Saul Leiter - Hamburg

Der verstellte Blick

Über das Geschenk in der Unentdecktheit glücklich zu sein. Das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen präsentiert eine umfassende Retrospektive des amerikanischen Fotografen und Malers Saul Leiter.

Um Saul Leiters "Karriere" ranken sich zahllose Anekdoten und Geschichten, und fast möchte man meinen, es gäbe so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, dass sein Werk noch zu Lebzeiten wiederentdeckt wird. Einst vergaß er Edward Steichens Einladung zur Teilnahme an der Ausstellung "The Family of Man" in einem Buch. Später plante der französische Verleger Robert Delpire eine Monografie Leiters zu veröffentlichen, woraufhin dieser ihm antwortete, dass er dann gerne zwei Exemplare kaufen würde. Delpire meldete sich nie wieder. Gerhard Steidl erledigte diese Aufgabe dann Jahre später mit "Early Color" und machte den New Yorker Fotografen schlagartig bekannt. Die Hamburger Retrospektive bringt nun ein wenig mehr Licht in das Leben von Saul Leiter, der sich auch mit 88 Jahren noch ungern in die Karten schauen lassen möchte. Sein Galerist Howard Greenberg beschreibt es folgendermaßen, Saul sei in einem ständigen Prozeß sich selbst klein zu reden.

1923 in Pittsburgh als Sohn des angesehenen orthodoxen Rabbiners Wolf Leiter geboren, sollte er dem Vater beruflich nachfolgen. Doch Saul brach mit 23 Jahren sein Talmud-Studium ab und zog es vor, von Pittsburgh nach New York zu emigrieren. Er fand im Manhattaner East Village seine (künstlerische) Heimat, durch die er heute noch mit der Kamera streift und in der er immer noch fotografiert. Anfangs der Malerei zugewandt, bestärkten ihn der Maler Richard Pousette-Dart und der Fotograf W. Eugene Smith in seiner fotografischen Arbeit.

Die Deichtorhallen präsentieren nun nicht nur Leiters großartige Farbfotografien, die in den letzten Jahren immer mehr in den Blickpunkt der Kunstwelt rückten, sondern auch seine Gemälde, Modefotografien, Skizzenbücher und frühen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Leiter sagt, er frage sich immer noch scherzhaft, ob er ein Maler sei, der seine Zeit mit fotografieren verplempert, oder ein Fotograf, der die Zeit mit malen vertrödelt. Jenseits aller Koketterie, muss man nach dem Besuch der Werkschau festhalten, dass Leiter beides ist.
Man versteht aber auch, warum Leiter mit seinen Farbfotografien späte Anerkennung fand und nicht mit seiner Malerei. Nicht, dass er ein schlechter Maler wäre, jedoch verbinden sich in seinen Fotografien sein ausgeprägtes kompositorisches Talent, mit dem spontanen Blick des Flaneurs zu äußerst poetischen Dokumenten. Eine Qualität, welche die allermeisten Aufnahmen Leiters verbindet, ist eine Art "verstellter Blick". Fast immer ragen Elemente in den Bildraum, integriert er Spieglungen und Unschärfen, die den Blick auffächern. Der Betrachter schaut niemals einfach auf etwas, sondern er muss sich den Bildraum zurückerobern, die ineinander verschränkten Bildebenen entschlüsseln.

Seltsam zeitlos und entrückt

Leiter benutzt das East Village als Palette, als Fundus. Diese Bilder sind nicht einfach der Wirklichkeit entnommen, sondern aus ihnen erschaffen wir uns die Welt. Verstärkt wird die visuelle Unmittelbarkeit von Leiters Fotos durch eine beinahe aktuell anmutende Farbigkeit, die das nostalgische Moment in ihnen in Schach zu halten vermag. So wirken Leiters Farbfotografien auch 60 Jahre später noch seltsam zeitlos und entrückt, gleichzeitig aber niemals fremd.
Im krassen Gegensatz zu seinen reduzierten, manchmal fast entsättigt wirkenden Farbfotografien steht die Farbigkeit von Leiters Malerei. Sie ist grell, bunt, manchmal pastellig, aber niemals zurückgenommen. Und trotzdem erkennt man erstaunliche Parallelen, wie er die Leinwand aufteilt, die Flächen gegeneinander stellt und in Spannung bringt. So malerisch Leiters Fotografien wirken, so fotografisch wirkt seine Malerei.
Bislang galt William Eggleston nach landläufiger Meinung als erster Fotograf, der die Farbe in die Kunstfotografie brachte. Spätestens seit der Entdeckung von Leiters Werk muss dieses Kapitel neu geschrieben werden.

Gefragt wie ihm seine eigene Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen gefalle, antwortet Saul Leiter "terribly good" und fügt schmunzelnd hinzu: "Wenn ich nicht wüsste, dass ich diese Bilder gemacht hätte, würde ich sagen, das ist das Werk einer interessanten Person." Sein Galerist schüttelt den Kopf und lächelt.

Saul Leiter Retrospektive

bis 22. April 2012, Deichtorhallen Haus der Photographie, Hamburg. Katalog: Kehrer Verlag, während der Ausstellung 49,90 Euro, danach 58 Euro
http://www.deichtorhallen.de/

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