Khalik Allah - New York

Die Unschuld der Schuldigen

Er rahmt Dealer, Mörder und Junkies mit seiner Kamera, um ihnen ihre Schönheit zurückzugeben. art sprach mit Khalik Allah über die Bedeutung seiner Fotografie, der er nachts in den düstersten und berüchtigsten Ecken New Yorks nachgeht, sowie über das Erwecken von mental Toten, Gott, die Liebe und die Welt.
Menschen rahmen:Interview mit New Yorker Fotograf Khalik Allah

Fotograf Khalik Allah in New York

art: Der Slogan Ihrer Facebookseite lautet "Framing the Innocent". Könnten Sie das bitte erläutern?

Khalik Allah: "To frame somebody" hat eine gewisse Doppelbedeutung. Man kann jemandem etwas anhängen und ihn als Schuldigen darstellen, um sein eigenes schlechtes Gewissen zu kompensieren. Das ist die eine Seite. Aber in meiner Fotografie geht es um Umdeutung. Ich wandele etwas ins Positive um. Ich rahme Menschen mit meiner Kamera ein. Ich rahme sie mit den vier Seiten eines Vierecks ein, mit einem Bild.

Viele Menschen auf meinen Fotos sind Ex-Häftlinge, Kriminelle und Crackheads. Menschen, die die Gesellschaft in der Regel für schuldig hält. Aber ich sehe sie anders. Ich taufe sie mit Licht. Ich zeige sie so, dass all ihre Gewissensbisse von ihnen abfallen. Deshalb fotografiere ich jeden Menschen – Kriminelle, Mörder, Drogendealer, Drogensüchtige, die härtesten Typen in New York. Aber vor meiner Kamera sind sie alle unschuldig. Ich behandele alle gleichwertig.

Was sollen Ihre Bilder ausdrücken?

Meine Bilder sind bedeutungslos. Wie alles in dieser Welt. Denn wir reagieren auf nichts direkt. Wir reagieren nur auf unsere Interpretation der Dinge. Wenn jemand zu dir sagt "Fick dich!", und du dich darüber aufregst, dann reagierst du auf deine Interpretation von "Fick dich". Du könntest aus dem "Fick dich" ja auch ein "Ich liebe dich" machen. Und dann reagiertest du darauf wie auf ein Geschenk.

Aus "Fick dich" ein "Ich liebe dich" machen – wie soll das gehen?

Die Kraft dazu steckt in jedem selbst. Wir alle haben diese Kraft, wir nutzen sie oft nur nicht. Aber wenn ich sage, dass meine Bilder bedeutungslos sind, dann meine ich, dass es im Auge des Betrachters liegt, was sie für ihn bedeuten. Ich fotografiere nachts, und die Nacht an sich ist eine mysteriöse Tageszeit. Die Sicht ist verschleiert. Ich könnte dir zwar sagen, was meine Bilder bedeuten sollen. Aber für jemand anders bedeuten sie vielleicht etwas anderes. Ich möchte keine bestimmte Bedeutung erzwingen. Mir geht es darum, Menschen zum Leben zu erwecken. Dazu begebe ich mich unter die Toten. Und mit "Toten" meine ich Menschen, die mental tot sind. Menschen, die auf Drogen sind, Menschen, die von der Gesellschaft für Penner gehalten werden. Ich zeige, dass diese Menschen schön sind, egal, wie sie aussehen oder was sie getan haben. Ich möchte das Göttliche und das Licht in ihnen zeigen.

Und wie machen Sie das, Menschen "zum Leben zu erwecken"?

Indem ich ihnen ein anderes Bild von sich zeige. Die meisten Menschen, die auf Drogen oder in einem Strudel der Negativität gefangen sind, haben oft ein sehr kleines Selbstwertgefühl. Viele sind ohne Vater aufgewachsen oder ganz ohne Eltern. Sie wachsen mit einer gequälten Seele auf und verfügen weder über Selbstachtung noch über Selbstliebe. Aber ich sage ich ihnen: "Yo, du bist schön! Lass mich ein Foto von dir machen." Ich sorge dafür, dass die Bilder schön werden, egal, wie die Menschen aussehen. Später zeige ich ihnen die Bilder und damit, wie ich sie sehe. Und das gibt ihnen eine neue Sicht von sich.

Als ich Ihre Fotos zum ersten Mal sah, empfand ich beim Ansehen der Bilder teilweise eine gewisse Scham, als würden die Menschen auf Ihren Bildern bloßgestellt werden. Können Sie das nachvollziehen?

Ich glaube, mit diesem Gefühl sind Sie nicht allein. Schließlich sind meine Bilder sehr intim. Aber mir geht es darum, den Betrachter dorthin zu führen, wo er selbst sonst nie hinkommt. Der Betrachter sieht die Bilder vielleicht auf meiner Facebook- oder Tumblrseite, aber beim Ansehen der Bilder ist es fast so, als wäre er mit mir vor Ort und sähe diese Menschen, wie sie sich vor meiner Kamera entblößen. Sie sind in diesem Moment absolut verletzlich. Aber sie vertrauen mir auch. Und dieses Vertrauen kommt daher, dass sie wissen, dass ich ihre Geschichte richtig erzähle.

Für Sie hat das also nichts mit Voyeurismus oder Exhibitionismus zu tun?

Diese Worte haben eine gewisse Konnotation, die ich in meine Arbeit eigentlich nicht einbeziehen möchte. Für mich ist Fotografie eine spirituelle Angelegenheit. Ich arbeite mit Licht, damit, wie Licht von Menschen reflektiert wird, aber auch mit dem Licht, das die Menschen von sich aus ausstrahlen. Wenn Sie sich meine Bilder ansehen, schauen Sie den Menschen in die Augen. Sie werden sehen, dass aus ihren Augen Licht strahlt. Aber ich verstehe Ihre Frage. Viele Menschen kommen normalerweise nicht in Gegenden wie der Ecke 125. Straße/Lexington Avenue, haben solche Armut nie persönlich gesehen. Von daher kann es schon voyeuristisch wirken. Aber die Geschichte, die ich erzähle, die wird eben nicht in den "Channel 12 News" oder auf "News 1" gezeigt. Deshalb ist es für mich keine Ausbeutung, sondern vielmehr eine Offenbarung.

Die Hintergründe Ihrer Fotografie zu kennen, ist auf jeden Fall hilfreich, Ihre Arbeit zu verstehen.

Ja. Denn ich möchte auf keinen Fall, dass sich der Betrachter schuldig fühlt. Ich will nicht, dass die Reichen plötzlich Gewissenbisse bekommen. Oder dass meine Arbeit zu einem typischen Rassismus-Thema wird, bei dem auf einmal Mitleid empfunden wird für die Schwarzen in Harlem. Ich möchte, dass die Menschen auf meinen Bildern für schön befunden werden. Man sieht zwar, dass sie kein Geld haben, seit Tagen nichts gegessen oder getrunken haben – aber: Khalik hat sie so fotografiert, dass sie trotz allem schön aussehen. In meiner Fotografie geht es weder um Fotografie noch um Bilder. Es geht um die Verbundenheit der Herzen. Es geht darum, den Geist anzuregen. Das ist Psychologie. In meiner Fotografie geht es mehr um Psychologie als um Fotos.

In einer besseren Welt würden Menschen gar nicht erst in solche Situationen geraten.

Ja. Aber die Veränderung kommt von innen. Wir machen uns in dieser Welt ständig gegenseitig für die Situationen verantwortlich, in denen wir uns befinden. Viele Menschen erklären sich zu Opfern der Gesellschaft. Die schwarzen Amerikaner haben sehr lange den weißen Amerikanern vorgehalten, was passiert ist. Und vieles davon ist ja auch wahr, man denke nur an die Sklaverei und allem, was damit zusammenhängt. Aber das ist vorbei. Jetzt müssen wir für die Situation, in der wir uns befinden, Verantwortung übernehmen. In Wirklichkeit sind wir sogar immer auch dafür verantwortlich, was mit uns passiert. Das ganze Geheimnis der Welt ist, dass alles eins ist, dass wir eins sind. Es gibt Millionen von Fragmenten, Körpern und Menschen auf dieser Welt, aber es gibt nur einen Geist. Was auch immer passiert, tun wir uns also selbst an.

Eines Ihrer Hauptmotive ist Frenchie. Wie geht es ihm?

Ich habe Frenchie seit Monaten nicht mehr gesehen. Als ich ihn zuletzt sah, kam er gerade aus der Psychiatrie in der 135. Straße/Lexington Avenue. Wir fuhren um drei Uhr morgens mit der U-Bahn durch die Gegend. Er machte lauter verrückte Sachen, rauchte in der Bahn und so. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Vielleicht ist er im Gefängnis. Aber meistens bringt die Polizei ihn ins Krankenhaus, weil sie ihn kennt und für verrückt hält. Bei Frenchie wurde Schizophrenie sowie eine bipolare Störung diagnostiziert. Ich hoffe, dass er noch am Leben ist und es ihm gut geht. Frenchie ist ein sehr interessanter Mensch. Ich habe das Gefühl, dass wir auf eine Art und Weise miteinander verbunden sind, die jenseits von dieser Welt liegt. Als wäre es Bestimmung gewesen, dass wir einander kennenlernen, weil wir hier eine Aufgabe zu bewältigen haben, und zwar diese Fotos und Filme zu machen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, an so einer berüchtigten Ecke wie der 125. Straße/Lexington Avenue zu fotografieren?

Ich habe nach etwas gesucht, das einen Bezug zu mir hat und mich interessiert. Ich will das zeigen, was die Gesellschaft für das Schlechteste und Niederste hält. Ich will die Menschen zeigen, die keine Lobby haben. Die Entrechteten, die Armen, die Geschlagenen. Die Menschen können äußerlich arm, aber innerlich reich sein. Und das habe ich in Harlem gefunden, an der Ecke 125. Straße/Lexington Avenue. Am Anfang wurde ich noch bedroht: "Yo, nimm die Kamera aus meinem Gesicht! Wenn ich dich hier noch einmal mit der Kamera sehe, haue ich dir aufs Maul!" Aber mit Beständigkeit und Courage verdiente ich mir ihren Respekt. Spätestens als ich ihnen irgendwann sagte, dass ich ein Gott der "Five Percent Nation" bin, hatte ich ihren Respekt. Als sich herumsprach, dass dieser Fotograf ein Gott und rechtschaffen ist, dass er die Menschen respektiert und weder sie noch das Viertel ausbeutet, gab mir das unheimlich viel Glaubwürdigkeit. Bis heute.

Sie sagten mal, dass Angst sie fasziniert. Wie sind Sie mit Ihrer Angst umgegangen, als Sie anfingen, nachts an der Ecke 125. Straße/Lexington Avenue Fotos zu machen?

Angst ist nicht real. Trotzdem haben wir ständig Angst und machen uns Sorgen – über Geld, Rechnungen, Essen und Kleidung. Dabei sind diese Ängste nicht real. Ich gehe mit meiner Angst so um, dass ich sie verwerfe. Ich mache meine Fotos zwar um drei Uhr morgens in einer der härtesten Gegenden von New York, aber ich habe vor niemandem Angst, weil ich mich für unverwundbar halte. Und das meine ich ernst. Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit von so großer Bedeutung ist, von dermaßen göttlicher Natur ist und von einem so guten Teil in mir kommt, dass mir nichts Schlimmes widerfahren kann, während ich arbeite. Ich habe mitten in der Nacht mit Crackheads und bewaffneten Mördern zu tun, aber am Ende umarmen sie mich. Es ist eher umgekehrt, dass sie sogar manchmal Angst vor mir haben.

Warum das?

Weil sie mich wegen meiner Kamera vielleicht für einen Polizisten oder FBI-Agenten halten. Aber Angst ist nur der Ausdruck eines Egos, das einen Angriff für möglich hält. Und ich glaube nicht, dass ich attackiert werden kann. Jede Attacke ist eine Abwesenheit von Liebe. Also deute ich es um und verstehe den Angriff als eine Einladung zur Liebe. Ich wurde schon beschimpft und bedroht, mir wurde ins Gesicht geschrien, aber ich bleibe ruhig und sage einfach nur: "Peace!" Wenn es zu verrückt wird, dann suche ich auch schon mal das Weite, aber wenn ich diese Leute das nächste Mal sehe, spreche ich sie an und sage: "Ich weiß nicht, ob ich dir neulich zu nahe getreten bin, aber meine Intention war positiv." Dann zeige ich ihnen meine Bilder, und darüber kommen wir ins Gespräch. Angst ist ein Hindernis, das viele Menschen daran hindert, weiterzukommen im Leben. Angst ist wie eine Wolke. Eine Wolke kann nichts in sich halten, nicht mal einen Knopf, er fällt einfach durch sie hindurch. Dasselbe gilt für die Angst. In der Sekunde, in der du sie überwindest, ist sie verschwunden und wow – alles, was bleibt, ist Liebe.

Khalik Allah

Khalik Allah ist ein junger Fotograf aus Long Island. Während er tagsüber in einem Fernsehstudio arbeitet, fotografiert er nachts auf den Straßen von Harlem, New York, Obdachlose, Drogensüchtige und Kriminelle. Sein Werkzeug besteht aus einer analogen Kamera, einer Nikon F2, einem Nikkor-55mm-Objektiv und Portra 160 als Film, der normalerweise nur für Tageslicht vorgesehen ist. Aber Khalik Allah schießt seine Fotos sogar ohne jeden Blitz, noch dazu mit offener Blende (1.2). Er greift lediglich auf das spärliche Licht der Schaufenster, Straßenlaternen und Scheinwerfer der Autos zurück. So hebt sich der 28-Jährige von anderen Fotografen erklärtermaßen ab. Darüber hinaus dreht er Dokumentarfilme und Musikvideos, nicht zuletzt für Künstler aus dem Dunstkreis des Wu-Tang Clan.

Sein eigentümlich anmutender Name hat seinen Ursprung in der schwarznationalistischen "Five Percent Nation", auch bekannt als "Nation of Gods & Earths". Hervorgegangen aus der "Nation of Islam", der einst Malcolm X oder Muhammad Ali angehörten, feiert die "Five Percent Nation" in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Die afroamerikanische gesellschaftlich-religiöse Bewegung unterteilt die Menschheit in drei Gruppen: 85 Prozent sind diejenigen, die der Wahrheit blind gegenüber sind, 10 Prozent sind diejenigen, die die Wahrheit verstehen und dadurch die 85 Prozent ausnutzen, und 5 Prozent sind die Wissenden, die die 85 Prozent befreien wollen.

Khalik Allah fand im Alter von 14 Jahren zu den "Five Percentern", in einer Phase, in der er gerade auf die schiefe Bahn zu geraten drohte. Die "Götternation", die besonders in der US-amerikanischen HipHop-Szene beliebt ist, gab ihm den nötigen Halt. Bis heute bildet sie sein Fundament, auch wenn er inzwischen keinen Unterschied mehr zwischen den Hautfarben von Menschen macht.