Regina Schmeken - Dortmund

Lichtgestalten und Schmerzensmänner

Mit ihren großformatigen Fotoarbeiten von Spielern der deutschen Fußballnationalmannschaft zeigt Regina Schmeken Bilder von Sportlern, wie man sie noch nie gesehen hat.

Frau Schmeken, was für ein Bild: Da springt Gómez in der Mitte hoch, rechts und links von zwei Verteidigern bedrängt, und der eine von ihnen schaut fast wie ein Engel in die Unendlichkeit – das ist wie ein Triptychon aus der Renaissance, eine Kreuzabnahme Jesu…

Ja, Gómez hat diesen prustenden Ausdruck im Gesicht, die Haare stehen ihm zu Berge, er wird von zwei Körpern flankiert, die einer Choreographie folgen, die aus der Notwendigkeit den Ball erreichen zu müssen, resultiert. Das ist geballte Energie, die diese drei Spieler vereint. Daher das faszinierende Moment, das sich auf den Betrachter überträgt.

Sie haben seit März 2011 bis zum Ende der EM 2012 die deutsche Fußballnationalmannschaft begleitet. Wie kam es dazu?

Nachdem ich Oliver Bierhoff in einer meiner Ausstellungen zufällig getroffen habe, fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, seine Mannschaft zu fotografieren, Das fand ich bemerkenswert. Aus dieser Begegnung ist dann dieses Projekt entstanden.

Wie viel Freiheit hatten Sie denn dabei?

Ich wollte auf keinen Fall "embedded artist" sein, also für eine bestimmte Nachricht oder Botschaft eingespannt werden. Ich durfte frei schalten und walten und erfuhr jede Menge ideeller Unterstützung von der Organisation, dem so genannten "Büro Nationalmannschaft" und deren Mitarbeiter.

Hatten Sie vorher schon mit Fußball zu tun?

Nicht wirklich, als Kind bin ich so gut geschwommen, dass ich bei Wettkämpfen mitgemacht habe, außerdem erhielt ich Ballettunterricht und mochte Tanz sehr gern. Auch beim Fußballspiel interessiert mich die Choreografie der um den Ball kämpfenden Männer, der Ablauf der Bewegungen. Mit dem Thema Fußball als Vorlage für Bewegungsstudien beschäftige ich mich fotografisch nun schon seit zehn Jahren, 2006 gab es dazu eine große Ausstellung im Berliner Museum für Fotografie – eine Rauminstallation zum Thema Fußball, Tanz und Fechten, mit riesigen Querformaten von zwei bis drei Metern.

Nun sind Sie ja auch Fotografin der "Süddeutschen Zeitung". Wenn Sie zu einem Sportereignis fahren, verstehen Sie sich dann in erster Linie als Sportjournalistin oder als Künstlerin?

Mit Sport-Journalismus hat das nichts zu tun, ich hatte auch keinen Auftrag von einer Zeitung. Fotografin für die "SZ" bin ich erst auf Anfrage geworden, nachdem ich schon fast zehn Jahre lang eigene Bildserien und mit diesen Ausstellungen realisiert hatte. Die Idee war, den Sport mit anderen Augen zu betrachten, Bewegung mit den Mitteln der Schwarz-Weiß-Fotografie sichtbar zu machen, indem ich Bilder von Körpern in extremen Situationen zeige.

Was mich immer fasziniert hat, waren nicht nur die Sportler, sondern auch die Fans, die Zuschauer. Bei einem DFB-Pokalspiel in München hielt eine Gruppe von ihnen ein Plakat hoch, auf dem ganz groß das Wort "Religion!” geschrieben stand. Das war natürlich ungeheuerlich.

Was bedeutet das für Sie: Körperbilder im Sport? Heißt das, dass Sie Menschen beim Sport beobachten, um Posen, Befindlichkeiten, Energien einzufangen?

Der Sport inspiriert mich für Bildfindungen. Mir geht es um die Wahrnehmung, um die Umsetzung und Verdichtung der so genannten Realität und einen subjektiven Blick auf die Dinge. Mein Thema ist die Subjektivität des Objektivs, das heißt eine subjektive Wahrnehmung mit der scheinbar so objektiven Technik der Schwarz-Weiß_Fotografie.

Nehmen wir mal dieses Foto von Klose und Podolski. Da bücken sich zwei Spieler zum Ball und scheinen aus der Perspektive der Kamera zu verschmelzen, es sieht aus, als hätten sie nur einen Kopf. Das war doch nur den Bruchteil einer Sekunde lang so zu sehen, oder?

Das war wohl eine Mischung aus Glück und schneller Reaktion auf eine ungewöhnliche Situation aus der idealen Perspektive. Dieses Bild erinnert mich an eine politische Fotografie, die ich 1994 im Hof des Charlottenburger Schlosses bei der Verabschiedung der Alliierten Streitkräfte gemacht habe. Der englische Premierminister John Major war zu Gast. Zusammen mit Helmut Kohl nahm er die militärischen Ehren ab, und dabei standen beide ziemlich deckungsgleich auf einem Podest. Von meinem Platz aus gesehen, ergab es sich, dass der Bauch von Kohl über den Bauch von Major, der ja wesentlich schlanker war, herausragte. Da wusste man nicht mehr, wessen Bauch man gerade sah. Durch diese Perspektive ist so ein ähnliches Doppelwesen entstanden, wie auf der Aufnahme von Miroslav Klose und Lukas Podolski, die zufälligerweise auch noch beide polnischer Abstammung sind.

Wie konnten Sie so schnell reagieren?

Wie ich schon sagte, hatte ich Glück genau an der richtigen Stelle zu stehen und durch das passende Objektiv zu schauen. Wenn es am anderen Ende des Fußballfeldes passiert wäre, hätte ich es nicht sehen können. Aber diese Situation mit Klose und Podolski, das war schon fast ein kontemplativer Moment, im Laufe eines in rasender Geschwindigkeit ablaufenden Fußballspiels. Die Spieler bückten sich scheinbar synchron nach dem Ball, denn Klose bindet sich eigentlich die Schuhe zu. Dabei haben sie sich kurz unterhalten, das war sicherlich auch ein Informationsaustausch.

Die haben sich was ins Ohr gesagt?

Ich glaube schon, auf dem Platz läuft eine subtile Art von Kommunikation zwischen den Spielern, oft auch nonverbal.

Und Sie haben das gespürt?

Es ging sehr schnell. Dann braucht man in dem Moment auch die richtige Brennweite. 99 Prozent meiner Bilder sind im Sucher komponiert. Das heißt, ich stelle nicht im Nachhinein einen Ausschnitt her. Das ist ein Credo von mir, alte Schule: Schau durch den Sucher und komponiere ein Bild. Ausschnitte mache ich nur in Ausnahmefällen.

Der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer schreibt in einem Text zu Ihren Fotos, richtig Sehen sei so schwer wie gut Schreiben. Kann man das erlernen?

Naja, man braucht wohl, wie so oft im Leben, so etwas wie eine Mischung aus Talent, Arbeit und Passion. Ich habe mich mit 15 für die Fotografie zu interessieren begonnen, habe dann mit der Kamera meines Vaters herumexperimentiert und schon beim Abitur Fotografie und Zeichnung in meiner Abschlussarbeit verglichen. Wir lernten im Unterricht Fotografie und Kameraführung, parallel zu Bildender Kunst und Kunstgeschichte. Damals kamen auch die ersten Video-Kameras auf den Markt, die habe ich natürlich ausprobiert. Doch habe ich mich dann für die Fotografie als Ausdrucksmittel entschieden.

Ihre Bildserien aus der Leichtathletik, die berühmten Fotografien von Stabhochspringerinnen, sind super-ästhetisch. Auch in den Fussballbildern kann man eine Art neuer Ästhetik sehen.

Bei der Leichtathletik habe ich vor allem Frauenkörper fotografiert – Körper, die springen, fallen und stürzen. Aber für mich ist die Ästhetik immer gekoppelt an Inhalte. Es gibt Bilder, auf denen man nur den Kopf und die Hände sieht oder die Beine, die nach unten stürzen. Steigen, Fallen, Schweben – das sind die verschiedensten Möglichkeiten, den Sprung darzustellen, die Überwindung der Schwerkraft.

Ich habe, um die Aussage zu verdichten, den Hintergrund geschwärzt. Die Fotografien sind ohnehin bei Nacht mit Flutlicht entstanden. Ich greife sehr in die Bildgestaltung mit den Mitteln der Bildbearbeitung ein, die früher in der Dunkelkammer stattfand, heute digital durchgeführt wird. Denn nur 50 Prozent meines Bildes entstehen bei der Aufnahme, die andern 50 Prozent durch eine bestimmte Auswahl, Bestimmung der Tonwerte, sowie eine spezielle Modulation des Lichtes. Es geht um die Frage: Worauf kommt es mir an? Was will ich zeigen? Viele Entscheidungen, die getroffen werden müssen.

Ist diese Auswahl auch ein Stück Absetzen von der Natur, der Eins-zu-eins-Darstellung, ein bewusster Antirealismus?

Das Fotografieren ist für mich eine ständige Reflexion und eine Reaktion auf das was uns umgibt. Früher bin ich mit dieser Auffassung übrigens ziemlich angeeckt. In den siebziger Jahren sahen die meisten die Fotografie als Mittel zur objektiven Dokumentation. Für mich war die Kamera immer schon ein hoch entwickelter Bleistift, mit dem ich sozusagen mit Licht zeichnen und einen sehr persönlichen Stil ent-wickeln kann. Darum sind meine Bilder schwarz-weiß. Es geht um Schreiben mit Licht. Ohne Licht würde diese Welt nicht existieren.

Kommen wir noch mal zu dem Gruppenbild zurück, wo der eine Spieler zur Seite guckt, Gomez in der Mitte und alle drei Mitspieler ganz verzerrt aussehen.

Ja, das ist ein Moment, wo diese ganze Anstrengung um den Ballbesitz sichtbar wird, um nichts anderes geht es die ganze Zeit. Die Spieler sind viel mehr als nur Athleten, sie bringen Opfer, sie geben ihr Äußerstes. “Am Ball bleiben” – das steht ja genau für Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen. Gerade bei der Nationalmannschaft. Die Nationalmannschaft hat ja gewissermaßen etwas Heiliges. Sie vertritt ähnlich der Kanzlerin die ganze Nation im Ausland.

Wir werden überall mit Bildern zugeballert, Fotos gibt es an jeder Hauswand. Werden da einzelne Bilder noch genau wahrgenommen?

Die Fülle der Bilder lenkt meiner Ansicht nach von den Inhalten ab. Besonders diese allgegenwärtigen Farbbilder müllen uns zu, verstopfen unsere Kanäle. Und das hat System: Es geht immer mehr in Richtung Marketing. Ein Bild soll dabei helfen zu verkaufen. Nicht die differenzierte Wahrnehmung ist gefragt, sondern die beschönigende Abbildung. Viele bekannte und berühmte Menschen versuchen heute Einfluss auf ihr Bild in der Öffentlichkeit zu nehmen. Sie möchten auswählen und autorisieren, somit kontrollieren und diktieren. Das ist eine Entwicklung , die man früher überhaupt nicht für möglich gehalten hätte.Viele Fotografien, die wir sehen, sind Werbefotografien,

In Ihren Bildern kann man den Adrenalinschub der Sportler sehen, jeden Muskel und jede Sehne. Wie gelingt Ihnen das als Fotografin?

Naja, die Objektive sind sehr gut und werden immer besser, und die Kameras ebenso. Dazu kommt die nachträgliche Belichtung des Bildes mit den Möglichkeiten der Bildbearbeitungsprogramme ist außerdem wichtig. Erst durch die Entscheidung, wie ich meine Ur-Datei, mein Negativ belichte, entsteht das Bild. Das sind keine Schnappschüsse. Ich “schieße” keine Bilder, so wie Gomez oder Müller aufs Tor schießen.

Regina Schmeken – Unter Spielern. Die Nationalmannschaft

bis 28. September, Dortmunder U, zur Ausstellung erscheint ein Katalog: "Regina Schmeken. Unter Spielern – Die Nationalmannschaft", Vorwort: Oliver Bierhoff, Texte von Axel Hacke, Albert Ostermaier, Willibald Sauerländer, Regina Schmeken
Deutsch, 160 Seiten, 82 Abbildungen in Duplex, 31 x 22,6 cm, Halbleinen, Hatje Cantz Verlag, 29,80 Euro

Vom 15. Juni bis 14. Septmeber sind die Bilder auch in einer Ausstellung in der Villa Stuck in München zu sehen.
http://www.dortmunder-u.de/programm