Interview William Eggleston

Hohelied des Alltags

Schon früh begriff er Farbfotografie als künstlerisches Medium: William Eggleston zeigt den amerikanischen Alltag in leuchtenden Farben. Sein Blick für das scheinbar Nebensächliche prägte eine ganze Generation von Fotografen. Unser Autorin Claudia Bodin besuchte den heute 77-jährigen Künstler 2009 in Memphis und sprach mit ihm über Fotografie als Kunst, Musik und seine Waffensammlung. Aktuell werden Egglestons Bilder bei David Zwirner in New York gezeigt.
Hohelied des Alltags:Münchner Retrospektive von William Eggleston

William Eggleston: "Untitled from The Democratic Forest", 1983-1986

Er hat noch nie allzu gern über seine Arbeit gesprochen. Anekdoten über seine Liebschaften, über bizarre Auftritte in Uniformen, über seine Vorliebe für Bourbon und Waffen und die legendären Roadtrips, die er mit Freunden wie Dennis Hopper machte, ließen William Eggleston zu einem Mythos werden. Filmemacher und Fotografen prägte der egozentrische Südstaatler mit seiner Ästhetik wie kaum ein anderer.

Mit seiner Auffassung, dass jedes Motiv abbildungswürdig ist, revolutionierte er in den siebziger Jahren die zeitgenössische Fotografie und machte die bis dahin als vulgär geltenden Farbaufnahmen salonfähig. art-Korrespondentin Claudia Bodin traf den damals 69-Jährigen 2009 in seiner tristen Heimatstadt Memphis, die außer Elvis und Eggleston nicht viel hervorgebracht hat. Zwischen ausgedehnten Rauchpausen auf den Stufen zum Eingang, in dem der "Eggleston Artistic Trust" zu Hause ist, klärte der Künstler ein paar Missverständnisse auf und zeigte unveröffentlichte Fotos und Zeichnungen.

Herr Eggleston, wann ist ein Foto Kunst?

William Eggleston: Man weiß es einfach, wenn man ein Bild sieht. Vieles, was ich von jungen Kollegen zugeschickt bekomme, ist keine Kunst. Es handelt sich um nicht besonders interessante Experimente.

Welche zeitgenössischen Fotografen gefallen Ihnen?

Vor Manfred Willmann und Martin Parr habe ich großen Respekt. Ich bewundere Nan Goldin, denn sie hat den Mut und die Stärke, die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Jürgen Teller ist ein guter Freund. Als er mir seine Bücher schickte, dachte ich allerdings: Was zur Hölle ist das denn? Seine Arbeit verkörpert genau das, was ich nicht mache. Wir beide tun auch gar nicht so, als ob wir eine Arbeitsbeziehung hätten. Wir ­verbringen gern Zeit miteinander.

Jürgen Teller hat einmal gesagt, dass er Ihre absolute Freiheit bewundert und dass Sie sich nicht im Geringsten darum scheren, was andere von Ihnen denken.

Damit hat er Recht.

Woher kommt diese Unabhängigkeit?

Darüber habe ich niemals nachgedacht, ich habe sie mir einfach genommen. In Sachen Kunst und Fotografie war ich hier im Süden isoliert. Dies ist ein weites, flaches Land ohne jegliche Ablenkung. Ich bin auf der Baumwollplantage meiner Großeltern aufgewachsen, der nächste Nachbar war 24 Kilometer entfernt.

Sie haben den Ruf, die Ideen Ihrer Auftraggeber stoisch zu ignorieren. Als das "Rolling Stone"-Magazin Sie 1976 fragte, den Wahlkampf von Jimmy Carter zu verfolgen, machten Sie Landschaftsaufnahmen, auf denen Carter nicht ein Mal zu sehen war.

Meine Haltung hat mir nie Probleme bereitet. Ich habe einfach für mich weiter gearbeitet und nie wieder etwas vom "Rolling Stone" gehört.

Über die Bilder aus dem Haus des gestorbenen Elvis für eine Broschüre war man nicht allzu glücklich.

Priscilla Presley gefielen sie. Sie hatte mir den Auftrag erteilt, was mich überraschte. Denn ich hatte erwartet, dass sie meine Bilder hassen würde. Graceland ist ein furchtbar deprimierender Ort. Ich arbeitete nachts, nachdem das Haus für Besucher geschlossen war, und überlegte stundenlang, wie ich fotografieren sollte. Es gab dort nichts Geschmackvolles.

Das Gewöhnliche hatten Sie doch zu Ihrem Fachgebiet erklärt.

Als ich mich bei meinem Freund, dem Maler Tom Young, beklagte, dass uns so viel Hässliches umgibt, gab er mir den Rat, genau das zu fotografieren.

Im Katalog zu Ihrer Retrospektive "Democratic Camera" offenbaren Sie eine bislang unbekannte Seite. Sie zeigen erstmalig Ihre Filzstiftzeichnungen.

Seitdem ich vier Jahre alt bin, mache ich abstrakte Zeichnungen. Neben aktuellen Fotos aus Paris, an denen ich seit drei Jahren arbeite, werde ich mit der Fondation Cartier eine Auswahl ausstellen. Ob die Bilder den Leuten gefallen werden, ist mir egal. Ich fand es schon immer spaßig, dass die meisten meine Arbeit missverstehen.

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"Kandinsky ist mein Lieblingskünstler"

Ihre erste große Soloausstellung im Museum of Modern Art 1976 sorgte für einen Aufschrei der Empörung.

Damals brachten Sie die für die Werbung vorbehaltene Farbfotografie in ein Museum und zeigten alltägliche Dinge und Szenen aus Ihrer Heimat, dem Mississippi Delta. Fünf Jahre hatte es gedauert, bis der damalige Fotografie-Kurator John Szarkowski den Vorstand des Museums von der Ausstellung überzeugen konnte. Die Kritiker hassten die Bilder. Ich empfand sie alles andere als radikal, dachte nicht weiter über die Kritiken nach und arbeitete weiter.

Was hat Sie dazu bewegt, in Farbe zu arbeiten?

Das war in den sechziger Jahren, als sich die Qualität durch das Dye-Transfer-Verfahren, bei dem man die Farben einzeln kontrollieren und Kontraste verändern konnte, verbessert hatte. Ich erinnere mich noch, dass ich einen Freund in einem Fotolabor ­besuchte, in dem Farbschnappschüsse von privaten Hobbyfotografen aus der Entwicklungsmaschine kamen. Die Fotos haben mich sehr ­beeindruckt. Später tauschte ich mich in New York mit befreundeten Künst­lern wie Diane Arbus, Lee Fried­lander und Garry Winogrand aus. Auch wenn sie in Schwarz-Weiß arbeiteten, hatten wir ähnliche Gedanken zur Fotografie. Wir waren anders als das, was damals unter Kunst-Fotografie verstanden wurde wie zum Beispiel die Naturaufnahmen von Ansel Adams.

Überrascht es Sie, dass sich heute Filmemacher wie David Lynch, Gus Van Sant oder Sofia Coppola in ihren Arbeiten auf Sie beziehen?

Es macht mich glücklich. David Lynch interessiert sich wie ich sehr für Musik. Wir wollen gemeinsam etwas aufnehmen, wahrscheinlich am elektronischen Keyboard.

Wie arbeiten Sie heute im Vergleich zu früher?

Mein Sohn Winston betreut das Archiv. Meine Hauptgalerie Cheim & Reid sitzt in New York. Mein alter Freund Caldecott Chubb sagt mir, dass ich zu viel Geld ausgebe und passt auf, dass ich nicht wieder vergesse, Steuern zu zahlen. Bei meinen Aufenthalten in Paris habe ich einen Fahrer und einen Übersetzer. Wir fahren herum, ich plane nichts. Warum ich anhalte, um ein Bild zu machen, kann ich nicht erklären. Von jedem Motiv mache ich wie früher nur eine Aufnahme.

Sie lassen sich nicht davon beeinflussen, dass sich die Welt und das Tempo verändert haben?

Das ist das Problem der Welt.

Wer trifft die Auswahl der Bilder?

Für mich sind alle Bilder gleichwertig. Ich habe keine Lieblingsmotive. Die Auswahl überlasse ich Kuratoren, die ich seit Jahren kenne und denen ich vollkommen vertraue. Wenn ich einen Ferrari hätte, würde ich ihn ja auch nicht selbst reparieren.

Beeinflusst es Sie bei der Komposition Ihrer Bilder, dass Sie für eine kurze Zeit Malerei studiert haben?

Höchstens unbewusst. Ich habe niemals ein Foto gemacht, das sich an Rothko anlehnte. Kandinsky ist mein Lieblingskünstler. Ich mag Paul Klee und Franz Kline.

eggleston

Stimmt es, dass Sie niemals auch nur eine Prüfung an einer Universität abgelegt haben?

Ich wusste nicht, wozu das gut sein sollte.

Warum ist bei so vielen Ihrer Fotos der Mittelpunkt leer?

Manchmal intensiviert Leere. Viele Fotografen machen Bilder, auf denen ein Objekt zu 90 Prozent das Bild füllt. Deshalb war ich so beeindruckt, als ich das erste Mal den Fotoband „The Decisive Moment“ von Henri Cartier-Bresson sah. Er ging anders vor und war mehr von Degas beeinflusst. Wenn meine Bilder vom Labor kommen, stelle ich sie auf den Kopf, um mir die Komposition anzuschauen. Jemand hat mir erzählt, dass Bresson ebenso vorging.

Sie haben sich stets gegen Deutungen Ihrer Bilder gewehrt.

Mir ging es immer um die Komposition und nicht um Gefühle.

Warum konnten es die Kritiker trotzdem nicht lassen, Ihre Bilder als finster oder auch romantisch zu deuten?

Ernst habe ich das niemals genommen. Die meisten packen ihre Meinung über Mississippi in die Bilder, ohne jemals hier gewesen zu sein. Auch heute noch rede ich nicht gern über meine Fotos. All die Informationen bringt ein Bild mit sich. Ich weiß nicht, warum ich dazu noch etwas sagen sollte.

Hinter den Fotos verbergen sich Geschichten – so auch hinter Ihrem berühmtesten Bild, "Red Ceiling" ("Greenwood, Mississippi") von 1973.

Ich lag damals mit meinen Freund und seiner Frau im Bett, wir unterhielten uns. Ich blickte an die Decke und drückte ab. Er hatte gerade den Raum Rot gestrichen und fand die Farbwahl überhaupt nicht merkwürdig. Leider hat er das Foto nie gesehen. Sein Haus wurde angesteckt, und er verbrannte. Vielleicht ging es bei der Brandstiftung um Drogen, ich weiß es nicht.

Und wer sind die beiden zeitlos schönen Mädchen auf der Couch von 1975?

Das ist meine Cousine mit ihrer besten Freundin. Mit meiner Cousine hatte ich lange Zeit ein ernsthaftes Verhältnis.

Auch dieses Bild haben Sie wie all die anderen kein bisschen in Szene gesetzt?

Alles kam in diesem einen Moment zusammen, ich habe nur auf den Auslöser gedrückt. Sie haben einmal gesagt, dass Sie versuchen, neutrale Bilder zu fotografieren. Ich will nichts am Fotografierten verändern. Als Fotograf weiß man automatisch, dass bestimmte Farben gegeneinander kämpfen. Dass manche Kompositionen nicht funktionieren. Dass Komposition und Inhalt sich beeinflussen. Ich glaube, das kann man nicht erlernen. Jemand kann Musik studieren und wird dadurch trotzdem nicht musikalisch, wenn er die Musik nicht fühlt.

Empfinden Sie die Kamera als Verlängerung Ihrer Sinne?

Bresson hat seine Leica eine Verlängerung seines Auges genannt – das hat mir nie etwas bedeutet.

Besitzen Sie noch Ihre erste Kamera?

Es war eine Canon-Sucherkamera, 35 Millimeter, die ich später gegen eine Leica tauschte. Ein guter Schulfreund von mir, der sich wie ich für Technik und Musik interessierte und nicht so beschränkt wie die anderen war, hatte mich 1957 in Nashville dazu überredet, mir die Kamera zu kaufen. Er ist später Arzt geworden und hat nie wieder eine Kamera angerührt. Vergangenes Jahr ist er gestorben, viele meiner Freunde leben nicht mehr.

Wundern Sie sich, dass Sie bei Ihrem alles andere als gesunden Lebensstil noch gut in Form sind?

Es überrascht mich. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht viel esse.

"Ich bin ein Gast, der still vor sich hin arbeitet"

Vermissen Sie die wilden Zeiten?

Das Einzige, was mir fehlt, sind die leeren Straßen. Sich in seinen Wagen zu setzen und loszufahren. Mit dem Kurator Walter Hopps und Dennis Hopper habe ich einen Roadtrip durch New Mexiko gemacht, bei dem wir tagelang keinen Menschen sahen. Hopper besaß ein Haus in Taos an der Kontinentalen Wasserscheide. Es ist der schönste Ort, an dem ich jemals gewesen bin. Die Farben und der Einfall der Sonne waren so unwirklich, dass ich auf ein lockeres Felsenstück kletterte und beinahe in die Tiefe gestürzt wäre. Dennis Hopper hat mich gegriffen und mir das Leben gerettet.

Vor kurzem mussten Sie sich einer Augenoperation unterziehen. Hatten Sie Angst, nicht mehr fotografieren zu können?

Eine Zeitlang konnte ich nicht geradeaus gehen, aber arbeiten konnte ich weiterhin.

Würden Sie die Fotografie vermissen?

Ich glaube nicht. Denn ich habe das Gefühl, dass ich fertig bin. Auf jeden Fall würde ich weiter zeichnen. In meinem Archiv befinden sich mehr als 50 000 Aufnahmen, davon sind vielleicht 2500 veröffentlicht. Gelegentlich habe ich diese wundervollen Träume, in denen ich grandiose Fotos mache. Ich bin so glücklich in diesen Träumen. Aber dann wache ich auf und kann nichts mehr erinnern.

Für Ihre Arbeit reisten Sie durch die ganze Welt, Ihr Hauptstandort blieb jedoch Memphis.

Meine Frau stammt aus der Gegend, wir haben drei Kinder. Also blieben wir hier. Aber ich habe viel Zeit in New York verbracht. Ich hatte eine lange Beziehung mit Viva aus dem Kreis von Andy Warhols Factory. Wir lebten zusammen im Chelsea Hotel.

Was hielten Sie von Warhols Kunst?

Sie hat mich nicht weiter gestört. Ich fühlte mich ihr in keinster Weise verwandt.

Warum haben Sie kaum Fotos in New York gemacht?

Visuell war es nicht mein Territorium. Erst viel später war ich in der Lage, an fremden Orten zu arbeiten.

Hat Sie das politische Klima in den siebziger Jahren beeinflusst?

Das zog an mir vorbei. Die Bürgerrechtsbewegung oder Vietnam haben mich nicht beschäftigt. Für Politik habe ich mich niemals interessiert. Ich habe noch nie gewählt. Ich war niemals beim Militär und verabscheue Kriege.

Was interessiert Sie außer Kunst und Musik?

Schöne Frauen.

Sie besitzen eine große Sammlung antiker Waffen.

Es ist wie mit den Kameras, ich interessiere mich für die Mechanik. Manche Waffen sind so schön wie Schmuck. Als Kind litt ich unter starkem Asthma. Sobald ich draußen in der Kälte war, wurde ich krank. Also nahm ich niemals am Jagen teil, wie das in meiner Heimat üblich war. Dafür fing ich an, Klavier zu spielen. Immer, wenn ich am Flügel vorbei­lief, spielte ich ein wenig. Wie das Fotografieren habe ich mir auch das Klavierspiel selbst beigebracht. 90 Prozent aller Stücke spiele ich rein nach Gehör. Ich liebe Bach.

Warum sind Sie nicht Konzertpianist geworden?

Es war zu viel Arbeit, ich hätte zu viel üben müssen und zu viel Zeit verbracht, die Musik anderer zu spielen.

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Memphis-Ikone Elvis mochten Sie nicht besonders und dennoch gaben Sie bei einer Veranstaltung einen seiner Songs zum Besten.

Das war bei der Fuji-Preisverleihung in Tokio. Die Reden der anderen Teilnehmer waren dermaßen langweilig, dass ich mich auf die Bühne stellte und eine Strophe aus "Heartbreak Hotel" sang. Den Zuschauern gefiel es.

Wie hat es Sie geprägt, im Süden als Sohn einer Plantagenbesitzer-Familie aufgewachsen zu sein?

Darauf habe ich keine Antwort. Ich bin nicht gut mit Worten.

 

Rubrik Fotografie
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Das erste Bild in Ihrer Ausstellung in München ist ein Schwarz-Weiß-Foto, das Häftlinge auf einer Plantage zeigt.

An die Plantage meiner Großeltern grenzte ein Gefängnis. Wir fuhren jeden Tag mit dem Auto durch das riesige Gefängnisgelände. Für mich war das Alltag. Eines Tages machte ich vom Autofenster aus dieses Foto.

Was ist aus der Plantage geworden?

Es ist eine Baumschule. Ich war niemals dort, um es mir anzugucken. Die Plantage hat mich nie interessiert.

Sehen Sie die Welt mit anderen Augen als andere Menschen?

Hm.

Sehen Sie Dinge, die andere nicht sehen?

Diese Aussage gefällt mir. Ich bin gern unter Menschen, wenn ich fotografiere. Am liebsten ist es mir, wenn sie etwas zu tun haben, das nichts mit mir zu tun hat. Und ich bin ein Gast, der still vor sich hin arbeitet.

William Eggleston: The Democratic Forest

Termin: noch bis 17. Dezember in der Galerie David Zwirner in New York

Das Buch "William Eggleston: The Democratic Forest, Selected Works" mit einem Text von Alexander Nemerov erscheint in Koproduktion mit Steidl und kostet 55 US Dollar.