fotografien mit einer Intensität betrachtet, als stehe man vor einem Seziertisch.

"Speeddating für Fotografen" könnte man das nennen, was sich da alle zwei Jahre im Doubletree Hotel abspielt, einem etwas abgewohnten Kasten in Downtown Houston, in dem alle Teilnehmer auf engstem Raum untergebracht sind. Die Künstler zahlen für ihre Teilnahme viel Geld, rund 800 Dollar plus Reisekosten. Sie stoßen hier auf so genannte "Berichter": Galeristen, Hochschullehrer, etablierte Fotojournalisten, Kuratoren, die professionelle Einschätzungen abgeben. Rund 500 Fotografen suchen nach Tipps, Impulsen, Ausstellungs- und Publikationsmöglichkeiten, einem Buchprojekt vielleicht – während die Berichterstatter auf andere Art auf ihre Kosten kommen: Sie schöpfen aus den gesehenen, frischen Werken Inspiration. Der britische "Guardian" etwa schickt etwa eine Bildjournalistin, die eine Reportage aus Brasilien über Transgenderpraktiken bestellt und auch ein arabisches Thema gleich mitbringt.

Schon merkwürdig, dass dieser ganze Betrieb auf Picasso zurückgeht. Erzählt zumindest Frank Baldwin. Der große, weißhaarige Mann mit der blauen Baseballkappe hat das Festival 1983 ins Leben gerufen – gemeinsam mit seiner Partnerin Wendy Watrass, einer erfolgreichen Fotografin der New York Times, mit der er noch heute zusammenlebt.

"Als junger Mann wollte ich unbedingt Picasso besuchen, der war für mich so eine Art eine Vaterfigur", sagt Baldwin. Picasso, der Besuch hasste, lehnte immer wieder ab. Eines Tages konnte er aber dem Werben des damals 20-jährigen Fotogafen nicht widerstehen. Das größte Künstlergenie des letzten Jahrhunderts behielt den jungen Baldwin einen ganzen Tag bei sich, der durfte fotografieren, was er wollte. "Da habe ich begriffen: alles ist möglich, wenn man mit der Kamera seine Angst überwindet." Baldwin wurde Kriegsreporter, erhielt das Purple Heart im Koreakrieg, fotografierte den Kampf der Bürgerrechtsbewegung und saß jeden Nachmittag mit Martin Luther King zusammen. Am Ende stand die Erfindung des Fotofests, für das er sich immer noch restlos einsetzt, ganze Wochen in Flugzeugen verbringt, um Themen, Künstler und Kunstwerke zu recherchieren – vielleicht aus Altersgründen zum letzten Mal.

Im März werden üppige Ausstellungen in rund 30 Galerien in Houston eröffnet, Diskussionsforen abgehalten, die größte Fotobörse der Welt – nicht etwa in Museen, sondern in Funktionsräumen wie Bürohäusern, Lagerhallen und Bürotürmen rund um die Silver Street, die Spring Street und den Williamstower. Das renommierte Houston Museum of Fine Arts beteiligt sich daran nur logistisch.
Die Ausstellungen sind jeweils einem Gastland gewidmet. Im Fokus diesmal: arabische Fotokunst. Die hat es nicht leicht in Amerika, jeder weiß, wie nach 9/11 die Sympathie für die arabische Kultur (sofern es sie je gegeben hat) plötzlich ins Bodenlose versank. In diesem Jahr scheint es, als wolle das Fotofest das Gegenteil beweisen: Amerika feiert mit enormem Zuspruch diese Schau arabischer Gegenwartskunst, die übrigens von einer Deutschen, Karin Adrian von Roques, kuratiert wurde.

Da sieht man Erstaunliches: Angelina Jolie zum Beispiel – kaum zu erkennen, denn die Schauspielerin trägt Schleier. Dieselben Lippen, der ruhige leicht schattierte Blick. Nur verwandelt sie sich dank des simplen Kopftuchs zur Orientalin. Ganz mühelos und wie selbstverständlich. Doch würde man dieser Frau so unbefangen und freundlich begegnen wie ohne Kopftuch? "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" So fragte Klaus Staeck einmal mit Blick auf das Porträt von Dürers Mutter. Hier soll man sich fragen: Würden Sie dieser Araberin vertrauen?

In Houston tragen auch Salma Hayek und Scarlett Johannson orientalische Kopfbedeckungen und sind nur noch mit Mühe unserem Kulturkreis zuzurechnen. Kann ein winziges Stückchen Stoff dazu herhalten, Identitäten und Persönlichkeiten zu konstruieren? Genügt ein Accessoire, um scheinbar festzulegen, wer woher stammt und wie er wahrscheinlich denkt? Eine Menge Fragen, die der Künstler Mohammed Kanoo aus Abu Dhabi stellt.

"Wir wollen eine Plattform für das Neueste bieten, die arabische Fotografie, Video und Performance nach Amerika holen", sagt Karin Adrian von Roques, eine Expertin am Golf, die früher für Christie's gearbeitet und die Deutsche Bank beraten hat. Von arabischer Kunst wisse ja kaum jemand etwas in den USA. "Jetzt gilt es, Kunst als Information zu benutzen."

"Views from Inside" heißt das Programm, das raumgreifend in Houston präsentiert wird – und das man gerne auch mal in Deutschland sähe. So üppig und vielfältig, dass sie der dickleibige Katalog kaum wiedergeben kann: Zum Beispiel einer der Superstars der arabischen Kulturszene, der Saudi Abdulnasser Gharem. Er thematisiert das abgründig zerrüttete Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien nach 9/11 auf seinen verfremdeten, bemalten Leinwänden, indem er Soldaten in Moscheen auftreten lässt. Oder die digitalisierten Fotomontagen des Syrers Tammam Azzam, der die zerstörten Häuserfronten in seiner Heimat des Krieges mit Klimts "Der Kuss" überblendet.

Entstanden ist in Houston ein kaum noch konsumierbarer "Lagebericht" zur arabischen Kunst. Eines der dicksten Pakete, die jemals geschnürt wurden, eine Leistungsschau mit 49 Künstlern und rund 700 Werken. Besonders intensiv geht es um Saudi-Arabien, dessen vibrierende Kunstszene vor sechs, sieben Jahren kaum noch existierte. Ein Land, das mit Houston übrigens ohnehin sehr eng verbunden ist, denn seit 80 Jahren liefert Riad als treuester Freund westlicher Interessen das Öl, das in texanischen Raffinerien aufgearbeitet wird.

Saudische Künstler erzielen heute Höchstpreise, ihr Wert hat sich in wenigen Jahren verhundertfacht. Doch gegenüber dem Öl zeigen sie sich erstaunlich kritisch: Ahmed Mater prangert die Umweltsünden in seiner Heimat an, die Entseelung und den Kapitalismus, der aus der einstmals heiligen Stadt Mekka einen Un-Ort aus Werbung, Kommerz und Geldschneiderei gemacht hat.

Der Brite Steven Stapleton, Gründer und Entdecker der Künstlergruppe "Edge of Arabia", möchte als Gegengift zur generellen Ignoranz zu einem "Road Trip" starten, einer Tour junger saudischer Künstler, die in Houston beginnt und in Neuengland endet.

Vorher aber will Abdulnasser Gharem die schlechten Vibes zwischen Amerika und der arabischen Welt durch magische Kunst beseitigen: In der berühmten Rothko Chapel – jenem düsteren multikulti-multireligiös-superliberalen Meditationsraum in einer Parkgegend in Houston, den der Maler Mark Rothko 1970 schuf, kurz vor seinem Selbstmord. Zwölf Tafeln umfangen im Inneren der Kapelle den Betrachter in dunklen Schwarz- und Schiefertönen, der Bau strahlt eine bemerkenswerte Depressivität aus. Abdulnasser Gharem, der übrigens mit einem Attentäter von 9/11 zur Schule gegangen ist, möchte die bizarre Rothko Chapel auf eine bittere Weise zum Leuchten bringen. Der Künstler wird in Houston zum Exorzisten.

Fotobiennale Houston

"View from inside", Houston, Texas, bis 27. April

Der Katalog ist im Verlag Shilt Publishing erschienen. Er kostet $43.80.

http://2014biennial.fotofest.org/