Andrea Gjestvang - Hannover

Zeugnisse eines Traumas

Weiterleben – die in Berlin und Oslo lebende Fotografin Andrea Gjestvang ließ in ihrer Fotoserie "One Day in History" die Überlebenden des Attentats auf der Insel Utoya in Norwegen 2011 selbst zu Wort kommen.
Erschütternde Einsichten:Andrea Gjestvang auf Lumix Festival ausgezeichnet

"Ich trage meine Narben mit Würde, weil sie für etwas stehen, woran ich glaube", sagte die 15-jährige Ylva Helen Schwenke aus Tromso. Sie erlitt mehrere Schusswunden an Schulter, Bauch und den Oberschenkeln. Andrea Gjestvang: aus der Fotoserie "One Day in History"

Auf dem Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover erhielt die norwegische Fotografin Andrea Gjestvang eine "Lobende Erwähnung" und den "Publikumspreis" für ihre Arbeit "One Day in History". Die 33-Jährige fotografierte Jugendliche, die im Juli 2011 den Anschlag auf der Insel Utoya überlebt haben. 69 junge Menschen kamen ums Leben, über 500 trugen zum Teil schwere Verletzungen davon. Auf den berührenden Porträts zeigen sie sich in privaten Umgebungen, zum Teil mit ihren Verletzungen. Sechs Fragen an die Fotografin:

Was macht für Sie ein gutes Porträt aus?

Ein gutes Porträt sollte eine neue Seite von einer Person zeigen. Etwas, das man nicht kennt, das überraschend ist und die Neugier des Betrachters weckt. Es soll die Person zeigen, aber etwas mehr sein als nur der Mensch von außen, größer als der Mensch an sich. Ich mag es, wenn in einem Bild etwas ist, das nicht greifbar ist, mich aber neugierig macht.

Warum hat Sie das Thema Utoya besonders interessiert? Hatten Sie eine persönliche Beziehung zu Utoya und dem Anschlag?

Ich hatte keine persönliche Beziehung zu dem Ort und war noch nie dort. Am 22. Juli habe ich in Oslo im Regierungsviertel gearbeitet. In der Redaktion von VG Helg, einem Wochenmagazin. Die Bombe hat das Haus zerstört und wir wurden alle evakuiert. Ich war mittendrin, aber niemand von meinen Kollegen wurde verletzt. Ich habe sehr viel Angst gehabt.

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen aus?

Es war eine gute Zusammenarbeit. Ich habe versucht, es so angenehm wie möglich zu machen. Die Jugendlichen waren in einer verletzlichen Situation. Ich habe auf ihre Bedürfnisse geachtet. Sie haben immer die Grenzen gezogen. Obwohl ich als Fotografin genau weiß, was ich will, musste ich viel Rücksicht nehmen, und das hat gut geklappt. Der Text ist in ihren eigenen Worten geschrieben, das ist ihre Stimme, zu 100 Prozent. Das Bild zeigt meine Sicht auf die Situation. Ich habe den Jugendlichen vorab Bilder gezeigt, aber selbst die Auswahl getroffen.

Welche Stimmungen haben Sie bei den Jugendlichen vorgefunden?

Das war sehr unterschiedlich. Da war sehr viel Trauer und auch gemischte Gefühle. Viele waren Hoffnungslos. Andere haben stark nach vorne geschaut und sind dadurch weiter gekommen. Viele hatten das Gefühl, dass die Außenwelt von ihnen erwartet, dass sie nicht in der Trauer verharren. Wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen konnten, schämten sie sich. Alle hatten einen ernsten Zug im Gesicht, der noch nicht verschwunden war. Aber das bleibt bestimmt nicht so, die Aufnahme liegt nun schon eine Weile zurück.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrer Arbeit und Kriegsfotografie?

Die Opfer tragen die Konsequenzen vom Krieg. Klar, es gibt einen Zusammenhang. Meine Arbeit zeigt, was passieren kann: im Krieg, im Terrorismus, bei Gewaltausbrüchen. Die Opfer müssen damit leben. Aber es ist anders fotografiert. Kriegsfotografie im klassischen Sinne hat eine andere Wirkung.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bin noch in der Recherche für neue Projekte und möchte noch nicht die Themen verraten. Aber an "One day in History" habe ich erlebt, wie ich als Fotografin eine Geschichte erzählen und Menschen berühren kann. So will ich weiter arbeiten.

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